Interview: Prof. Dr. Borwin Bandelow über sein Buch und böse Menschen

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Arzt und Autor: Prof. Dr. Borwin Bandelow liest am Sonntag im Deutschen Theater.

Göttingen. Ein Göttinger Autor wird beim Literaturherbst zum dritten Mal dabei sein: Das kommt nicht von ungefähr, denn Prof. Dr. Borwin Bandelow, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uni Göttingen, trifft zum wiederholten Mal den Nerv des Lesers.

Der 61-Jährige schrieb über die Probleme der Stars, berühmt zu sein („Celebreties“). Er verfasste ein populärwissenschaftliches Standardwerk für Millionen von angstgequälten Menschen („Das Angstbuch“). Und nun hat Bandelow wieder ein Buch auf die Bestsellerliste gebracht: Wer hat Angst vorm bösen Mann - Warum uns Täter faszinieren. Wir sprachen mit Bandelow über böse Menschen und das, was sie in uns - auch bei Opfern - an Glücksgefühlen auslösen können.

Herr Bandelow, Ihre Theorie, dass ein Mangel an Endorphinen bei Tätern für antisoziale Persönlichkeitsstörungen sorgt, die daraus resultierende Suche nach dem Kick auch für üble Verbrechen mitverantwortlich ist, beschreiben Sie anhand prominenter Täter. Warum?

Prof. Dr. Borwin Bandelow: Diese Täter, diese Fälle sind noch drastischer, noch illustrativer. Auch wenn es in dem Buch um ein schwieriges Thema geht, habe ich mir Mühe gegeben, es unterhaltsam wie einen Krimi zu schreiben, da eignen sich die prominenten Fälle besser. Ich habe aber auch eigene Fälle geschildert.

Wie sind Sie vorgegangen?

Bandelow: Ich habe im Internet recherchiert, hatte über viele Fälle etwas gelesen, mich dafür lange interessiert. Ich habe versucht, mit Zeitzeugen und Tätern zu sprechen und hatte dabei viele gescheiterte Versuche, wie mit dem Frauenmörder Thomas Holst, Amanda Knox und Natascha Kampusch. Ich hatte aber auch Glück, so mit der Juristin Astrid Wagner, die sich für den vielfachen Frauenmörder Jack Unterweger begeistert hat und von seiner - definitiv per DNA-Analyse widerlegten - Unschuld überzeugt ist.

Der Leser erfährt unfassbare Dinge über Täter und widersinnige Verhaltensweisen der Opfer. Wie können Opfer, die jahrelang eingesperrt und misshandelt werden, sogar Dankbarkeit gegenüber den Peinigern empfinden?

Bandelow: Ja, das ist so. Natascha Kampusch zum Beispiel hat Gefühle wie Dankbarkeit und Geborgenheit gegenüber ihrem Peiniger empfunden. Aber das ist erklärbar: Der Entführer ließ sie hungern. Das Kind hatte ständige Todesangst zu verhungern. Und Hunger ist neben Sex der wichtigste Antrieb des Menschen. Wenn der Entführer abends wiederkam, war sie glücklich darüber, weil es Essen gab. Ihr Gehirn schaltete von dem höheren, vernunftmäßigen Denken auf eine Ebene tiefer, wo es auf der Ebene eines Säuglings anzusiedeln war. Dann geht es nur um das Primärbedürfnis.

Und wie konnte sich die intelligente Astrid Wagner sich vom Massenmörder Unterweger derart blenden lassen?

Bandelow: Hier kommen mehrere Dinge zusammen: Es gibt das Phänomen der Gefängnisbräute, die sich zu Häftlingen - auch Mördern - hingezogen fühlen, sei es aus Fürsorge oder einer Art Helfersyndrom, aber auch, weil sie sich von dem Dunklen, Abgründigen faszinieren lassen. Und: Täter mit antisozialen Persönlichkeitsstörungen täuschen und manipulieren, das ist ein Kennzeichen dieser Erkrankung. Das erklärt ihre abscheulichen Taten und das Einnehmen von Menschen für sich, wie bei Astrid Wagner.

Haben Sie es auch schon erlebt, einen solchen Menschen sympathisch zu finden oder sogar von ihm fasziniert zu sein?

Bandelow: Ja, durchaus, in meiner Arbeit, aber auch in einem Interview für das Buch. Den Hochstapler Gert Postel hätte ich eingestellt, wenn er sich bei mir als Oberarzt beworben hätte. Und ich sah, wie sich meine Kollegen von antisozialen Patienten täuschen ließen, die eine frühere Entlassung erreichen wollten.

Hat sich für Sie durch die Arbeit am Buch auch Neues aufgetan?

Bandelow: Ja, das Gefühl, endlich verstanden zu haben, wie es bei den Opfern zu diesen paradoxen Verhaltensweisen kommt und warum antisoziale Menschen so sind wie sie sind. Und ich muss sagen, dass ich als Psychiater, der schon einiges erlebt hatte, erschüttert war über die Abgründe, die sich in diesen Fällen auftaten. Gleichzeitig bleiben Fragen, wie nach der wirksamen Therapie bei antisozialen Persönlichkeitsstörungen und dem Strafrecht in diesen Fällen. Und: Warum glauben die Opfer von Überfällen, dass die Täter o.k. sind, die Polizisten aber blöd? Und warum entwickeln nur fünf Prozent der Opfer diese Gefühle? Wo hört Schwärmerei auf, beginnt Verblendung?

Termin: Literaturherbst, Sonntag, 13. Oktober, 19 Uhr, Deutsches Theater: Borwin Bandelow: Wer hat Angst vorm bösen Mann. Moderation: Prof. Dr. Heyo Kroemer, Dekan der Medizinfakultät der Uni Göttingen, UMG-Vorstand.

Zur Person

Prof. Dr. Borwin Bandelow, geboren 1951 in Göttingen, ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychologe und Psychotherapeut. Er leitet als kommissarischer Direktor die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen und zählt zu den führenden Angstforschern. Bandelow hat mehrere Sachbuch-Bestseller geschrieben. Bandelow gilt auch als Erfinder der Ostfriesenwitze - kein Witz!

Von Thomas Kopietz

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