Ex-GSO-Musikdirektor

Christoph-Mathias Mueller: Göttingen darf noch mehr mit seinem Symphonieorchester werben

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Voll konzentriert und gern auch ein Lächeln auf den Lippen: So erlebten die Göttinger ihren Orchesterchef Christoph-Mathias Mueller, hier bei einer Benefizgala zugunsten von Projekten der Jugendarbeit in Göttingens Sportvereinen.

Göttingen. Auf der Bühne steht längst der Nachfolger Nicolas Milton, dirigiert die Musiker, mit denen Christoph-Mathias Mueller 13 Jahre lang gearbeitet hat. Der Ex-Konzertdirektor des Göttinger Symphonie Orchesters (GSO) hat die Stadt verlassen.

Ein Gespräch über eine intensive Zeit, Göttingen und die Musik.

Ära endet

Für die GSO-Mitarbeiter bedeutete der Abschied von Mueller den Aufbruch in eine neue Ära. Einige Tränen flossen, als der beliebte Chef im August sein Büro räumte. „Es war eine intensive Zeit, ein gutes Miteinander“, sagt Mueller ernster als sonst. „Ich konnte mich ja seit drei Jahren auf den letzten Tag hier vorbereiten.“ So lange steht fest, dass er nach 13 Jahren „sein“ GSO verlassen würde. „Es ist ein für seine Möglichkeiten herausragendes Orchester. Wir sind vom Programm den Orchestern in großen Städten ebenbürtig.“

Stolz auf Repertoire

Das könnte prahlerisch daherkommen, nicht aber aus Muellers Mund. Er ist einfach nur stolz auf seine Musiker, die mit ihm durch dick und dünn gegangen sind, vor allem aber viel gearbeitet, sich auch ein modernes Repertoire mit Stücken aus dem 20. und 21. Jahrhundert geschaffen haben. Diesen mutigen Weg ist das Publikum mitgegangen. „Auch bei unbekannteren Themen war der Saal fast immer voll“, schwärmt Mueller.

Seine Musiker hat der gebürtige Schweizer gefordert. Dennoch herrscht im Klangkörper eine geringe Fluktuation während der Ära Mueller herrschte. Wir haben mittlerweile viele neue Kinder in den Musikerfamilien, und ich kenne sie“, schmunzelt Mueller, der damit sagen will, dass die sonst öfter das Orchester wechselnden Musiker in Göttingen, beim GSO, einen Anker gesetzt haben, was auch für die erreichte Qualität spricht.

Das ist eine Entwicklung, die für Christoph-Mathias Mueller einen hohen Stellenwert hat. Er wollte das GSO stärker etablieren in Stadt und Region, als zugehörig zu Göttingen in den Köpfen festmachen. „Stadt und Menschen dürften ruhig stolz sein auf ihr GSO – und damit werben. Diese Werbung mit dem Orchester könnte aber noch intensiver sein“, kritisiert Mueller auch Stadtverantwortliche.

Mehr Selbstbewusstsein

Denn das GSO hat in der deutschen Musiklandschaft mittlerweile einen klangvollen Namen. „Das ist wichtig für das Selbstwertgefühl der Musiker, des Orchesters samt Mitarbeiter gewesen.“ Als Mueller kam, habe man nicht vor Selbstbewusstsein gestrotzt, trotz eines beachtlichen Repertoires und starkem Vorgänger Simonis.

Mueller wollte wie ein mannschaftsdienlicher Spielführer auf dem Fußballfeld, die Richtung und den Takt vorgeben, motivieren, das Niveau heben und so – für manchen vielleicht überraschende – Erfolge feiern.

Der Sohn aus dem Hause einer Lehrerfamilie aber hatte auch ein pädagogisches Interesse. Ziel für ihn war es immer, die Musiker und das gesamte Orchester besser zu machen. Dass dies gelungen ist, bescheinigen ihm Kenner und Kritiker – auch die Musiker.

Nun ist der Schweizer-Deutschen – er hat beide Pässe – weg. Aber er ging nicht gen Süden, sondern mit seiner Frau nach Hannover, fand dort in Bothfeld ein nettes Haus. „Hannover, weil ich von dort schnell nach Berlin, Hamburg, ins Ruhrgebiet komme – und nach Göttingen.“

Viele Freundschaften

Denn in der Uni-Stadt sind Freundschaften gewachsen, enge Bindungen entstanden. „Diese wollen wir nicht aufgeben.“ Beruflich wird er zunächst die Freiheit genießen, sich Zeit für die Musik und die Musikwissenschaft nehmen. Der Kalender weist bereits einige Gast-Dirigigat-Termine auf, trotz starker Konkurrenz in einem schwieriger werdenden Musikmarkt. Den Weggang bezeichnet Mueller grundsätzlich als „notwendig für alle Seiten“ – Chef und Mitarbeiter, Gremien. „Neue Impulse sind wichtig.“

Aber da sind schlussendlich auch noch die Ursachen im internen GSO-Bereich, die ihn vor drei Jahren bewogen haben zu sagen, 2018 ist Schluss. Die Einzelheiten darüber behält Mueller für sich. Bekannt ist: Es waren atmosphärische Störungen im Aufsichtsrat.

Nachtreten aber ist nicht das Ding des freundlichen Christoph-Mathias Mueller, der aber auch mit Biss um die Ressourcen, das Geld für das Orchester kämpfen konnte.

Freude auf der Bühne

Keine Frage: Christoph-Mathias Mueller hat Stil – wie stets bei den Auftritten am Dirigenten-Pult, von dem er auch den vielen Nicht-Klassik-Experten Freude sowie Wissenwertes vermittelt und so deren Interessen an der E-Musik, die gar nicht ernst sein muss, geweckt hat. Er tat das als GSO-Chef mit einer sicht- baren Freude.

Viele Göttinger werden Mueller vermissen, auch, weil er stets ein nahbarer Mensch war, ob nach Konzerten auch beim zufälligen Treffen in der Stadt, wenn er sich ein Eis auf die Hand kaufte.

Aber Christoph-Mathias Muller ist ja nicht ganz weg. Dafür haben 13 Jahre zu viel bewirkt. Und: Hannover ist nur 37-ICE-Minuten entfernt.

"GSO wird beachtet" - Drei Fragen an Christoph-Mathias Mueller

Kein Ruhesitz: Christoph-Mathias Mueller hat im August das Göttinger Symphonie Orchester (GSO) verlassen und ist nach Hannover gezogen. Er blickt im HNA-Gespräch auf eine intensive Zeit zurück und tritt nicht nach.

Christoph-Mathias Mueller war 13 Jahre der künstlerische Kopf des Göttinger Symphonie Orchesters GSO. Wir fragten zu dieser langen künstlerischen Verbindung nach.

Haben Sie Göttingen, das keine Metropole ist, auch nicht in der Musikszene, je als provinziell empfunden und wo steht das GSO? 

Christoph-Mathias Mueller: Göttingen ist nicht Berlin. Aber: Provinziell ist weder die Stadt noch das Orchester und andere Kultureinrichtungen. Das GSO hat ein großes Potenzial entwickelt. Das Niveau der Orchester ist generell gestiegen. In kleineren Orchestern spielen tolle junge Musiker – auch im GSO. Qualitativ sind die Unterschiede zwischen A-, B- und C-Orchestern geringer geworden. Riesenunterschiede aber gibt es bei den Ausstattungen wie Garderoben und Übungsräume. Wenn ich zu Rundfunkorchestern komme, sehe ich: Das sind andere Welten – auch vom Selbstverständnis her.

Stichwort Selbstverständnis: Sie haben stets auch appelliert, dass das GSO ein Renommee hat, ein Aushängeschild ist.. 

Mueller: Absolut. Das wird noch zu wenig genutzt, von der Stadt, in der Stadt. Denn: Der Anspruch hier ist nicht gering – hier leben viele Wissenschaftler, die überall auf der Welt arbeiten könnten. Sie erwarten Qualität, wenn sie in die Konzerte kommen. Das Publikum habe ich auch als sehr offen für Neues kennengelernt. Kurzum: Göttinger ist ein interessanter Ort für Musiker.

Das GSO ist in der nationalen wie internationalen Musiklandschaft bekannter geworden, warum? 

Mueller: Da waren die CD-Produktionen – zum Teil auch über Förderer finanziert – und sogar ein Echo für unsere CD mit russischen Oboenkonzerten. Da haben wir Nischen gefunden. Und der Echo war der Beweis, dass wir wahrgenommen werden und marktfähig sind. Und unsere China-Tourneen wurden stark beachtet. Das wird auch nachwirken. Es hat auch für das Orchester als Team viel bewirkt – auch für das Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis.

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