Kongress in der Lokhalle

Es muss nicht immer hybrid sein: Kongress mit echten Begegnungen in der Göttinger Lokhalle

Innenraum der Göttinger Lokhalle. Stuhlreihen sind zu sehen, auf denen Menschen sitzen während einer Tagung
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Wissenschaft in der Lokhalle: Kongress der Europäischen Gesellschaft für Molekulare Bildgebung in der Lokhalle Göttingen.

In der Göttinger Lokhalle fand nun ein europäischer wissenschaftlicher Kongress mit rund 600 Menschen über vier Tage statt. Zu Pandemie-Zeiten eher eine Ausnahme.

Göttingen – Die Uni-Stadt trägt den Zusatz „Stadt, die Wissen schafft.“ Sie ist daher auch ein Ort, an dem in der „Außer-Corona-Zeit“ viele Kongresse und Tagungen stattfinden. Während der Pandemie gab es nur ganz wenige Treffen dieser Art in Präsenz.

Mit dabei waren als Gäste auch die Nobelpreisträger Stefan Hell und Erwin Neher, Wissenschaftsminister Björn Thümler, Uni-Präsident Metin Tolan, Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler und UMG-Vorstandssprecher Wolfgang Brück.

Prominenter Redner: Nobelpreisträger Prof. Stefan Hell stellte neueste Forschungsergebnisse vor.

Frauke Alves war bis März 2021 Präsidentin der Europäischen Gesellschaft für Molekulare Bildgebung (ESMI). Als solche hat es die Professorin und Leiterin der Arbeitsgruppe Tranlationale Molekulare Bildgebung am Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin und der UMG geschafft, die sonst in europäischen Metropolen stattfindende Jahrestagung der ESMI, also die EMIM, nach Göttingen zu holen.

Organisatorin des Kongresses: Prof. Frauke Alves.

Diese ging dank eines straffen Hygienekonzepts inklusive 3-G-Regel über die Bühne und zeigte: In der Lokhalle können Kongresse mit 600 Menschen in Präsenz während der Pandemie laufen. Aber auch die Organisatoren der EMIM-Jahrestagung und der Lokhalle mussten zittern und warten – ursprünglich war die Tagung für März 2021 vorgesehen.

„Die riesige, weitläufige Lokhalle hat uns einen idealen Rahmen geboten“, zeigt sich Frauke Alves noch Tage später begeistert. Geholfen haben neben der immensen Hallenfläche auch die verfeinerte Lüftungstechnik und neu geschaffenen, offenen Zusatzräume für parallel stattfindende Vorträge.

Erstmals genutzt wurde eine Übertragungstechnik: Die Teilnehmer konnten sich, von jedem Platz in der Lokhalle auf ihre Kopfhörer aus vier parallel stattfindenden Vorträgen den Wunschvortrag auswählen.

So entfiel auch das bei Kongressen häufige – und störende – Wechseln von Räumen sowie Unruhe und Bewegung. Und es gab keine Lautsprecher in der Halle, was die intensiven Gespräche am Rande ermöglichte. „Dieser Austausch ist für uns extrem wichtig, wir fördern ihn als Gesellschaft, benötigen ihn als beteiligte Wissenschaftler“, so Alves.

Intensive Gespräche: Neue Forschungsergebnisse und Technik wurden in Gruppen besprochen.

Der Bereich molekulare Bildgebung ist aufgrund des schnellen technischen Fortschritts enorm beweglich, neue Verfahren schaffen Erkenntnisse in biomedizinischer Forschung, ermöglichen es, neue diagnostische Strategien klinisch einzusetzen.

„Bedeutend ist dieser Informations- und Erfahrungsaustausch besonders, weil in unserem Bereich moderne molekulare bildgebenden Verfahren von Wissenschaftlern verschiedenster Bereiche entwickelt und angewendet werden, die sonst in dieser Form selten zusammentreffen“, sagt Alves und nennt Biologen, Mediziner wie Neurologen, Kardiologen und Onkologen, Physiker, Chemiker, Informatiker.

Dafür steht auch Prof. Stefan Hell. Der Nobelpreisträger und Direktor am Göttinger MPI für Biophysikalische Chemie ist Physiker, hat die Beugungsgrenze des Lichts geknackt – oder besser überlistet – und so dem Menschen nie da gewesene Einblicke in lebendige, kleinste Strukturen ermöglicht, per Lichtmikroskop. Diese Verfahren verfeinert das Hell-Team fortlaufend. In der Lokhalle stellte er Fortentwicklungen vor.

Schwerpunkt der EMIM-Tagung ist aber auch, dass vor allem junge Forscher ihre Ergebnisse präsentieren können und diskutieren. „Wir erfahren bei jeder Jahrestagung viel Neues“, schwärmt Alves und nennt ein Beispiel für eine gelungene interdisziplinäre Zusammenarbeit: Grundlagenwissenschaftler haben eine superschnelle Ultraschallmethode entwickelt, die jetzt in der Klinik angewendet wird, um ohne OP-Eingriff ganz neue, bisher so am Menschen nicht gesehene Einblicke in Struktur und Funktion von Hirngefäßen bei Erkrankungen zu erhalten.

„Wir arbeiten mit den neuen bildgebenden Verfahren immer an der Grenze von Forschung und Anwendung in der Medizin“, betont Frauke Alves, die ein schönes Fazit zog: „Die EMIM 2021 hat gezeigt, dass Präsenzveranstaltungen, die für den lebendigen wissenschaftlichen Austausch unverzichtbar sind, auch in Zeiten von Corona stattfinden können.“ (Thomas Kopietz)

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