Virtueller Tanz in den Mai

Erlebnisbericht eines Livestream-Wochenendes in Göttingen und Umgebung

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Die Band Wasted Origin mit Geburtstagskind und Sängerin Jan Melching.

Es ist Donnerstag, der 30. April. Normalerweise würde ich mich nach Feierabend mit Freunden treffen, gemütlich bei einem Getränk zusammensitzen und ab 23 Uhr in einem Göttinger Club in den Mai tanzen. Am 30. April 2020 ist alles anders.

Ich verlagere den Tanz in den Mai ins Internet und nehme meinen virtuellen Ausflug zum Anlass, am langen Wochenende einmal intensiver in das Göttinger Livestream-Angebot zu schnuppern. Was haben die Universitätsstadt und die Region für mich zu bieten? Was kann Internet in diesen Tagen, was die analoge Welt nicht kann und was werde ich vermissen?

Rundum-Unterhaltung im Alpenmax – Techno-Beats im Dots

Was ich bereits in den vergangenen „Corona-Wochen“ gelernt habe: Viele Veranstalter haben ihre Kommunikation in die sozialen Medien verlagert, willst Du „up to date“ sein, schau bei Instagram, Facebook und Co. - und mir wird auch klar, warum: Corona hat uns viel von unserer Planbarkeit genommen, dafür aber eine neue Form der Spontaneität gegeben. Konzerte und Partys, die vorher lange im Voraus organisiert wurden, finden jetzt zum Teil mit Vorankündigung von nur einem Tag oder wenigen Stunden statt. Und das ist auch gar nicht schlimm, denn: wir alle haben jetzt das, was wir vor Corona oft vermisst haben: mehr Zeit. 

Dance statt News 

Und so lasse ich mich treiben und finde mich um 20 Uhr an einem Ort wieder, den ich bisher eher selten besucht habe, dem Alpenmax. In Kooperation mit dem Backpackers Inn aus Einbeck und Radio Leinewelle gibt es im Twitch-Kanal des Clubs erst Livemusik, bevor ab 23.30 Uhr mit „Disdance“ der eigentliche Tanz in den Mai beginnen soll. Ich bin pünktlich und ziehe das Event den 20 Uhr-Nachrichten heute einmal vor. Während auf dem Bildschirm ein Countdown herunter zählt, machen die Moderatoren von Radio Leinewelle neugierig auf das, was jetzt kommt – für mich eine echte Überraschung: John Poppyseed spielt Coversongs von Bands wie den Foo Fighters, Oasis und Incubus und damit Musik, wie sie eigentlich eher im Exil nebenan zu hören ist. Jan Finkhäuser sorgt mit seinem Projekt Mary’s Bard dafür, dass ich plötzlich gedanklich in einem Pub in Dublin sitze, während die Band Wasted Origin aus Einbeck selbstgeschriebene Alternative-Rocksongs präsentiert. Und einen persönlichen Moment gibt’s noch obendrauf, denn Sängerin Jana hat heute Geburtstag. 

DJane mit Mundschutz 

Das muss bestimmt toll sein, seinen Geburtstag in Corona-Zeiten wenigstens in solch einem Rahmen feiern zu können, denke ich und schalte kurz rüber zum Dots. In der Cafe Bar aus der Barfüßerstraße wird unter dem Titel „Kollektiv Kleinstadt – Worstcase“ bei Facebook regelmäßig ein DJ-Livestream angeboten, heute mit Videkiss, die das Publikum zuhause seit 21 Uhr mit Techno zum Tanzen animiert. Das Setting düster-violett gehalten, steht die DJane lässig hinter den Plattentellern – mit Mundschutz, der im Alpenmax vor allem bei den Interviews zum Einsatz kommt, die zwischen den Live-Sessions mit den Künstlern geführt werden. Nicht zuletzt wegen der interessanten Gespräche entscheide ich mich dafür, den Rest des Abends in der „Alpe“ zu verbringen.

Balkan-Beats, Wohnzimmer-Konzert und Ausklang im Exil

Nach einer Livestream-Pause am Freitag gehe ich am Samstag noch einmal digital „auf die Piste“ – voller Spannung, was Stadt und Region heute für mich bereithalten. Und ich werde nicht enttäuscht: Um 20 Uhr treffe ich mich mit DJ Ringo im Nörgelbuff zur Gypsy Juice Party und wippe zu Balkan Grooves und Electro Swing mit den Füßen. Die Musik versetzt mich zurück in die Zeit, als ich die Party noch persönlich im Nörgelbuff besucht habe. Ich sehe mich vor meinem geistigen Auge mit meinen Freunden lachen und tanzen und bin dankbar für die schöne Erinnerung. 

Spontaner Ausflug 

Um 21 Uhr mache ich einen virtuellen Ausflug in den Osteroder Ortsteil Schwiegershausen, wo mich das Singer-Songwriter-Duo Melanie Mau und Martin Schnella mit seinem Percussionisten Simon Schröder begrüßt. Sie spielen „I See Fire“ von Ed Sheeran und viele weitere Songs in ihrem Wohnzimmer, die für echtes Lagerfeuer-Feeling sorgen. Während ich mich in der „Nicht virtuellen Welt“ nach meinem Nörgelbuff-Besuch vermutlich nicht noch spontan ins Auto gesetzt hätte, um für ein Konzert nach Osterode zu fahren, ist dies jetzt ohne weiteres möglich. Zudem kann ich mein Wochenende im Anschluss auch noch im Göttinger Exil zur Musik von DJ Claudio ausklingen lassen. 

Eine gute Alternative 

Ein Wochenende, das mich um einige Erfahrungen und Erkenntnisse reicher gemacht hat: Livestreams können das echte Erlebnis vor Ort zwar nicht ersetzen, aber eine gute Alternative sein, um das Warten auf die Zeit nach Corona zu überbrücken. Denn auch, wenn ich bei meinem „Experiment“ alleine vor dem PC oder am Smartphone gesessen habe, hatte ich durch die Kommentarfunktionen der anderen Gäste unter den Streams zu keiner Zeit das Gefühl, alleine „auszugehen“. Und wer weiß: Vielleicht wird das eine oder andere digitale Format sogar ein zusätzliches Angebot bleiben, wenn die Clubs wieder öffnen dürfen. Dazu, dass sie wieder öffnen dürfen und eine Existenz nach der Krise möglich ist, können die Livestream-Gäste ihren Teil beitragen – mit einer Spende. Infos dazu gibt es auf den Veranstaltungsseiten und Websites der jeweiligen Clubs.

Überblick: Livestream-Adressen der besuchten Events

Alpenmax: facebook.com/alpenmaxgoettingen 

Dots: facebook.com/cafebardots 

Nörgelbuff: facebook.com/Noergelbuff 

Melanie Mau und Martin Schnella: facebook.com/MelanieMauundMartinSchnella 

Exil: facebook.com/EXILGoettingen

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