Festakt: Vor 70 Jahren hungerten Göttinger Studenten nach Wissen

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Die Aula am Wilhelmsplatz: Mit einem Festakt feiert die Universität Göttingen dort den 70. Jahrestag ihrer Wiedereröffnung im September 1945.

Göttingen. Die Georg-August-Universität war vor 70 Jahren die erste Hochschule in Deutschland, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges den Lehrbetrieb wieder aufnahm.

Das feiert Uni am Montag, 14. September, mit einem Festakt in der Aula am Wilhelmsplatz.

Einen solchen Ansturm hatte Göttingen noch nie erlebt: Tausende junge Menschen strömten im Spätsommer 1945 in die bereits mit Flüchtlingen und Kriegsrückkehrern überfüllte Stadt, um einen Studienplatz an der Georgia Augusta zu ergattern.

Am 1. September 1945 erhielt sie von der britischen Militärregierung die Erlaubnis zur Wiedereröffnung, am 17. September 1945 begann der Vorlesungsbetrieb.

4296 Studenten wurden für das Wintersemester 1945/46 zugelassen, mehrere tausend weitere Bewerber gingen leer aus. Viele Studenten einte vor allem eines: Sie hatten Hunger - nicht nur auf Essen, auch auf Bildung, Wissen und Kultur.

Die Lehrbedingungen waren schwierig. Es fehlte an Räumen und Heizmaterial, häufig fiel der Strom aus, ständig musste improvisiert werden: Philosophische Vorlesungen fanden im Hörsaal der Chirurgie statt, musikwissenschaftliche Veranstaltungen im mineralogischen Institut.

Die Universitätsbibliothek, die im November 1944 bei einem Bombenangriff erheblich beschädigt worden war, konnte nur eingeschränkt genutzt werden. Zwar waren die meisten Bücher in Sicherheit gebracht worden. Es gab aber keine Räume und Regale, um die eine Million Bände unterzubringen, so dass die Studenten nur sehr begrenzt Bücher ausleihen konnten.

Knapp ein Drittel der Studenten war in der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät eingeschrieben, fast 30 Prozent im Fach Medizin. Frauen stellten in der Medizin mehr als 30 Prozent, bei den Juristen nur 3,4 Prozent aller Studierenden.

Das juristische und wirtschaftswissenschaftliche Studium liege „der Eigenart der Frau weniger“, schrieb ein Autor in der Ende 1945 gegründeten Göttinger Universitätszeitung, aus der die Deutsche Universitätszeitung hervorging. Eine andere Autorin monierte, dass die Frauen nach der Rückkehr der Männer aus dem Krieg wieder aus der Hochschule herausgedrängt würden mit dem Argument, dass Frauen in einer „typisch männlichen Bildungsanstalt“ nichts zu suchen hätten.

Zu den ersten Studenten gehörte der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Er empfinde „tiefe Dankbarkeit“ für das, was die Universität Göttingen damals geleistet habe, sagte er später. Einige der damaligen Professoren hätten ihn tief beeindruckt, aber auch andere Menschen haben von Weizsäcker geprägt: „Die Freunde, die ich für mein ganzes Leben erworben habe, stammen aus dieser Göttinger Zeit.“

Ansturm wegen der Lage Göttingens 

Dass 1945 viele Studenten an die Universität nach Göttingen strömten, lag auch an der geopolitischen Lage der Stadt. Wenige Kilometer östlich begann die sowjetische Besatzungszone, von dort kamen täglich tausende Flüchtlinge über das Lager Friedland in die Region.

Viele Studenten aus dem Osten befanden sich in einer besonders prekären Lage. Abgeschnitten von Eltern und Familie besaßen sie meist nichts außer ihrer aus Uniformresten zusammengeflickten Kleidung. Um überleben zu können, mussten sie neben dem Studium mit allen möglichen Arbeiten Geld verdienen, zum Beispiel mit Holzhacken oder Kartoffelschälen in der Mensa. Manche gingen von Haus zu Haus, um Kämme oder Rasierklingen zu verkaufen.

Entnazifizierung nur bruchstückhaft 

Auch wenn in der Aula der Georgia Augusta nicht mehr die Büste Adolf Hitlers vor der Königswand platziert war, blieb die Entnazifizierung bruchstückhaft. Zwar war eine Reihe von Professoren und Dozenten, die sich in der NS-Zeit als Führungsfiguren hervorgetan hatten, ihrer Ämter enthoben worden. Andere, die nur aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit ohne wissenschaftliche Eignung einen Lehrstuhl zugeschanzt bekommen hatten, blieben jedoch in Amt und Würden.

Ein anderes Beispiel für Kontinuität an der Universität Göttingen gab der Historiker Karl Brandi: Er knüpfte an seine Vorlesung aus dem Wintersemester 1944/45 an und behandelte nach „Mittelalter I“ nun „Mittelalter II“.

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