Göttinger und Firmenmitarbeiter kalt erwischt

Evakuierung nach Bombenfund in Göttingen: Keine Klausuren und Reparaturen

Einsatz auf der Güterbahnhofstraße: Dort war der Bereich schon am Vormittags weiträumig abgesperrt worden.
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Einsatz auf der Güterbahnhofstraße: Dort war der Bereich schon am Vormittags weiträumig abgesperrt worden.

Die Göttinger und viele Beschäftigte von Firmen erwischte die Evakuierung wegen der Bombenentschärfung unvorbereitet. Wir haben uns umgehört.

Göttingen – Nur mal kurz ein Ersatzteil holen, wollte ein Mitarbeiter der Firma Suchfort Anlagenbau. Als er zurückkam, versperrte ihm ein rot-weißes Flatterband den Zugang zum Waageplatz. „Acht Familien sind ohne heißes Wasser, ich muss die Heizungsanlage reparieren“, erklärte er einer Mitarbeiterin des Ordnungsamts. „Das ist nicht absolut notwendig“, sagte diese nach Rücksprache mit der Polizei. „Dann lassen Sie mich wenigstens mein Werkzeug holen, damit ich meine anderen Aufträge abarbeiten kann“, bettelte der junge Mann. „Fragen Sie, ob einer der Mieter ihnen ihre Sachen mitbringen kann“, sagte die Ordnungsamtsmitarbeiterin. „Ich habe nur mit dem Hausmeister zu tun und der ist nicht vor Ort“, erklärte der Handwerker verzweifelt.

„Das ist mal ein Arbeitstag ganz anders“, meinte die Chefin eines Burger-Imbisss lakonisch. Sie wollte zu ihrem Fastfood-Lokal an der Weender Straße, durfte mit ihren Kollegen aber nicht passieren. „Wir verhandeln gerade mit der Polizei, damit sie für uns alle Hamburger braten können“, scherzte einer der Wachleute am Flatterband.

Mit dem Bus aus Grone-Nord war Latifa Heni gekommen. „Ich will zum Arzt; es war nicht einfach, den Termin zu bekommen“, sagte sie. Auch sie musste umkehren.

„Vor ein paar Minuten habe ich über WhatsApp die Nachricht bekommen, dass meine Klausur zum Thema Pflanzenkrankheiten ausfällt“, sagte Mathis Hilgemeier, der in Göttingen Agrarwissenschaften studiert. Er war zu Fuß aus der Südstadt gekommen. Im Maschmühlenweg erreichte ihn die Botschaft. Andere Studierende hätten bereits mit dem Schreiben begonnen und dann auf Anordnung der Polizei den Blauen Turm verlassen müssen, berichtete Hilgemeier.

„Von dem Bombenfund habe ich bereits kurz vor 8 Uhr erfahren“, sagte Dominik Hübner, der beim Aqua-Institut am Maschmühlenweg eine Ausbildung absolviert. Der Bus sei noch vor Erreichen der Haltestelle am Auditorium von Polizei und Feuerwehr gestoppt worden. Er hätte aussteigen dürfen. Viele andere seiner gut 70 Kollegen habe die Polizei später nicht mehr zu ihrer Arbeitsstelle durchgelassen. Eine davon war Ramona Walther. Sie wartete an der Ecke Güterbahnhofstraße, dass eine Aqua-Kollegin ihr Notebook vorbeibrachte.

Ein paar Meter weiter stand Uwe Döpel, der am Maschmühlenweg ein Büro für Landschaftsplanung betreibt. Mit dem Fahrrad war er die 20 Minuten von Eddigehausen aus nach Göttingen gefahren. Nun versuchte er vergebens seine beiden Mitarbeiter telefonisch zu erreichen. Sein Problem: Er kann mit seinem Laptop nur dann über das Netz auf seinen Firmenrechner zugreifen, wenn dieser angestellt ist. Der Computer war aber aus. „Ich werde mich ins Cafe setzen, einen Kaffee trinken und dann wieder nach Hause radeln“, erklärte Döpel.

Am Kreuzbergring Ecke Goßlerstraße war der Weg für ein Ehepaar aus Freden bei Hildesheim zuende. Sie waren morgens mit dem Zug nach Göttingen gekommen, um einen Arzttermin wahrzunehmen. Das etwas nicht stimmt, war ihnen bereits während der Fahrt mit dem Taxi aufgefallen. Mehrere Straßen waren gesperrt. Nun auf dem Rückweg kamen sie nicht mehr durch. „Wir haben eben einen Bekannten aus Freden angerufen und gebeten, uns mit dem Auto abzuholen“, sagte die Frau. Eine Stunde müssten sie nun warten. So lange dauere die Fahrt.

„Warum schließen denn alle Geschäfte“, wunderte sich eine Ladeninhaberin an der Weender Straße. Sie wählte den Notruf 110. „Sie müssen sofort alle Kunden fortschicken und zu machen, es gab einen Bombenfund am Weender Tor“, erfuhr sie. Eilig holte sie ihre Warenstände von der Straße in den Laden. Eine befreundete Filialleiterin sagte ihr: „Bei uns waren zwei Polizisten im Geschäft und überbrachten uns die Nachricht.“ (Michael Caspar)

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