Viel Applaus für „Nora“ in Göttingen

Exil-Künstler aus Damaskus feiern Premiere im ehemaligen IWF

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Die Vergangenheit bleibt gegenwärtig: Nora, gespielt von Jasmina Music (links), und Essam (Johannes Meier) bei der Uraufführung von „Nora und ihr anderer Name) im ehemaligen IWF am Göttinger Nonnenstieg.

Göttingen. „Nora und ihr anderer Name“ heißt das Stück von Ayham Abu Shaqra, das im Theater im IWF eine ausgiebig beklatschte Uraufführung des Regisseurs Wessam Talhouq erlebt hat.

Im Rahmen des boat people projekts haben Exil-Künstler aus Damaskus die künstlerische Federführung übernommen.

Bleiben oder gehen, das ist die Frage. Ghufran will fort aus Syrien, wo das Leben von Unsicherheit geprägt ist. Doch da ist Essam, mit dem sie leben möchte. Wird er ihr folgen oder bleiben? Auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft erfährt sie viel, was sie von einem neuen Leben abhalten könnte. War ihr Familienleben wirklich glücklich?

Wie in einem Cocon sitzt sie im ersten Bild, abgeschirmt von langen Schärpen, die hin und her bewegt das Bühnenbild gestalten. Projektionen auf den Fahnen erzählen Geschichten, Fotos von „glücklichem Familienleben“. Immer tiefer bohrt sich Ghufran in ihr altes Leben in Damaskus: Sie hat viel erfahren, dabei gibt es Dinge, die sie niemals wissen wollte. Und auch in ihrem neuen Leben als Nora – niemand habe in ihrem neuen Leben ihren Namen richtig aussprechen können – bleibt die Vergangenheit gegenwärtig. Nirgendwo kann sie zu sich finden, ihr altes und ihr neues Ich friedvoll vereinen.

Von unglaublicher Dichte ist die Inszenierung des Stücks „Nora“ vom Freien Theater „boat people projekt“ und den Künstlern aus Damaskus - mit arabischen Untertiteln. Fast ist es, als streiche die eigene Mutter jedem der Zuschauer über die Haare, als sie versucht, mit dieser Geste für Tochter Noch-Ghufran die stürmisch tobenden Wogen zu glätten.

Tief greift die Arbeit von Regisseur Wessam Talhouq. Im Produktionsteam seien Menschen aufeinandergetroffen, die schon in ihrer alten Heimat gemeinsam Theater gemacht hätten, erzählt Nina de la Chevallerie (Produktion). Aus Hannover, Schweden und Frankreich haben sich die syrischen Künstler zusammengefunden. In Göttingen haben sie mit den Schauspielern Franziska Aeschlimann (Mutter), Imme Beccard (Widad), Christoph Lindner (Rabih), Johannes Meier (Essam und Fadi) sowie Jasmina Music (Ghufran/Nora) an Herz und Nieren gehendes Theater geschaffen.

Nach jeder Premiere folgt die Dernière. Für „Nora“ ist sie am Dienstag, 26. Juni, im Theater im ehemaligen IWF, Nonnenstieg 72; auch heute, 25.6., ist die Vorstellung dort zu sehen (Beginn: 19.30 Uhr). Dann werden dort die Türen für immer geschlossen, das Gebäude soll abgerissen werden. Für das Freie Theater boat people projekt geht es in einer alten Fabrikhalle in der Stresemannstraße weiter, sagt Regisseur Wessam Talhouq.

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