Hollywood Göttingen

Filmbüro produziert Zeitzeugenberichte: Anekdoten über Hollywood Göttingen

Göttinger Filmatelier: „Der letzte Fußgänger“ mit Heinz Erhardt und Christine Kaufmann bei Dreharbeiten. Kiki bringt Gottliebs Leben durcheinander.
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Göttinger Filmatelier: „Der letzte Fußgänger“ mit Heinz Erhardt und Christine Kaufmann bei Dreharbeiten. Kiki bringt Gottliebs Leben durcheinander. Das Szenenbild hatte der preisgekrönte Architekt Walter Haag entworfen.

Die Corona-Krise hat die Arbeit des Filmbüro Göttingen um Initiator Sven Schreivogel nicht lahmgelegt. Im Gegenteil: Es ist viel passiert.

Göttingen – Vor Beginn der Corona-Pandemie erweckte ein junges Göttinger Projekt auch mit Veranstaltungen wie dem Heinz-Erhardt-Abend im ausverkauften größten Cinemaxx-Saal Aufmerksamkeit.

„Filmatelier, Klappe, die Erste!“ Am 21. August 1948 begann mit der Eröffnung des Ateliers in Grone die Blütezeit der Filmstadt Göttingen, bis Anfang der 60er-Jahre anhalten sollte. Auf den Tag genau 75 Jahre nach Atelier-Eröffnung soll am 21. August 2023 eine besondere Ausstellung die Pforten öffnen – und an das „Hollywood an der Leine“ erinnern.

Vom Filmbüro Göttingen: Initiator Sven Schreivogel.

Das Filmbüro-Team mit seinem etwa ein Dutzend Filmenthusiasten hat mithilfe externer Unterstützer und Zulieferer bereits Material und Geschichten zusammengetragen und wird bis dahin noch einiges ausgraben, bearbeiten und in den Feinschliff für eine Präsentation bringen, wie Sven Schreivogel berichtet.

„Wir haben dieses Datum weiter im Fokus“, sagt der Medienschaffende und Filmexperte, der die Pandemie-Zeit genutzt hat, um die Geschichte der Filmstadt weiter aufzuarbeiten. „Die Arbeit ist weitergegangen und wird weitergehen“, sagt Schreivogel, selbst Regisseur und Hörbuchproduzent, der bei jedem Gang durch Göttingen Geschichten über die große Filmvergangenheit der Stadt erzählen kann – sei es zu Drehorten von einst, aber auch über Menschen, die beteiligt waren.

Apropos Drehorte und Spaziergänge: Sven Schreivogel und Sohn Alexander Siebrecht sind seit Jahren unterwegs, erstellen ein Kataster über die Drehorte aus der Göttinger Filmära, in der mehr als 100 Spielfilme dort und in der Umgebung entstanden. Die beiden gleichen bei ihren „Arbeitsspaziergängen“ die (Film-)Szenen in ihren Köpfen mit der Realität ab.

Dabei helfen auch Fotos. Das Bildarchiv wächst dank der Sammelleidenschaft Schreivogels, aber auch der Zuarbeit vieler Menschen. Ergebnis: Allein der Auszug „Innenstadt und Umgebung“ des Drehort-Katasters umfasst drei DIN-A4-Seiten.

Filmstadt Göttingen: Plakat zum Anti-Kriegsfilm „Hunde wollt Ihr ewig leben“.

Die Schau 2023 soll später in eine Dauerausstellung münden. Der Traum Schreivogels ist aber ein Göttinger Filmmuseum. Material dafür wäre vorhanden. Das Filmbüro-Archiv umfasst bereits weit mehr als 2000 digitalisierte Abbildungen, darunter sind Kinoplakate, Stand- und Werkfotografien, Werbung – aber auch Material aus den kooperierenden Einrichtungen wie Stadtarchiv, Städtisches Museum, Karl-May- und GT-Archiv sowie Heimatverein Grone.

Unterstützung kommt auch von den Ortsheimatpflegerinnen Hannelore Müller aus Grone und Elsa Vollmer aus Holtensen. Sie liefern besondere Schätze: eigene Erlebnisberichte und Kontakte zu Zeitzeugen, die die Film-Hoch-Zeit Göttingens erlebt haben.

Sie werden von Schreivogel und Siebrecht dann vor das Mikrofon geholt – bestenfalls auch vor die Kamera. 50 Zeitzeugengespräche wurden seit Sommer 2016 geführt, zehn sind in TV-Qualität im Kasten, aufgezeichnet im Studio Klawunn in Herberhausen – auch an einem Original-Drehort im Solling. Entstehen soll daraus eine Dokumentation, die auf DVD/Blu-ray zu kaufen und auch in der Jubiläumsausstellung zu sehen sein wird.

Schreivogel freut sich über diese Fundstücke und Anekdoten aus den Gesprächen. So erinnert sich die Schauspielerin Brigitte Grothum, dass sie bei Schocke in Holtensen „unbeschreiblich gute Bratkartoffeln“ gegessen hat.

Der Fundus an Geschichten ist groß, denn der Film in Göttingen war ein wichtiger Arbeitgeber, beschäftigte Bühnenbauer, Tontechniker und Pförtner, viele Komparsen und Zulieferer. Und die Filmstars wohnten in Hotels und Gasthäusern – aßen und tranken dort.

Das Filmbüro versteht sich, wie Schreivogel sagt, als Schnittstelle zwischen all diesen Menschen und Quellen, die Material zur Filmhistorie anbieten. „Wir wollen möglichst viel sammeln, aber auch sorgfältig katalogisieren und letztlich für die Nachwelt bewahren.“ Und das spricht sich herum: So erhielt das Filmbüro auch schon private Sammlungen und Nachlässe. Dr. Hans-Jürgen Kutzner, Liturgie- und Kunstwissenschaftler aus Hannover sowie Sohn des Filmarchitekten Hans Kutzner hat den filmischen Nachlass des Vaters überlassen. „Großartig“, schwärmt Schreivogel.

Ein Filmbüro-Mitarbeiter hat sich auf das Sammeln ausländischer Plakate von Göttinger Filmen spezialisiert und bereits 37 Exponate beisammen. Darunter sind Plakate des Films „Hunde, wollt Ihr ewig leben?“ aus Mexiko und Italien. Aus Argentinien und Spanien stammen von Thomas Klawunn reproduzierte Plakate von „Nacht fiel über Gotenhafen“, der Film schildert die dramatische Geschichte des Untergangs der „Wilhelm Gustloff“.

Wer Fragen, Tipps und Zeitzeugenberichte hat, kann sich melden: Filmbüro, Sven Schreivogel, 0173/8350314, E-Mail: kontakt@filmstadt-goettingen.de. (Thomas Kopietz)

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