"Mix it"-Aktion

Schüler-Filmprojekt: Integrative Treffen vor der Kamera

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Nichts für schwache Nerven: (von links) Jack Rath und „Kamerafrau“ Ivanka Velikova filmen die Erbrechensszene mit Hanna Gollin und Alina Stiliyanova. Rechts im Hintergrund „Tonmann“ Belmin Basic.

Schüler der Berufsbildenden Schulen Ritterplan in Göttingen nehmen an einem besonderen Filmprojekt teil.

„Wir brauchen mehr davon“, sagt Musa Mohamed Aman. Gabriela Zorn, künstlerische Leiterin des integrativen Filmbildungsprojekts „Mix it“ reicht ihm Kekse. Die füllt Musa in einen Becher und mantscht ordentlich durch. Er stellt Erbrochenes her – für den Film den er und seine Mitschüler der Berufsbildenden Schulen (BBS) III Ritterplan im Göttinger Haus der Kulturen drehen.

30 Schüler der BBS Ritterplan nehmen am Projekt der Deutschen Filmakademie teil. Die Initiative in Zusammenarbeit mit „bilderbewegen“ wird von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert. 2019 haben sich die Filmschaffenden und Medienpädagogen erstmals heraus aus Ostdeutschland begeben, die Niedersachsen-Premiere in Göttingen bildet den Jahresabschluss.

„Uns ist wichtig, dass wir Begegnungen herstellen, dass unterschiedliche Schüler miteinander ins Gespräch kommen“, erklärt Gabriela Zorn den bunten Mix der Jugendlichen. Etwa die Hälfte hat eine Fluchtgeschichte, die andere ist in Deutschland geboren. „Mix it“ ist nicht kommerziell, sondern ein „Projekt mit professionellem Anspruch und medienpädagogischem Ansatz“, so Zorn.

PVC-Rohr als Instrument: Filmkomponist Matthias Petsche sucht kreative Lösungen für die Vertonung.

Da die Projektwoche selbst ganz im Zeichen der Dreharbeiten steht, musste vorher geklärt werden, welche Themen die Schüler interessant finden. „Das hatte mit Körper und Körperbildern zu tun hat: Mode, Sport oder Ernährung“, sagt Zorn. Zudem gab es einen Vorbereitungstag, an dem die Teilnehmer vor allem technische Aspekte des Filmemachens kennenlernten. Schließlich wurden drei Gruppen gebildet, die jeweils einen Film zum Thema „Mein Körper“ drehen. Ideen und Umsetzung liegen in den Händen der Jugendlichen; jede Gruppe wird von einem professionellen Filmschaffenden angeleitet und beraten. Zum Team gehören auch ein Filmkomponist im Tonstudio sowie die künstlerische Leiterin Zorn und eine weitere Projekt-Koordinatorin.

Der Australier Jack Rath arbeitet als freier Regisseur und sieht „Mix it“ als „positive Möglichkeit etwas zurückzugeben“. Ein bis zwei mal im Jahr bringt er sich so ein und war bereits bei der Premiere im März 2016 dabei. Dieses Mal betreut er die Gruppe, die sich in drei Episoden mit dem Körper als „Schale, die die Emotionen zusammenhält“ (Rath) beschäftigt.

Eine Episode handelt vom Rauchen und was das mit dem Körper macht. Dafür braucht Musa die zusammengemantschten Kekse. Denn Alina Stiliyanova raucht in ihrer Rolle so viel, dass ihr davon schlecht wird. Sie lässt sich zunächst auch nicht von ihrer Freundin Hanna Gollin davon abbringen.

Überprüfung des Drehmaterials: die Schüler (Zweiter von rechts Musa Mohamed Aman) mit Jack Rath (rechts). Links im Hintergrund Leiterin Gabriela Zorn.

Auch Alen Ramizi und Wael Zidan stehen vor der Kamera. Sie wollen mit der Film-Episode zeigen, dass Rauchen schädlich für den Körper ist – auch wenn sie es teilweise selbst tun. „Wir haben alles aus unseren eigenen Ideen heraus gemacht. Es ist spannend und interessant mitzuerleben, wie ein Film entsteht“, sagt Alen Ramizi.

Profi Jack Rath ist durchaus angetan von dem, was die Schüler entwickelt haben. Ihr Film basiere auf Alltagsgeschichten der jungen Teilnehmer. Er habe gemerkt, dass sie alle eine Geschichte zu erzählen haben. „Es sind sehr unterschiedliche Menschen, sie sind aber alle auf ihre Art integriert. ‘Mix it’ ist eine Möglichkeit, ihnen etwas zu zeigen, das Perspektive gibt. Und wir versuchen das auf Augenhöhe zu tun“, erklärt Rath.

Premiere im Kino

Neben dem beschriebenen episodenhaften Film unter Anleitung von Jack Rath drehen die Schüler der BBS III Ritterplan auch Streifen zum Thema „Wie ist unser Körper aufgebaut?“ und „Darstellung auf Instagram“. Bis auf den Schnitt machen die Jugendlichen alle Arbeiten vor und hinter der Kamera selbst. Voraussichtlich im Januar feiern die drei Filme in einem noch Göttinger Kino Premiere. Außerdem wird ein Making-Of inklusive Interviews gezeigt, das ebenfalls die Schüler selbst drehen. Im Anschluss werden die Filme auf Youtube veröffentlicht.

Kreative Filmmusik als Schlüssel zu den Emotionen

Matthias Petsche begleitet das Projekt „Mix it“ in Göttingen als Filmkomponist. Im Arbeitsalltag hat er bereits für die Vertonung von Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ oder von anderen Spiel- und Dokumentarfilmen gesorgt. Außerdem ist er einmal in der Woche am Babelsberger Filmgymnasium tätig.

Auch dieser pädagogische Hintergrund prädestiniert ihn für die Arbeit mit den Schülern bei der Initiative der Deutschen Filmakademie. „Es geht darum, dass die Jugendlichen ganz viel selbst machen. Ich zeige ihnen, was möglich ist und unterstütze sie bei der Umsetzung der Ideen“, sagt Petsche. Auch er selbst könne etwas von dieser Tätigkeit mitnehmen, „menschlich und künstlerisch. Was da an Ideen kommt, macht schon Spaß.“

Musik sei für viele junge Menschen „ein Schlüssel zu dem, was sie ausdrücken können und wollen“. Gemeinsam entwickeln sie mit Petsche die Musik zu den jeweiligen Filmen, entweder mit vorhandenen Talenten (Instrumente, Gesang) oder mit ganz kreativen Lösungen. Dieses Mal hat Petsche etwa PVC-Rohre besorgt, die als Percussion-Instrument dienen.

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