Erinnerungen an eine schreckliche Vergangenheit

Lizzie Doron las am Holocaust-Gedenktag in der Paulinerkirche

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Das Schweigen der Mutter: Die israelische Autorin Lizzie Doron las am Holocaust-Gedenktag in der Paulinerkirche.

Göttingen. Die israelische Autorin Lizzie Doron las am 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in Göttingen.

„Wir als Biographieforscher wissen, dass es nicht möglich ist, die Tür zur Vergangenheit zu schließen und deshalb muss man sich ihr zuwenden um die eigenen Gegenwart zu verstehen.“ So begrüßte Nicole Witte vom Methodenzentrum Sozialwissenschaften der Uni Göttingen die aus Tel Aviv angereiste Autorin.

In der gut gefüllten Paulinerkirche las Doron auf hebräisch aus ihren beiden Büchern „Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?“ und „Das Schweigen meiner Mutter“. Mitglieder vom Bündnis „Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus – 27. Januar“ und „Offene Linke – Alles für Alle“ übersetzten die Worte der Autorin.

„Meine Vergangenheit ist schrecklich und sie bringt Dir nichts. Sie hat nichts mit Dir zu tun“, gab Mutter Helena ihrer Tochter Lizzie Doron mit. Doch Doron konnte damit nicht leben. 1953 in Tel Aviv in einem Stadtteil geboren, in dem Holocaust-Überlebende wohnten, begann Doron nach dem Tod ihrer Mutter Nachforschungen anzustellen und Geschichten zu sammeln , um das Schweigen der Eltern zu verstehen.

Wenn die Mutter alle zwei Wochen zu einem Kaffeetrinken einlud, sah Lizzie Nachbarn und Bekannte, die Nummern auf dem Arm tätowiert hatten. Als Kind dachte sie, die Nummern wären eine Identifikation, weil die Leute ihr Gedächtnis verloren hatten oder weil sie in Europa im Gefängnis gewesen waren. Noch bis heute kann sie sich an die Nummern der Bekannten, nicht aber an deren Namen erinnern. Lizzies Mutter ließ ihre Tätowierung entfernen. Sie wollte, dass man sich an ihren Namen „Helena“ erinnerte und nicht an ihren deutschen Namen, ihre Nummer.

Später fand Doron heraus, dass ihre Mutter im Holocaust ihren Mann und zwei Kinder verloren hatte und nach ihrer Flucht nach Tel Aviv mit Jakob, ebenfalls einem Holocaust-Überlebenden, zusammengekommen war. Als sie mit Lizzie schwanger wurde, bekam Jakob die Diagnose „Tuberkulose“ und Helena musste sich aufgrund der Ansteckungsgefahr zwischen ihm und Lizzie entscheiden. Erst acht Jahre später starb Jakob im Sanatorium. Auch davon wusste Doron nichts.

Noch heute fühlt Doron Frustration über das Schweigen ihrer Mutter und dass sie ihren Vater nicht getroffen hat. Sie sucht weiter nach Antworten, die ihre Mutter ihr nicht geben konnte. Und sie erinnert sich an Fragmente zurück: „Meine Mutter sprach immer davon, blond und blauäugig zu sein. Sie färbte sich und mir sorgfältig die Haare blond und malte unsere Augen auf Fotos blau – weil sie glaubte, dass nur die Blonden am Leben bleiben.“

Von Lisa Brüßler

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