Experten suchen Feldhamster in Göttingen: Volkszählung im Untergrund

Den Feldhamstern auf der Spur: Biologin Pamela Höher und Landschaftsplanerin Berit Schulze untersuchen die Äcker im Göttinger Uni-Nordbereich. Foto: Niemann

Göttingen. Feldhamstern und ihren Bauten sind Mitarbeiter von Göttinger Planungsbüros auf der Spur. Deshalb läuft derzeit auf Äckern im Uni-Nordbereich eine besondere Volkszählung.

Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Szene in einem Wildwest-Film: Auf einem Feld im Norden von Göttingen stellen sich vier Menschen in einer Reihe auf. Dann gehen sie in gleichmäßigem Abstand voneinander zielstrebig in die gleiche Richtung. Schnell kommt es zum „Showdown“. Eine Aktivistin auf dem Acker zeigt auf ein kreisrundes Loch im Erdboden. Das ist gewissermaßen ein Volltreffer. Es ist der Eingang zu einem Hamsterbau.

Sieben Hektar

Die Menschen auf dem Acker sind Mitarbeiter eines Planungsbüros, die herausfinden wollen, wie viele Feldhamster auf einem insgesamt sieben Hektar großen Gelände im Nordbereich der Universität leben. Da sich die scheuen Tiere nur selten blicken lassen, erfassen die Gutachter stattdessen die Zahl der ihrer Bauten. Da jeder Hamster einen eigenen Bau besitzt, den er gegen Artgenossen verteidigt, lässt sich anhand der Bautätigkeit die Population abschätzen.

Antliche Betreuung

Die Volkszählung im Göttinger Untergrund ist fester Bestandteil einer amtlich organisierten Nagetierbetreuung, die bundesweit einmalig sein dürfte und sogar in einem städtebaulichen Vertrag zwischen der Universität und der Stadt Göttingen geregelt ist. Der „Fach- und Managementplan zur Sicherung und Förderung des Hamsterbestandes“ soll vermeiden, dass es noch einmal zu einem Konflikt wie Ende der 1990-er Jahre kommt.

Geschützte Art

Damals hätten die streng geschützten Feldhamster beinahe den Bau eines biowissenschaftlichen Zentrums verhindert, weil sie ausgerechnet auf dem Nordcampus ihre Bauten angelegt hatten. Damit sich Hamster und Forscher bei weiteren Bauvorhaben nicht wieder in die Quere kommen, will man die Hamster auf Flächen locken, die außerhalb des Bebauungsplans liegen.

Zweimal im Jahr

Zweimal jährlich suchen die Mitarbeiter des Planungsbüros die beiden dafür vorgesehenen Ausweichflächen ab, um zu prüfen, wie sich die Population entwickelt hat. An diesem Vormittag haben sich die Gutachter das größere Gelände nördlich der Otto-Hahn-Straße vorgenommen. „Es sieht nicht schlecht aus“, meint Landschaftsplanerin Berit Schulze. Die Hamster scheinen gut über den Winter gekommen zu sein, nach kurzer Zeit hat das Suchkommando bereits zwölf Bauten entdeckt. Die Experten wissen, worauf sie achten müssen, um die Eingänge im Boden zu finden. „Hier sieht man zum Beispiel einen regelrechten Fraßkreis im Getreide“, sagt Schulze.

Erfassung mit GPS-Gerät

Jeder Hamsterbau wird mit einem GPS-Gerät genau lokalisiert und erfasst. Am Ende der mehrstündigen Kartierungsaktion sind es 25 Bauten. Die zweite Fläche wollen sich die Gutachter ein paar Tage später vornehmen. (pid)

Uni ist mt Zwischenergebnis der Frühjahrsaktion zufrieden

Dirk Augustin, Leiter der Versuchswirtschaften der Universität Göttingen, ist mit dem Zwischenergebnis der Frühjahrszählung zufrieden.

„Das zeigt, dass die Population stabil ist.“ Auch eine niedrigere Zahl wäre noch kein Grund zur Beunruhigung. „Nagetierpopulationen unterliegen immer großen Schwankungen.“

Damit die Feldhamster sich wohl fühlen, wird auf diesen Uni-Flächen ein vielfältiges Nahrungsangebot angebaut. „Luzerne ist ganz wichtig“, sagt Augustin. Daneben gibt es Weizen, Roggen und Gerste sowie Blühstreifen und Wildkräuter.

Entscheidend für das Wohl des Hamsters ist, dass er unweit seines Baus die ganze Vegetationsperiode über etwas findet, womit er sich die Backen vollstopfen kann. Eine hamstergerechte Bewirtschaftung sei durchaus verzwickt, meint Augustin. Mit reinem Bio-Landbau sei den vom Aussterben bedrohten Tieren nicht geholfen. „Man muss aufpassen, dass Gräser und Quecken nicht die Oberhand gewinnen.“ Öko-Bauern versuchen dies durch Pflügen zu erreichen. Damit würde man jedoch die Bauten zerstören. Ganz ohne Spritzmittel lässt sich kein Feldhamster-Paradies schaffen. (pid)

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