Teil 2 der Serie: Der Wendepunkt vor 50 Jahren

Erinnerungen an Studenten-Bewegung: Stolz auf "68er" prägt Göttingen

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Göttingen, 1968: Bei einer Demo gegen die Große Koalition ist links auch der spätere Kanzler Gerhard Schröder, der damals in Göttingen studierte, zu sehen.

Göttingen. Die Studentenstadt Götttingen gilt als eine Hochburg der Linken und Alternativen in Deutschland. Noch vor 50 Jahren hatte Göttingen aber einen ganz anderen Ruf. Den Wendepunkt markiert das Jahr 1968.

Die sogennanten 68er haben in ganz Deutschland ihre Spuren hinterlassen. Für Göttingen spielte die Protest-Kultur dieser Generation jedoch eine ganz besondere Rolle, wie Julian Schenke vom Institut für Demokratieforschung an der Uni Göttingen im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte. Noch heute ist diese herausgehobene Rolle der 68er in der Universitäts-Stadt zu spüren. Schenke nennt dafür mehrere Gründe.

Die universitären und studentischen Strukturen in Göttingen waren in den 1960er Jahren noch stark von der Burschenschaftsszene dominiert. Wie in vielen klassischen Uni-Städten prägten die Korps-Verbindungen das Bild der Stadt und die Studenten selbst. So gesehen muss die Gesellschaft in Göttingen zu jener Zeit eher als besonders konservativ, denn als besonders progressiv gesehen werden.

Das änderte sich gegen Ende des Jahrzehnts. „1968 bedeutete einen krassen Umschwung für Göttingen“, sagt Schenke. Die Uni-Stadt wurde zu einem der „wesentlichen Austragungsorte des Generationenkonflikts“. Und so brannte sich „68“ ins kolletive Gedächtnis der Göttinger ein. Und zwar als eine Veränderung zum Positiven.

Ob andersherum Göttingen als bedeutsam für die 68er-Bewegung galt, möchte Schenke nicht beurteilen: „Ich kann nicht einschätzen, wie berechtigt das ist, aber Göttingen wird in der Retrospektive schon als prägend für die 68er wahrgenommen.“

Diese Außen-Wahrnehmung spielt auch eine Rolle in der Selbst-Wahrnehmung jener Generation. Es schwingt dabei so etwas wie Stolz mit, selbst an dieser gesellschaftlichen Umwälzung mitgewirkt zu haben. Und das sogar bei Menschen, die selbst eigentlich gar nicht in der Bewegung aktiv gewesen seien, so Schenke. Es geht mehr um eine prinzipielle politische Einstellung. Schenke: „In Göttingen gibt es ein wohlhabendes Bürgertum, das sich 68 zuordnet. Die Haltung zur Gesellschaft basiert darauf.“

Ein Ergebnis dieser Entwicklung sei die Etablierung eines „festen SPD-Milieus“ in der Verwaltung und anderen Institutionen in Göttingen, ein anderes die Etablierung einer „linken Sub-Kultur“. Bei dem in Göttingen dominierenden „68-angehauchten Bürgertum“ herrsche eine „spezifische Sensibilität“, sprich Verständnis, für die linke Szene, so Schenke. „Linke Gruppen gelten hier als klassisch kritische Jugend. 68 und Göttingen als Hochburg der Linken wird immer zusammengedacht.“

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