Senioren öfter an Unfällen beteiligt 

Fahren im hohen Alter: Göttingerin gibt Führerschein freiwillig ab

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Gab ihren Führerschein ab: Die Göttingerin Irmtraut Heimerdinger hat sich dazu entschieden, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Zu unsicher sei sie beim Autofahren mittlerweile gewesen.

Göttingen. Mit dem Führerschein gab Irmtraut Heimerdinger auch ein Stück ihrer Selbstständigkeit ab. Die 74-Jährige war einst eine begeisterte Autofahrerin, doch damit ist jetzt Schluss.

Wo einst der Führerschein in der Handtasche der Dame platziert war, ist nun die Jahresfahrkarte für den Bus zu finden.

Die Holtenser Straße in Göttingen ist die Apothekerin jahrelang mit ihrem Wagen entlanggefahren – beinahe täglich, um zu ihrer Arbeitsstelle ins nahegelegene Lenglern zu kommen. „Die Strecke kenne ich auswendig“, sagt sie.

Unsicheres Fahrverhalten

Vor wenigen Wochen fuhr sie, die für sie bekannte Straße entlang, um ihre Medizin an ihrer ehemaligen Arbeitsstelle in Lenglern zu holen. Vielleicht war sie in Gedanken, oder hatte es einfach übersehen: ein offenes Gleisbett. Zum Bremsen fehlte Irmtraut Heimerdinger der Bruchteil einer Sekunde. Sie bretterte darüber. „Dort hätten Fußgänger oder Radfahrer unterwegs sein können“, sagt sie. Zum Glück habe es nur die Felgen ihres Autos erwischt.

„Das war der Auslöser für meinen Entschluss, sich von meinem Führerschein zu verabschieden“, sagt die Rentnerin. Ihre Familie unterstützt ihr Vorhaben. Die Göttingerin lebt mit ihrer Tochter und Schwiegersohn in einem Haus.

„Meine Tochter sagte, ich fahre schon seit geraumer Zeit mit mehreren Schutzengeln“, erzählt die 74-Jährige. Auch Irmtraud Heimerdinger selbst war das eigene unsichere Fahrverhalten bereits aufgefallen: „Ich fuhr schon seit Langem wie die Leute, über die ich mich als junge Frau aufgeregt habe“, gibt sie zu. Besonders in fremder Umgebung habe sie sich zunehmend unsicher am Steuer gefühlt. Im Frühjahr diesen Jahres besuchte sie eine Präventionsveranstaltung „Autofahren – aber sicher!“ der Polizei Göttingen. Nach dem Ereignis auf der Holtenser Straße griff sie zum Hörer, rief den Verkehrssicherheitsberater Jörg Arnecke an und fragte: „Was muss man machen, um den Führerschein abzugeben?“ Da war der Entschluss gefallen.

Unterstützung der Familie 

Für Notfälle habe sie das Glück, anders als viele ihrer gleichaltrigen Bekannten, auf ihre Kinder setzten zu können. Denn an die Fahrzeiten der Göttinger Busse müsse sich auch die Seniorin erst einmal angewöhnen.

Aber zum Umsteigen auf die öffentlichen Verkehrsmittel sei jetzt der richtige Zeitpunkt. „Mit 80 wäre das bestimmt nicht mehr so einfach“, sagt sie.

Und Heimerdinger stellt fest: „Die Versicherung und Steuer für meinen kleinen Wagen sind nur 50 Euro billiger als die Jahresfahrkarte für den Bus – der Sprit ist da noch nicht mit eingerechnet“, erklärt sie. Da nehme sie auch die manchmal unkomfortablen Fahrzeiten der Busse in Kauf. „Aber jetzt bin ich keine Gefahr mehr für mich selbst und auch nicht mehr für meine Umwelt.“ 

Unfallbeteiligung älterer Menschen im Straßenverkehr

Die Zahl der Menschen, die über 65 Jahre alt sind und an einem Verkehrsunfall beteiligt sind, steigt kontinuierlich. Das bestätigt Thomas Rath, Leiter der Polizeiinspektion Göttingen.

Die Zahlen der aktuellen Vekehrsunfallstatistik für den Landkreis Göttingen spiegeln seine Aussage wieder: Waren es 2010 noch 711 Unfallverursacher, die 65 Jahre oder älter waren, so ist die Zahl innerhalb von sieben Jahren auf 1159 gestiegen, erklärt Jörg Arnecke, Verkehrssicherheitsberater der Göttinger Polizei.

Und: In der Altersgruppe war bei der Anzahl der im Straßenverkehr verletzten und getöteten Verkehrsteilnehmer, ein Anstieg von 112 auf 146 innerhalb eines Jahrs zu verzeichnen, erklärt er. „Zwei Senioren erlitten dabei sogar tödliche Verletzungen“, berichtet der Verkehrssicherheitsberater.

Aufgrund des demografischen Wandels und des Wunsches, möglichst lange mobil zu bleiben – insbesondere auf dem Land, wird die Zahl der Verkehrsteilnehmer über 65 Jahre noch deutlich zunehmen und damit auch die Beteiligung an Unfällen, erklärt Arnecke.

Deshalb versuche die Polizei mit Präventionsmaßnahmen, wie zum Beispiel das Projekt „Göttinger Senioren machen mobil – sicher ans Ziel“ ältere Menschen zu sensibilisieren. Denn: Mit dem Alter leide auch die Hör- und Sehfähigkeit. „90 Prozent aller Verkehrswahrnehmungen laufen über die Augen“, sagt Arnecke. Er rät daher zur Selbstkritik. Ab dem 50. Lebensjahr sollten Verkehrsteilnehmer in regelmäßigen Abständen ihr Hör- und Sehvermögen testen, sagt er.

Gesetzlichen Fahrprüfungen für Senioren seien keine Ideallösung, so Arnecke. „Viel mehr müsse man Verkehrsteilnehmer für Selbstkritik sensibilisieren – und dann auch Konsequenzen ziehen.“

Im vergangenen Jahr gaben nur zwei Personen in Göttingen freiwillig ihren Führerschein ab. 2016 waren es neun.

Der Führerschein im hohen Alter

Die Fahrerlaubnis für das Auto gilt unbegrenzt. Ältere Menschen, die sich guter Gesundheit erfreuen und sich an die Verkehrsregeln halten, können den Führerschein auch bis zum Lebensende nutzen.

Der Führerschein muss bei einer gewollten Abgabe nicht unbedingt zur Fahrerlaubnisbehörde gebracht werden. Es reicht, wenn man sich nicht mehr an das Steuer eines Autos setzt. Wer aber einen klaren Schnitt machen möchte, kann auch freiwillig den Führerschein abgeben. Dazu muss bei der Führerscheinstelle der Verzicht erklärt werden. 

Die Polizei Göttingen bietet in regelmäßigen Abständen die Veranstaltung„Senioren machen mobil – sicher ans Ziel“ an, um Senioren für das richtige Verhalten im Straßenverkehr zu sensibilisieren. 

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