Göttinger Kinderkrankenschwester zu Besuch im Kinderzimmer

Untersuchung im Kinderzimmer: Kinderkrankenschwester Rebecca Müller von der häuslicher Kinderpflegedienst Kimbu untersucht den dreijährigen Luca. Foto: Geier

Göttingen. Die Pflege eines kranken oder behinderten Kindes ist oft eine große Herausforderung für Familien. Lange Krankenhausaufenthalte belasten auch die Kinder sehr.

Dank Kimbu, der häuslichen Kinderkrankenpflege Göttingen, können kranke Kinder auch daheim versorgt werden. Die HNA hat eine Kimbu-Mitarbeiterin begleitet:

Der dreijährige Luca versteckt schüchtern den Kopf an der Schulter seiner Mutter. Die Kinderkrankenschwester Rebecca Müller ist erst zum zweiten Mal zu Besuch. Als sich alle drei bei ihm im Kinderzimmer auf den Teppich setzen, taut Luca auf und grinst über das ganze Gesicht.

Luca hat Leukämie und zwischen den Zyklen der Chemotherapie ist er zu Hause, was medizinisch vertretbar ist und für den Dreijährigen gut ist. In diesen Phasen kann er bei seiner Familie sein, seine Mutter müsste ihn aber trotzdem mindestens einmal die Woche zur Blutabnahme ins Krankenhaus nach Göttingen bringen - gäbe es nicht Kimbu. Der ambulante Kinderpflegedienst sorgt dafür, dass Kinder mehr Zeit zu Hause verbringen können, bei der Familie.

Rebecca Müller nimmt ihm im Kinderzimmer das Blut ab und spült den Katheter durch, kontrollieren seinen allgemeinen Gesundheitszustand. Lucas Mutter ist froh, dass die Kinderkrankenschwester da ist. Die Einstichstelle ist gerötet, hat sich leicht entzündet und die Kinderkrankenschwester kann einen Blick darauf werfen.

Aber nicht jedes Kind fasst so schnell Zutrauen wie Luca. „Es dauert, bis ein Kind Vertrauen aufgebaut hat. Das gilt auch für mich, das Kennenlernen ist wichtig“, sagt die 32-Jährige. Sie blickt auf viel Berufserfahrung zurück und weiß, wie wichtig es für die Familien ist, neben den pflegerischen Leistungen auch für Sorgen und Nöte einen Ansprechpartner zu haben.

„Die Kinder wollen nach Hause, sie haben den Wunsch nicht in einer Klinik zu verweilen, und wir können ihnen den Wunsch erfüllen“, erklärt sie. Luca sitzt auf dem bunten Teppich und strahlt. Laut glucksend und lachend zieht er die Aufmerksamkeit auf sich. So wie er es von Ärzten aus dem Krankenhaus kennt, nimmt er das Stethoskop an sich und hört nach seinem eigenen Herzschlag.

Für sie der Traumberuf

Schon im Alter von 13 Jahren stand für sie fest, dass sie einmal Kinderkrankenschwester werden will. Seit elf Jahren arbeitet sie für Kimbu. Es sei eine abwechslungsreiche Arbeit. Ständig lächelt sie, macht einen fröhlichen und zufriedenen Eindruck, strahlt Optimismus aus, ganz egal ob sie mit besorgten Eltern spricht, Kinder behandelt oder Auto fährt und bei dem Beruf müsse man Autofahren lieben, denn man verbringt viel Zeit im Auto. Die 32-Jährige wirkt wie eine Realistin. Sie weiß, dass sie zwischen Leben und Tod arbeitet. Nicht alle ihre Patienten überleben ihre Krankheit. „Bei der Arbeit muss man auf sich selbst achten“, erklärt sie nüchtern, „Zu Hause, denke ich nicht mehr an meine Patienten.“ Eine gesunde Distanz sei wichtig. Auch wenn sie mit Luca spielt und ihn an sich drückt, ist er trotzdem nur ein Teil ihres Arbeitsalltags, den sie nicht mit nach Hause nimmt. Außer ihr kümmern sich noch fünf andere Kinderkrankenschwestern von Kimbu um Luca. Das hilft auch Distanz zu wahren.

2464 Hausbesuche im Jahr 

Kimbu ist ein gemeinnütziger Kinderkrankenpflegedienst in Göttingen. 63 Festangestellte des Vereins helfen Familien in einem Umkreis von 90 Kilometern (im südniedersächsischen Gebiet, im westlichen Teil Thüringens und im Werra-Meißner-Kreis), ihre kranken Kinder daheim zu pflegen. „Zur Zeit sind es 41 Kinder. Im vergangenen Jahr wurden 2464 Hausbesuche absolviert", berichtet Kerstin Mollenhauer, Geschäftsführerin der Kimbu. Manche sind wie Luca nur kurz in Behandlung, andere sind chronisch krank. Um zu den jungen Patienten zu gelangen, haben die Mitarbeiter 2014 knapp 137 .00 Kilometer zurückgelegt.

Auf Spenden angewiesen 

Geld fehlt der Ambulanten Kinderkrankenpflege an vielen Stellen. „Es gibt Pflegeeinsätze, die werden von den Krankenkassen mit Zeitbudgets berechnet, die eigentlich auf Erwachsene zutreffen", sagt Mollenhauer. Zum Beispiel beim Setzen einer Insulinspritze bei Zuckerkranken. „Ist doch klar, dass der Zeitaufwand bei Kindern größer ist. Außerdem haben die Eltern oft Fragen, die wir natürlich beantworten", erklärt die Geschäftsführerin. Viele Behandlungen müsse Kimbu individuell mit den Krankenkassen verhandeln. „Wir können die Familien nicht im Regen stehen lassen."

Auch der Kassensatz für Hausbesuche decke in den meisten Fällen nicht die Kosten. „Wir haben längere Fahrwege als ein Krankenpflegedienst für Erwachsene und das wird oft nicht mitbedacht", berichtet Mollenhauer. Deshalb sei Kimbu ständig auf Spenden angewiesen.

Die Eltern der kleinen Patienten sind froh, dass sich die Kinderkrankenschwestern trotz finanzieller Engpässe viel Zeit nehmen. Neben der Pflege steht ihnen Kimbu auch bei Problemen bei Anträgen bei der Krankenkasse zur Seite oder berät bei anderen bürokratischen Wegen.

Mehr Informationen unter: www.kimbu-goettingen.de

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