Fünf Jahre später

Göttingen: Feuerwalze rollte durchs Treppenhaus - Prozess nach tödlicher Gasexplosion beginnt

Vor dem Amts- und Landgericht beginnt der Prozess über das Gasunglück beim Blutspendedienst in Göttingen. An den Folgen ist im Jahr 2015 eine Ärztin gestorben.
+
Vor dem Amts- und Landgericht beginnt der Prozess über das Gasunglück beim Blutspendedienst in Göttingen. An den Folgen ist im Jahr 2015 eine Ärztin gestorben.

Nach einer Gasexplosion beim Blutspendedienst im Jahr 2015, beginnt nun der Prozess vor dem Amts- und Landesgericht Göttingen.

Göttingen - Im Prozess um die Gasexplosion beim Göttinger Blutspendedienst hat am Montag (07.06.2021) der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes ausgesagt. Er war bei dem Unglück schwer verletzt worden. Der 36-Jährige, der in dem Verfahren auch als Nebenkläger auftritt, hatte am Morgen des 15. Februar 2015 mit einer Ärztin der Göttinger Universitätsmedizin das Gebäude am Weender Tor betreten.

Er habe die Tür aufgeschlossen. Die Ärztin sei dann als erste ins Haus gegangen und habe am Treppenaufgang den Lichtschalter betätigt. Im gleichen Moment sei von oben eine Feuerwalze auf sie zugekommen.

Er hatte dann nach eigenen Angaben die Ärztin ergriffen und aus dem Treppenhaus nach draußen in Richtung des Heinz-Erhardt-Denkmals gezogen. Der Mitarbeiter des UMG-Sicherheitsdienstes erinnert sich auch noch, dass er sich draußen auf dem Boden wälzte und jemand versuchte, die Flammen zu ersticken. Wie es danach weiterging, weiß er nicht. Erst vier Wochen später sei er aus dem Koma erwacht, sagte er.

Ärztin stirrb nach Gasexplosion bei Blutspendedienst in Göttingen

Mit schweren Verbrennungen war er mit einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik in Halle gebracht worden, wo ihn die Ärzte in ein künstliches Koma versetzten. Die 55-jährige UMG-Ärztin kam mit schwersten Brandverletzungen in die Medizinische Hochschule Hannover, wo sie zehn Tage später an Multiorganversagen verstarb.

Der 36-Jährige kam auch deshalb mit dem Leben davon, weil er eine Schutzweste getragen hatte. Die gesundheitlichen Folgen sind indes gravierend: Der 36-Jährige erlitt Verbrennungen dritten Grades, so im Gesicht und an den Händen. Die Folge waren mehrere Hauttransplantationen. Noch heute sind auch die Beine betroffen, so muss er Kompressionskleidung tragen. Durch die Corona-Pandemie ist er noch belastet, weil die Desinfektionsmittel die beschädigte Haut angreifen.

Auch die psychischen Folgen sind erheblich, nicht nur für ihn selbst, sondern auch für seine Familie. Als sie zwischenzeitlich erfuhren, dass das Strafverfahren eingestellt worden war, seien sie entsetzt gewesen. „Das war ein Schlag ins Gesicht für meine ganze Familie“, sagte der 36-Jährige. Auf die Beschwerde der Nebenklage hin wurde das Verfahren dann wieder aufgenommen. Dass es sechs Jahre dauerte, bis das Unglück nun vor Gericht verhandelt wird, habe sie aber sehr belastet.

Göttingen: Staatsanwaltschaft wirft vier Männern fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor

In dem Prozess müssen sich ein Maurer sowie der Inhaber und zwei Mitarbeiter einer Firma für den Bau von Elektroanlagen wegen fahrlässiger Tötung sowie fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft den vier Handwerkern vor, ein Leerrohr nicht ordnungsgemäß verschlossen und abgedichtet zu haben. Dadurch habe Gas, das aus einer Erdgasleitung austrat, in das Gebäude gelangen können. Laut Gutachter hatte sich das Gas über Nacht in dem Treppenhaus gesammelt, sodass ein zündfähiges Gemisch entstand. „Eine fürchterliche Verkettung von unglücklichen Umständen“ habe zu dem Unglück geführt, sagte der Gutachter. (Heidi Niemann)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.