Untergangsstimmung beschleunigt Entsiedelung der Dörfer

+
Heckenbeck aus der Luft: Das Dorf im Landkreis Northeim begegnet dem demographischen Wandel erfolgreich.

Göttingen. Mit Berichten über den demografischen Wandel gehen oft Szenarien über entvölkerte Dörfer einher. Ein falsches Bild, sagt nun ein Göttinger Wissenschaftler.

Nach Ansicht des Göttinger Wissenschaftlers Ulrich Harteisen ist das oft skizzierte Bild nicht richtig. Es gebe keinen Grund zur Panik.

Immer neue Schlagzeilen und Berichte über den Bevölkerungsrückgang auf dem Land beschleunigen nach Ansicht von Wissenschaftler Harteisen die Entsiedelung von Dörfern und Regionen. „Die Situation, die wir im Moment erleben, ist zum Teil dadurch gekennzeichnet, dass eine Art Untergangsstimmung im Vordergrund steht“, sagte der Professor für Regionalmanagement von der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK).

Anders als in der Öffentlichkeit wahrgenommen gebe es die einfache Zweiteilung „Stadt ist immer positiv“ und „Land ist immer negativ“ nicht, sagte Harteisen, der Referent beim Zweiten Demografiekongress der Landesregierung ist. Neben Regierungschef Stephan Weil wird sich auch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (beide SPD) zum demografischen Wandel in Deutschland äußern.

Laut einer Prognose werden Niedersachsens Einwohner immer weniger - und das auch noch besonders in ohnehin schon schwachen Regionen. Vor allem das Leine- und Weserbergland sowie der westliche Harz, Lüchow-Dannenberg und die Gegend um den Jadebusen sind betroffen. Laut der Prognose der NBank verliert Niedersachsen bis 2035 rund 370.000 Einwohner, ein Rückgang von knapp fünf Prozent.

„Der Verlust von Einwohnern im ländlichen Raum ist in vollem Gange. Das ist sicher Fakt, hat aber damit zu tun, dass die Bevölkerungszahl insgesamt zurückgeht. Für Niedersachsen geht es um Hunderttausende, in der Bundesrepublik geht es um Millionen Menschen“, sagte Harteisen.

Der 52-Jährige wies darauf hin, dass es Versuche gebe, die Abwanderung aus dem ländlichen Raum zu stoppen. „Jetzt gibt es zaghaft wieder erste Ansätze, wo Existenzgründer, die global ihre Waren verkaufen, ganz bewusst zurück aufs Land gehen. Weil dort etwa Immobilien günstiger sind. Wichtig ist da aber, dass es schnelles Internet gibt.“

Harteisen beklagte, dass zu wenig getan worden sei, um die negative Entwicklung zu stoppen: „Man diskutiert den demografischen Wandel seit mehr als 30 Jahren und hat zu wenig unternommen. Jetzt ist es in einigen Regionen bereits fünf nach zwölf.“

Keine schnelle Entsiedelung

Dennoch gebe es keinen Grund zur Panik. „Es wird nicht zu einer ganz schnellen Entsiedelung ländlicher Räume kommen. Es gibt immer noch viele Menschen, die sagen, ich will in meinem Dorf bleiben und dort auch alt werden.“ (lni)

Positiv-Beispiel: Heckenbeck ist ein Dorf mit ganz viel Zukunft

Es gibt aber auch positive Beispiele: Zu denen gehört in Südniedersachsen die Ortschaft Heckenbeck bei Bad Gandersheim.

Wie dort dem demographischen Wandel erfolgreich begegnet wird, hat Marit Schröder in einer preisgekrönten Masterarbeit beleuchtet, die von Demographie-Experte Ulrich Harteisen betreut wurde. Das Geheimrezept der 470-Seelen-Ortschaft: „Die Offenheit der alteingesessenen Bevölkerung gegenüber neu Zugezogenen und Veränderungen sorgt für eine offene und kreative Atmosphäre, in der Ideen entstehen und Menschen sich begegnen können.“

Schröder hat in der Untersuchung festgestellt, dass Heckenbeck eine für den ländlichen Raum besondere Lebensqualität hat. Die Ortschaft besitzt ein sehr aktives und differenziertes Dorf- und Vereinsleben und eine sehr gute infrastrukturelle Ausstattung, so das Fazit.

Dazu gehören beispielsweise die Weltbühne mit ihrem vielfältigen kulturellen Angebot sowie die Freie Schule mit ihrem besonderen pädagogischen Förderkonzept.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.