Forschung: Experimente mit Puppe revolutionierten Skisprung

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Versuche mit einer Puppe: Im Windkanal des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Göttingen forschte Reinhard Straumann zu der idealen Körperhaltung des Ski-Springers. Das Bild stammt aus dem Archiv des DLR.

Göttingen. Eine 50 Zentimeter große Puppe revolutionierten den Skisprung-Sport: Das zeigen Forschungsberichte aus dem Zentralen Archiv des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Göttingen.

Der Schweizer Flugzeugingenieur Reinhard Straumann begann in den 1920-er Jahren zu Geschwindigkeit, Technik, Körperhaltung und zu Schanzenprofilen im Skisprung zu forschen. Dafür experimentierte er mit Springerpuppen im Göttinger Windkanal der Aerodynamischen Versuchsanstalt Göttingen, dem Vorläufer des heutigen DLR.

„Straumanns Windkanalsuntersuchungen waren eine zukunftsweisende Entwicklung weg vom Bauchgefühl-Springen hin zu einer wissenschaftlich fundierten Technik“, sagt der Ski-Historiker und Direktor des Deutschen Skimuseums, Dr. Gerd Falkner.

Fliegen wie ein Fisch

Für seine Versuche hängte Straumann eine Puppe in einen Windkanal und überprüfte an ihr die aerodynamisch günstigste Körperhaltung für den Wintersport.

Das Ergebnis: Straumann erkannte, dass ein Springer die besten Weiten erzielt, wenn er eine Flughaltung annimmt, die dem Prinzip von Flugzeugtragflächen nachempfunden ist. Dafür segelten die Springer mit angelegten Armen in weiter Körperhaltung parallel zu ihren Sprung-Ski. Nur die Hände durften dabei wie Fischflossen im Wasser die Richtung korrigieren, woraus sich die Bezeichnung Fisch-Stil ableitete. „Vorher haben die Springer permanent mit den Armen gerudert. Straumanns Technik hatte den großen Vorteil, dass er Ruhe in das System brachte und damit weniger abbremste“, erklärt Falkner.

Es sollte allerdings 20 Jahre dauern, bis der aus Straumanns Forschungen entwickelte Sprung-Stil in der Praxis angewandt wurde: Ab 1953 etablierte sich der Fisch-Stil bei der ersten Vierschanzentournee. Der späte Erfolg kam aus sportpolitischen Gründen, erläutert Falkner, denn man sei vorher nicht daran interessiert gewesen, „immer weiter zu springen“.

Erst der in den Achtziger Jahren entstandene V-Stil beendete den Siegeszug von Straumanns Fisch-Stil.

Experimente im Windkanal 

Weitere Windkanalversuche in Göttingen gab es in den 1930er Jahren im Auftrag des Skivereins Norwegen zum „Luftwiderstand beim Skisprung“. Auch danach fanden immer wieder Untersuchungen an Wintersportlern in Kooperation mit Forschern des DLR statt. Zuletzt half das Zentrum der deutschen Paralympics-Nationalmannschaft im Ski Alpin, die windschnittigsten Haltung zu finden.

Derzeit arbeiten über 480 Experten im DLR. Für experimentelle Untersuchungen stehen mehr als 20 Windkanäle und Großforschungsanlagen zur Verfügung. 

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