Mit großem Kämpferherz gegen die Sucht

Ex-Fußballprofi Uli Borowka schildert sein Leben als trockener Alkoholiker

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Uli Borowka bei seinem Vortrag im ZHG der Universität Göttingen.

„Die Axt“ hat wieder zugeschlagen: Ex-Fußballer Uli Borowka erzählt in Göttingen aus seinem bewegten Leben – und nimmt  dabei kein Blatt vor den Mund.

Hintergrund der Podiumsdiskussion am Montag im Zentralen Hörsaalgebäude der Uni war die bundesweite Aktionswoche Alkohol. Borowka galt in den 1980er und 90er Jahren als einer der härtesten und besten Abwehrspieler der Liga. Mit Ankündigungen wie „Ich breche dir die Knochen, wenn du über die Mittellinie kommst“ schüchterte er schon mal den seine Gegenspieler ein. Dass er während seiner gesamten Karriere alkohol- und lange auch tablettenabhängig war, haben laut Borowka zumindest Teamkollegen und Trainer gewusst. Seit einer viermonatigen Entziehungskur im Jahr 2000 lebt der Ex-Profi nach eigenen Angaben abstinent. 2012 veröffentlichte er seine Autobiografie „Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“.

Tabuthema Sucht 

Einige Passagen daraus las er vor, andere Episoden erzählte er frei – und das äußerst unterhaltsam, aber zwischenzeitlich auch sehr emotional. Borowka ist schonungslos – zu sich selbst und anderen. Ob Lothar Matthäus, Jürgen Klinsmann, Jens Spahn oder die Bundes-Drogenbeauftragte Marlene Mortler: Borowka sagt offen, dass er nichts von ihnen hält. Vor allem geht es ihm aber um die Suchtprävention. Deshalb tourt er seit einigen Jahren quer durch die Republik und hält Vorträge wie diesen.

Die Sucht sei in Deutschland noch immer ein Tabuthema. Dabei „haben wir massive Probleme“, sagt Borowka. Selbst Alkoholkranke, die ihre Sucht besiegt haben, würden von der Gesellschaft ausgestoßen. Wenn er durch Städte geht, sehe er zum Beispiel Schüler, die morgens um halb Acht Bier trinken, erzählt er. „Wir setzen uns gerade bei Jugendlichen ein, weil sie noch nicht einschätzen können, wie gefährlich Alkohol ist“, sagt der Gründer des Vereins „Uli Borowka Suchtprävention & Suchthilfe“.

Die dort engagierten Menschen kümmern sich beispielsweise aber auch um Fußball-Nationalspieler, die Sucht-Probleme haben. „Die können nicht zu ihrem Trainer, Manager oder Präsidenten gehen, weil wir in einer reinen Leistungsgesellschaft leben.“ Das gelte auch für alle anderen Berufe. Die andere Seite der Leistungsgesellschaft sei aber, dass die Sucht solange stillschweigend akzeptiert werde, wie der Mensch funktioniere, also Leistung abliefere.

So war es bei Borowka selbst: Ihm half der Alkohol vermeintlich, mit dem großen Druck, mit dem er „Riesenprobleme“ gehabt habe, umzugehen.

Zerstörte Familie 

Einen großen Raum nahm auch das Thema Co-Abhängigkeit ein. Es war bewegend, als Borowka davon erzählte, wie sein Alkoholismus seine Familie zerstörte. Wie er alle um sich herum mit in die Sucht hineingezogen hat. Irgendwann hielt es seine Familie nicht mehr mit ihm aus, Borowka versuchte, sich mit einem Cocktail aus Medikamenten und Alkohol umzubringen. Am Ende vegetierte der ehemalige Multi-Millionär in einer 18-qm-Wohnung in Rheydt vor sich hin. Erst ein viermonatiger Aufenthalt in einer Spezialklinik rettete Borowka. Hier sah er ein, dass er Alkoholiker ist und besiegte seine Sucht.

Ulrich „Uli“ Borowka (57) ist ein ehemaliger deutscher Fußballspieler. Zwischen 1981 und 1995 bestritt er 388 Bundesligaspiele (19 Tore) für Borussia Mönchengladbach und SV Werder Bremen, mit dem er jeweils zwei Mal Deutscher Meister (1988 und 1993) und DFB-Pokalsieger (1991 und 1994) wurde. Zudem gewann Borowka mit den Werderanern den Europapokal der Pokalsieger 1992 und die polnische Meisterschaft mit Widzew Lodz (1997). 1988 bestritt er sechs Länderspiele. Nach eigenen Angaben war Borowka während seiner gesamten Profikarriere Alkoholiker. Seit 2007 ist er selbstständig im Bereich Sportmarketing tätig. Borowka lebt in Hämelerwald bei Lehrte in der Region Hannover.

Zitate: Uli Borowka über Alkoholsucht und die Gesellschaft 

"Ich bin über die Gefühle meiner Familie mit der Dampfwalze gefahren.“ 

„Wenn ich mich nicht für den Menschen interessiere, der für mich arbeitet, erkenne ich auch nicht, ob er Probleme hat.“ 

„Bevor ich in die Klinik kam, war ich Millionär – danach im sechsstelligen Bereich verschuldet.“ 

„Jeder Tag, den ich trocken bin, ist mir wichtiger als jeder Titel, den ich gewonnen habe.“ 

„Fußball ist ein Milliardengeschäft. Alles, was dem schadet, wird aussortiert.“ 

„Es ist nicht mehr mein Fußball; ich habe andere Werte.“ 

„Ich nehme wahr, dass unsere Gesellschaft immer mehr verroht.“ 

„Wenn du Leistung bringst, darfst du ein Mal in der Woche vom Stuhl fallen.“ 

„Jeder, der tagsüber an Alkohol denkt, ist Alkoholiker.

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