Uni-Medizin Göttingen (UMG)

Ethikkommission der Uni-Klinik Göttingen: Mordserie als extremes Beispiel

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Autor „Tatort Krankenhaus“: Prof. Dr. Karl Beine.

Die Schutzräume Krankenhäuser und Pflegeheime sind oft auch Tatorte: Es kommt zu Gewalt gegen Patienten.

Göttingen – Extremes Beispiel war die größte Mordserie in der bundesdeutschen Nachkriegskriminalgeschichte: Der Krankenpfleger Niels Högel soll mehr als 80 Patienten in Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst ermordet haben. Wie kommt es dazu, dass Helfer zu Tätern werden? Wie lässt sich Gewalt an Patienten verhindern? Damit beschäftigten sich eine Veranstaltung des Klinischen Ethikkomitees und der Pflegedirektion an der Uni-Medizin Göttingen (UMG).

"Tatort Krankenhaus" - Professor aus Hamm forscht seit vielen Jahren

Professor Karl H. Beine, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am St. Marien-Hospital in Hamm und Mitautor des Buches „Tatort Krankenhaus“, forscht bereits seit vielen Jahren zum Thema. Bislang gebe es jedoch nur eine sehr vage Datenlage, sagte Beine. In den vergangenen 30 Jahren seien in den USA und Europa 50 Tötungsserien mit mehr als 900 nachgewiesenen erwachsenen Opfern aufgedeckt worden. Die tatsächliche Opferzahl dürfte höher sein.

Täter: Mehr als die Hälfte männliche Pflegekräfte

Bei der Analyse der Tätergruppe fällt auf, dass mehr als die Hälfte von ihnen männliche Pflegekräfte waren. Da rund 85 Prozent der Pflegemitarbeiter Frauen seien, sei der Anteil der Männer, die töten, „weit überproportional hoch“, sagte Beine. „Dieses Verhältnis ist ziemlich krass.“ Fälle von direkter Gewalt seien eher selten und kämen häufiger in Heimen als im Krankenhaus vor.

Täter machen immer weiter, wenn Verdacht nicht nachgegangen wird

Die Mordserien wiesen viele Gemeinsamkeiten auf. „Kein Opfer hat um Tötung gebeten“, sagte Beine. Fast alle Opfer seien hoch betagt und multimorbid gewesen, ihr Todeszeitpunkt überraschend. Oft habe es nur unzureichende Medikamentenkontrollen gegeben, und fast immer liege ein Führungsversagen vor. 

Auch eine resignative Arbeitsatmosphäre begünstige solche Taten: Wenn erkennbares Fehlverhalten nicht angesprochen, eine Häufung von unerwarteten Sterbefällen nicht untersucht und einem Verdacht nicht nachgegangen wird, können Täter immer weiter machen.

Nach Ansicht von Manuela Friesdorf, Beauftragte für die Weiterbildung im Bereich Notfallpflege an der Bildungsakademie der UMG, ist die psychische Stärkung von Pflegenden ein wichtiges Führungsthema. Pflegekräfte seien häufig Stresssituationen und hoher Belastung ausgesetzt.

UMG-Pflegedirektorin Helle Dokken: Wichtig Warnsignale zu beachten

UMG-Pflegedirektorin Helle Dokken hat in ihrem Berufsleben mehrfach mit Fällen von Gewalt an Patienten zu tun gehabt. Um solchen Fällen vorzubeugen, sei es wichtig, Warnsignale zu beachten, hinzusehen und zuzuhören. Außerdem könnten Hinweise an ein anonymes Meldeportal gegeben werden. Eines sei an der Göttinger Uni-Klinik ausgeschlossen: „Bei uns gibt es keine Auflösungsverträge mit einem guten Zeugnis.“

Niels Högel hatte gutes Arbeitszeugnis erhalten - konnte so Mordserie fortsetzen

Högel hatte, nachdem er in Oldenburg in Verdacht geraten und zur Kündigung gedrängt worden war, ein Arbeitszeugnis erhalten, in dem ihm auch bescheinigt wurde, „umsichtig, gewissenhaft und selbstständig“ gearbeitet und in „kritischen Situationen überlegt und sachlich richtig gehandelt“ zu haben. Mit diesem Zeugnis konnte er ans Klinikum Delmenhorst wechseln, wo er seine Mordserie fortsetzte.

 Von Heidi Niemann

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