Forscher basteln am Nahverkehrssystem der Zukunft

Fahrt durch Südniedersachsen mit dem intelligenten EcoBus

Ein Kleinbus des Projektes Ecobus
+
Erste Testphase. Ein Kleinbus des Projektes Ecobus fährt über eine Landstraße in Südniedersachsen. Das Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen testete das individuelle Fahrgast-Konzept mit Bussen 2018 im Raum Bad Gandersheim. Testphase 2 lief 2019 im Harz rund um Clausthal-Zellerfeld.

Ob mit Auto, Rad, Flugzeug oder Zug: die Menschen sind viel und ständig unterwegs. In unserer Herbstserie „Mobilität“ berichten wir über alle Facetten rund um dieses Thema. Heute geht es um ein neues Nahverkehrssystem.

Göttingen – Auf dem Dorf direkt an der Haustür abgeholt und wieder abgesetzt werden, und zwar dann, wann der Fahrgast will. Kein Weg zur Bushaltestelle, kein Suchen im Fahrplan – nur auf Bestellung per App. Ein Traum? Nein, ein Konzept an dem Göttinger Forscher unter dem Titel EcoBus schon in der Erprobung sind. Wir sprachen mit Prof. Dr. Stephan Herminghaus.

Was zeichnet das Nahverkehrskonzept EcoBus aus?

Es verbindet Bequemlichkeit, Tür-zu-Tür-Transport, mit Nachhaltigkeit und geringen Kosten durch Bündelung verschiedener Fahrtwünsche auf je ein Fahrzeug. So wird eine dem Privat-PKW mindestens vergleichbare Bequemlichkeit bei geringerem Preis möglich.

Es gab Testzeiträume und Testregionen – mit welchen Ergebnissen?

In einem längeren Pilotprojekt im Oberharz hatten wir nach nur sieben Monaten Laufzeit bereits eine Marktdurchdringung von etwa 13 Prozent, die Leistungsfähigkeit über eine Verbindung von Routen war trotz der geringen Zahl der Fahrzeuge – bis zu neun Kleinbusse bei rund 60 000 Einwohnern im Bediengebiet – etwa doppelt so hoch wie beim herkömmlichen Taxibetrieb.

Beim Umsetzen von Projekten spielen die Kosten und die Kostendeckung eine wichtige Rolle – wie steht es um diese?

Der Kostendeckungsgrad wurde mit etwa 20 Prozent abgeschätzt, was wiederum auf die geringe Zahl der Fahrzeuge zurückgeführt werden kann. Mit etwa 150 Fahrzeugen wären sowohl der Mobilitätsbedarf als auch die Kosten weitgehend gedeckt gewesen. In diese Richtung wollten wir das Projekt aber nicht entwickeln, da es auf Kosten des Linienverkehrs gegangen wäre. Ziel muss die Vernetzung der Liniendienste mit der EcoBus-Kleinbusflotte für die letzte Meile sein.

Wie müsste das Projekt gefördert werden, und wie passt das in die Finanzierung des öffentlichen Nahverkehrs in Deutschland und Südniedersachsen?

Es muss nicht nur in Südniedersachsen darum gehen, dass die öffentliche Hand ertüchtigt wird, ein attraktives Mobilitätssystem anbieten zu können, das dem Privat-Auto überlegen ist. EcoBus will ein entsprechendes Software-System schaffen. Der Betrieb und die rechtliche Einbettung geschehen nach wie vor über Ausschreibung einzelner Lose und Zuschlag an den jeweils günstigsten Anbieter. Somit bleibt die vollkommene Passung zu den bestehenden Förderstrukturen gewahrt.

Wird das Eco-Bus-Projekt als Konkurrenz zu bestehenden Nahverkehren gesehen, wenn ja von wem und warum?

Diese Wahrnehmung bestand zunächst und ist auch verständlich. Shuttledienste wie MOIA, Clevershuttle und der Berlkönig neigen dazu, den Liniendiensten Kunden abzuwerben, und das Taxigewerbe sieht sich natürlich unmittelbar bedroht. Durch die intermodale Vernetzung der EcoBus-Kleinbusflotte mit den Linienverkehren werden diese aber nun gestärkt. Und mit den Taxibetrieben haben wir ebenfalls Kooperationsmodelle entwickeln können, sodass diese Probleme als gelöst betrachtet werden können.

Wird EcoBus weiter erprobt, wenn ja, wo?

Im Norden der Stadt Leipzig läuft seit nunmehr fast einem Jahr unter dem Namen Flexa die erste intermodale Version des EcoBus. Das Bediengebiet wurde kürzlich ausgeweitet, zusätzliche Erweiterungen sind für die nahe Zukunft geplant.

Gibt es auch Interesse aus dem Ausland?

Es gibt Interesse aus dem indischen Bundesstaat Andra Pradesh, EcoBus als ÖPNV-System für die neue geplante Hauptstadt Amaravati zu verwenden. Das Projekt ist im Moment allerdings aus rein politischen Gründen sistiert.

Wie sieht die mobile Zukunft aus?

In der Zukunft sehe ich etwa zwei Drittel des Mobilitätsbedarfs durch Systeme der von uns entwickelten beziehungsweise beforschten Art gedeckt, das heißt: bedarfsgetrieben digital gesteuerte, und in intermodale Linien/Kleinbus-Kombination. Der Rest wird auf Sonderbedarfe wie Großeinkäufe oder Urlaubsfahrten entfallen, die mittels Carsharing kostengünstig abgewickelt werden. In den Zeiten geringeren Bedarfs beliefert die Kleinbusflotte bedarfsgerecht kleine, dezentrale Logistikspots wie Dorfläden und sorgt auch so für die dringende Wiederbelebung des ländlichen Raums.

Welche Möglichkeiten der Weiterentwicklung und Realisierung gibt es?

Wir stehen vor der Ausgründung einer Firma, die unsere Software und unsere Erfahrung in der Zusammenarbeit mit den Aufgabenträgern vermarkten wird.

Ist der organisierte Nahverkehr und die Politik in Deutschland bereit und willens, Projekte wie EcoBus umzusetzen. Was ist für die Umsetzung notwendig?

Die Ablösung von Herrn Scheuer als Verkehrsminister. (Thomas Kopietz)

Zur Person: Prof. Dr. Stephan Herminghaus

Prof. Dr. Stephan Herminghaus, geb. am 23. Juni 1959 in Wiesbaden, ist Direktor am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. Er studierte Physik in Mainz, arbeitete in San José (USA), habilitierte und lehrte an der Uni Koblenz und Uni Ulm. Seit 2003 ist er am MPIDS und zudem Gastprofessor in Paris. Forschungsschwerpunkte sind komplexe Fluide, Kollektive Phänomene und Nichtgleichgewichtssysteme. Er leitet das Forschungsprojekt und -team EcoBus. Herminghaus lebt in Göttingen. (tko)

Das System EcoBus: Testreihen in Bad Gandersheim, Harz und Leipzig

Der EcoBus ist ein Projekt zur Erforschung universeller öffentlicher Verkehrssysteme, mit dem Ziel, dem Privat-PKW die Führungsposition im Mobilitätsmarkt zu nehmen. EcoBus basiert auf einer Software und dem Prinzip nicht festgeschriebener Routen und fixer Haltestellen, sondern bedient einen Raum, eine Region. Die Fahrgäste melden einen Bedarf an, die Kleinbusse holen sie ab, unter Einbeziehung weiterer anzufahrender Ziele. Die MPI-Wissenschaflter haben theoretisch und praktisch in zwei Testverkehren in Südniedersachsen – im Raum Bad Gandersheim und im Harz – Daten gesammelt. Sie leisten also eine Grundlagenforschung, weil „ein universelles Verkehrssystem unter sehr unterschiedlichen Bedingungen wie Einwohnerdichte, Reisedistanzen, Nachfrage funktionieren muss“, wie Stefan Herminghaus sagt. Der EcoBus wird aktuell im Raum Leipzig getestet. Er soll auch mit vorhandenen Nah- und Fernverkehrssystemen kombiniert werden, also Bus, Taxi, Bahn. Die Resonanz der Nutzer war bisher positiv. Das Projekt kam nicht nur bei Fahrgästen an: Bürgermeister in Südniedersachsen schlossen sich zu einem Unterstützerkreis zusammen. Und: EcoBus erhielt den Niedersächsischen Umweltpreis. (tko)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.