Dreharbeiten auch im Werratal und im Wesertal

Filmstadt Göttingen: Kulisse von Treffurt bis Münden

Heinz Erhardt und Elke Aberle
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Filmstadt Göttingen: „Witwer mit 5 Töchtern“ mit Heinz Erhardt und Elke Aberle wurde im Göttingen und auf Schloss Berlepsch gedreht.

Göttingen – Mehr als ein Jahrzehnt und bis 1961 war Göttingen eines der fünf führenden Filmzentren Deutschlands. Das dortige Atelier galt damals nach seiner Eröffnung 1948 als modernster Studiokomplex.

  • Bis 1961 war Göttingen eines der führenden Filmzentren Göttingen.
  • Das Atelier in Göttingen galt als modernster Studiokomplex.
  • Auch im Werraral, an der Weser sowie von Bad Hersfeld über Kassel bis Einbeck wurde gedreht.

Göttingen – In Göttingen gaben sich die Stars und Sternchen die Klinke in die Hand. Dieter Borsche, Heinz Erhardt und Nadja Tiller waren auch in der Uni-Stadt und im Umland zu sehen, wo sie auch drehten: im Werratal, an der Weser, von Bad Hersfeld über Kassel bis Einbeck.

Filmstadt Göttingen: Kulisse Werratal

Für einige der etwa 100 in Göttingen entstandenen Spielfilme bildete auch das malerische Werratal von Treffurt bis Hann. Münden die Kulissen. Den Auftakt bildete 1950 „Es kommt ein Tag“ unter der Regie von Rudolf Jugert. Dabei war eine der schönsten Fachwerkstädte Hessens Spielort: Bad Sooden-Allendorf.

Die Badestadt konnte aber nicht im eigenen Namen werben. Das Melodram zeigte Bad Sooden-Allendorf als fiktive Kleinstadt während des deutsch-französischen Krieges. Gedreht wurde auch am Marktplatz in Allendorf.

Drehort Bad Sooden-Allendorf: In einer Drehpause zu „Es kommt ein Tag“ in Allendorf zeigt sich Dieter Borsche als Korporal Mombour, mit US-amerikanische Besatzungssoldaten. Im Hintergrund die Sankt-Crucis-Kirche.

Vielleicht wirkte die wunderschöne Umgebung auch herzerwärmend: Während der Dreharbeiten fanden Maria Schell und Dieter Borsche zusammen – sie bildeten eines der ersten Traumpaare des deutschen Films nach dem Zweiten Weltkrieg.

Filmstadt Göttingen: Dreh auf Schloss Berlepsch

Mehrfach als Drehort – was bei der Lage und Erscheinung hoch über dem Werratal auch wenig erstaunlich war – gab Schloss Berlepsch die beeindruckende Kulisse. Bereits 1950 wurde am Sitz der Adelsfamilie von Berlepsch die Theodor-Storm-Verfilmung „Unsterbliche Geliebte“ auf Filmrollen gebannt.

Regie führte Veit Harlan, der durch den Nazi-Propagandastreifen „Jud Süß“ zu zweifelhaftem Ruhm gelangt war. Harlan war umstritten. Seine Filme und die Produktionen zogen sich auch in Göttingen den Zorn der – linken – Studenten zu – wie 1951 bei den Arbeiten zu „Hanna Amon“.

Filmstadt Göttingen: Nick Knatterton

Zurück aufs Schloss Berlepsch: Es war auch ein Ort für Komödien. Dort entstand einer der erfolgreichsten und bekanntesten Spielfilme mit Heinz Erhardt, der acht Streifen im Göttinger Atelier drehte: „Witwer mit fünf Töchtern“ drehte Regisseur Heinz Engels 1957. Auch „Nick Knattertons Abenteuer – Der Raub der Gloria Nylon“ wurde 1958 unter Heinz Quest mit Karl Lieffen auf Berlepsch gedreht. Das Schloss musste dafür seinen Namen lassen: Berlepsch hieß „Rieselkalk“.

Vor dem Eingang: Dreharbeiten zu „Unsterbliche Geliebte“ auf Schloss Berlepsch. Sitzend der umstrittene Regisseur Veit Harlan, der auch einen Propagandafilm für die Nazis gemacht hatte.

Auch Witzenhausen war Filmort – für die Komödie „Ja, so ein Mädchen mit sechzehn“ aus dem Jahr 1959, unter anderem mit Conny Froboess. Genutzt wurde das damals neu gebaute Freibad.

Filmstadt Göttingen: Dreh auf Werratalbrücke

Weiter flussabwärts gen Drei-Flüsse-Stadt Hann. Münden wurde natürlich auch gedreht – und lieferte gar einen Blick auf andere Kontinente: Für den Heimatfilm „Tausend rote Rosen blühn“ wurde 1952 die Werratalbrücke bei Hedemünden zu einer Brückenbaustelle in Mittelamerika, in Mexiko. Die Hauptrollen in dem Film spielten Rudolf Prack und Winnie Markus.

Die Schönheit von Hann. Münden und des Wesertals zeigt auch bei Film- und Fernsehproduzenten immer wieder Wirkung. Als erster Film, der nach dem Zweiten Weltkrieg in der damaligen britischen Besatzungszone gedreht wurde, gilt „Zugvögel“ – mit Drehorten 1946 entlang der Oberweser, wie auch Bodenfelde. In den Hauptrollen zu sehen waren Carl Raddatz und Lotte Koch.

Filmstadt Göttingen: Produktionstage im Weserbergland

Mehrere Produktionen aus den Göttinger Filmateliers nutzten das Weserbergland für Außenaufnahmen, darunter 1953 die Thomas-Mann-Verfilmung „Königliche Hoheit“ mit Drehorten auf Schloss Nienover und im Forstamt Winnefeld.

Für „Die spanische Fliege“ wurde 1955 in Adelebsen und – erneut – die Drei-Flüsse-Stadt Hann. Münden gefilmt. Die beliebte Heinz-Erhardt-Komödie „Vater, Mutter und neun Kinder“ entstand 1958 auch am Bahnübergang Gut Wellersen und auf der Trendelburg.

Filmstadt Göttingen: Hollywood an der Leine

Mit dem Aus des Göttinger Ateliers 1961 und der Stadt, die als „Hollywood an der Leine“ bezeichnet wurde, endete aber nicht die Rolle als Drehort – auch das Werratal blieb kulissen-tauglich.

So drehte der große Regisseur Wim Wenders 1975 für „Im Lauf der Zeit“ im Hotel „Zur Krone“ in Witzenhausen. Der Südbahnhof dort war 1983 im ZDF-Zweiteiler „Heimat, die ich meine“ zu sehen.

Filmstadt Göttingen: Willi-Busch-Report

„Die“ Werratal-Filme aber inszenierte Bundesfilmpreisträger Niklaus Schilling, mit den Spielfilmen „Der Willi-Busch-Report“ (1979) und dessen Fortsetzung „Deutschfieber“ (1992). Erzählt wird dabei die Geschichte eines Reporters, gespielt von Tilo Prückner, der die Meldungen seiner Tageszeitung – Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Zeitungen waren rein zufällig – mangels tatsächlicher Geschehnisse selbst erfindet. Später wird er mit einer unehelichen Tochter aus der DDR konfrontiert. Mit diesem Film gab Christiane Paul ihr Schauspieldebüt.

Zu Werratal-Filmen hat auch der Neu-Eichenberger und Betreiber des Göttinger Filmbüros, Sven Schreivogel, einen persönlichen Bezug: Während seiner Schauspielausbildung stand er im Sommer 1991 in Treffurt als ZDF-Reporter für „Deutschfieber“ vor der Kamera. Auch Freundschaften sind entstanden, so mit der Schauspielerin Kornelia Boje, die die Hauptrolle als Rose-Marie Roth im „Willi-Busch-Report“ spielte, und mit Schauspieler Matthias Wiebalck – er verkörperte in „Deutschfieber“ die Rolle des Friedheimer Bürgermeisters Kleppmann.

Filmstadt Göttingen: Thema Grenze

Das Thema innerdeutsche Grenze, das die Region mehr als 40 Jahre geprägt hatte, wurde noch einmal in dem ZDF-Film „An die Grenze“ 2006 von Urs Egger aufgegriffen. Drehort war auch das Grenzmuseum Schifflersgrund bei Asbach-Sickenberg, nahe Bad Sooden-Allendorf.

Letztmalig kam Schloss Berlepsch im Stummfilm „Der Seelenspiegel“ 1996/97 in der Arbeit des heimischen Regisseurs und Hörspielproduzenten Sven Schreivogel zu Ehren.

Filmstadt Göttingen: Cotton im Solling

Selbst der in Groschen-Romanen berühmt gewordene Geheimagent Jerry Cotton ermittelte in Person von Georde Nader und mit seiner Jaguar-E-Type statt in New York im Wesertal. Für „Der Mörderclub von Brooklyn“ verlegte das Filmteam eine Brücke der Sollingbahn zwischen Bodenfelde und Bad Karlshafen sowie den Wahmbecker Tunnel über den Teich in die USA.

Der Kinderfilm-Klassiker „Flussfahrt mit Huhn“ aus dem Jahr 1984 erzählt von vier Ausreißern und ihrer Entdeckungsreise die Weser hinunter.

Filmstadt Göttingen: NDR dreht in der Region

20 Jahre später nutzten der NDR-Tatort „Dunkle Wege“ und der Kinofilm „Keine Lieder über Liebe“, beide entstanden 2004, erneut diente Hann. Münden als Drehort.

Video zur Filmstadt Göttingen

Beachtenswert auch ein noch junges Doku-Drama: 2020 stand Matthias Koeberlin in „Mit Gott gegen Hitler: Bonhoeffer und der christliche Widerstand“ im Kloster Bursfelde an der Weser vor der Kamera. Der Film schildert das Leben des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer.

Über den NDR-Göttingen-Tatort dürften auch weiter Drehorte in der Region regelmäßig im Fernsehen auftauchen. Zuletzt war es auch der gräfliche Landsitz in Nörten-Hardenberg im zweiten Göttingen-Tatort.

Filmstadt Göttingen: Zeitzeugen werden gesucht

Das Filmbüro Göttingen hat es sich zur Aufgabe gemacht, die regionale Filmgeschichte aufzuarbeiten und in einer Dauerausstellung für die Nachwelt zu erhalten. Zudem tauchen immer noch Hinweise auf bisher unentdeckte Filme auf. Generell sucht das Filmbüro Zeitzeugen, die mit Erinnerungen, Bild- und Textmaterial zu Filmen aus dem Werra- und Wesertal sowie der Region Nordhessen/Südniedersachsen beitragen könnten – vor allem für die Zeit von den 1950er bis 1980er Jahren.

„Vor wenigen Wochen hatten sich die Heimatforscher Manfred Baumgartner und Klaus Glaesner aus Bodenfelde bei uns gemeldet und wertvolle Hinweise zu den Filmen ‘Zugvögel’ und ‘Königliche Hoheit’ gegeben“, berichtet Sven Schreivogel, der auf weitere „Geschichten“ hofft. Manfred Baumgartner hatte sich aufgrund des HNA-Berichtes über Drehort-Initiative Göttingen und den Tatort „National feminin“ gemeldet. Er wiederum verwies auf Klaus Glaesner, der zu den Filmen „Königliche Hoheit“ mit Außenaufnahmen im Weserbergland und am Hauptdrehort Fulda mit Schloss, Orangerie und Dom forscht.

Zeitzeugen können sich melden unter Filmbüro Göttingen, Sven Schreivogel, E-Mail: kontakt@filmstadt-goettingen.de

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