Sondierungen gehen 2022 weiter

Explosive Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg: Das Jahr der Blindgänger in Göttingen

Bombenkrater am südlichen Ende der Pfalz-Grona-Breite in der Göttinger Weststadt
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Bombenkrater am südlichen Ende der Pfalz-Grona-Breite in der Göttinger Weststadt: In der Nähe der St. Godehard-Kirche (unten rechts) waren Ende Januar Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gesprengt worden. (Archivbild)

Der Zweite Weltkrieg wirft bis heute seine Schatten auf Göttingen. Gleich mehrere Blindgänger mussten bei zwei größeren Aktionen Ende Januar und im Oktober entschärft werden. Dabei waren größere Evakuierungen notwendig.

Göttingen – Im neuen Jahr geht die vor einigen Wochen begonnene Suche nach explosiven Überresten aus dem Weltkrieg weiter. Das kündigt die Stadtverwaltung an.

Vier große Bomben Ende Januar entschärft

Der größte Einsatz für die Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes des Landes war in der Nacht zu Sonntag, 31. Januar, die Entschärfung von vier 500-Kilogramm-Bomben mit Langzeitzündern im Bereich der Godehardstraße. Sie mussten kontrolliert gesprengt werden, da eine Entschärfung vor Ort nicht möglich war. Dieser Einsatz war mit der Evakuierung von mehr als 8000 Anwohnern im Umkreis von 1000 Metern um die Fundstellen verbunden. Für die Verantwortlichen war die Planung dieses Großereignisses mitten in der Corona-Krise eine große Herausforderung.

Überraschungsfund im Oktober

Völlig überraschend kam jedoch am Donnerstag, 7. Oktober, in den Morgenstunden ein 250-Kilogramm-Blindgänger bei Bauarbeiten am Weender Tor vor dem Auditorium zum Vorschein. Umgehend mussten etwa 20.000 Menschen in einem 1000-Meter-Umkreis evakuiert werden, damit noch in der Nacht zum 8. Oktober die Bombe mit Aufschlagzünder entschärft und der stark beschädigte Detonator kontrolliert gesprengt werden konnte.

Überraschungsfund: Diese 250-Kilogramm-Bombe kam im Oktober bei Bauarbeiten am Weender Tor in Göttingen ans Tageslicht.

„Dass auch diese herausfordernde Maßnahme gut bewältigt wurde, ist dem unermüdlichen Engagement aller Einsatzkräfte und dem großen Verständnis der Bürgerinnen und Bürger zu verdanken“, lobt Erster Stadtrat Christian Schmetz. Bei diesem Einsatz zahlten sich die Erfahrungen und entstandenen Kontakte bei der Entschärfung Ende Januar aus.

80 Verdachtspunkte werden überprüft

Doch das Jahr hatte noch mehr Überraschungen parat. Es stellte sich heraus: In der Weststadt müssen mehr als 80 Kampfmittelverdachtspunkte sondiert werden. Aufgrund neuer Luftbilder des Landesamtes für Geoinformation und Landvermessung Niedersachsen hatte der Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen (KBD) ermittelt, dass diese Punkte westlich und östlich der Leine (Godehardstraße, Blümchenviertel, Schützenplatz) auf Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg untersucht werden müssen. Die Sondierungen begannen am 18. Oktober.

Zwischenbilanz liegt vor

Inzwischen liegt eine Zwischenbilanz vor: Bislang wurden 24 Punkte untersucht. Dabei wurden keine Bombenblindgänger gefunden – in den meisten Fällen lag dort nur Schrott. An zwei Punkten östlich der Leine jedoch – in der Kleingartenanlage „Auf der Masch“ und in der Bezirkssportanlage „Maschpark“ – fanden die Experten des Kampfmittelbeseitigungdienstes kleinere Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie konnten nicht gefahrlos abtransportiert werden und wurden deshalb gesprengt: eine Handgranate am Dienstag, 30. November sowie zwei weitere Handgranaten und der Kopf einer Panzerfaust am Donnerstag, 16. Dezember.

Experte lobt Erfolg

Sprengmeister Thorsten Lüdeke resümiert: „Jedes geborgene Kampfmittel sorgt für Sicherheit. Von jedem Kampfmittel, auch von Handgranaten, geht grundsätzlich eine Gefahr aus, spätestens dann, wenn einmal Bauarbeiten an diesen Stellen stattfinden würden. Die bisherigen Maßnahmen sind daher als Erfolg anzusehen.“

Thorsten Lüdeke ist Sprengmeister. (Archivbild)

Nach den aktuellen Planungen werden die Sondierungen in der Weststadt Mitte Januar fortgesetzt. Im Laufe des Frühjahrs sollen sie abgeschlossen werden, allerdings hängt dies von den zuvor erzielten Untersuchungsergebnissen ab.

Bei allen Maßnahmen werden die jeweiligen Eigentümer beziehungsweise Verwalter, Anwohner sowie Nutzer vorab von der Stadtverwaltung informiert. Weitere Infos gibt es hier. (Bernd Schlegel)

Zweiter Weltkrieg: Stadt Göttingen sucht Zeitzeugen

Die Göttinger Stadtverwaltung sucht mit Blick auf die laufenden Kampfmittelsondierungen Zeitzeugen. Sie werden gebeten, sich mit ihren individuellen Kenntnissen über mögliche Bombenblindgänger zu melden.

Nach den Erfahrungen des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD) Niedersachsen sind Angaben aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges und unmittelbar danach für die Ermittlungen besonders wertvoll.

Nach Angaben der Kampfmittelexperten dürfte es im Zweiten Weltkrieg 27 Luftangriffe auf Göttingen gegeben haben, dabei wurden den vorliegenden Unterlagen der Alliierten zufolge 2470 Bomben abgeworfen. Einige davon sind Blindgänger. Sie liegen möglicherweise auch an Standorten, die bisher noch unbekannt sind.

Sprengmeister Thorsten Lüdeke macht deutlich: „Hinweise von Zeitzeuginnen und -zeugen sind für unsere Arbeit sehr wertvoll. Sie haben damals den Krieg und die Zeit danach miterlebt. Sie können Ereignisse schildern und Informationen geben, die alte Dokumente oder Fotos einfach nicht vermitteln können.“ So sind die Experten in Niedersachsen schon mehrfach durch Hinweise auf im Erdboden verborgene Blindgänger aufmerksam geworden und konnten diese entschärfen oder kontrolliert sprengen. „Auch in Göttingen können Berichte von Zeitzeugen zu möglichen Blindgängern also sehr wichtig für die Sicherheit der Bewohnerinnen und Bewohner sein.“

Lüdeke appelliert deshalb an alle, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt haben, sich bei der Stadt Göttingen zu melden – auch nach so vielen Jahren. „Die Weitergabe der Informationen ist sehr wichtig. Sonst gehen diese Angaben irgendwann verloren und Kampfmittel bleiben im Verborgenen. Viele stellen nach wie vor eine große Gefahr für Leib und Leben der Bewohnerinnen und Bewohner dar.“

Ein Zeitzeuge hat dies bereits getan. Er schilderte den Fachleuten die Lage eines Punktes, an dem nach seiner Erinnerung ein Blindgänger liegen müsste und zeigte ihnen später die Stelle vor Ort. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst gab daraufhin eine Luftbildanalyse in Auftrag. Diese zeigt eindeutig einen Blindgängerverdachtspunkt – genau an dieser Stelle. Dieser Punkt gehört nun zu den Bereichen, die nun vorrangig überprüft werden. (bsc)

Kontakt: Zeitzeugen, die Informationen zu möglichen Blindgängern haben, können sich montags bis donnerstags von 8 bis 15 Uhr sowie freitags von 8 bis 13 Uhr bei der Stadt Göttingen unter Tel. 0551/400-4045 oder unter E-Mail: kb@goettingen.de melden.

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