Protest vor dem Neuen Rathaus 

Bewohner von Göttinger Flüchtlingsheim fordern "menschenwürdige" Unterkunft

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Solidarität: Linke Gruppen unterstützten die Forderungen der Flüchtlinge bei der Kundgebung vor dem Neuen Rathaus in Göttingen.

Göttingen. Flüchtlinge aus dem Göttinger Heim am Nonnenstieg fordern eine "menschenwürdige" Unterkunft. Mit Unterstützern haben sie vor dem Neuen Rathaus demonstriert.

„Bella Ciao“, die Hymne der italienischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg, ertönt quer über den Hiroshima-Platz. Drei Polizisten beobachten die Flüchtlings-Fraktion vor dem Neuen Rathaus, die mit ihrer – laut Stadt nicht genehmigten – Kundgebung auf ihre Situation aufmerksam machen will.

Als das Lied verstummt, ergreifen die Flüchtlinge das Wort. Sie schildern ihre Situation in „Massenunterkünften“. Einige von ihnen kennen es laut eigenen Aussagen gar nicht mehr anders, als ständig mit fünf anderen Personen in einem Raum hausen zu müssen. Massenunterkünfte seien menschenunwürdig, sagen sie.

Flüchtlinge haben nicht nur die eigene Situation im Blick

Das Wort „unverschämt“ fällt, als ein Redner erklärt, dass abgelehnte Asylbewerber kein Recht auf eine dezentrale Unterbringung hätten. Mit den „Massenunterkünften“ verfolgten die Behörden die gesellschaftliche Isolierung der Flüchtlinge, so der Redner. „Man kann nicht mit sechs Personen in einem Zimmer leben“, sagt er. Da seien Konflikte vorprogrammiert.

„Wohnung statt Massenunterkunft“: Die Flüchtlinge forderten eine menschenwürdige Unterbringung in Göttingen.

Die Protestierenden haben aber nicht nur die eigene Situation im Blick. Sie gucken auch auf das große Ganze, auf die Ankündigungen so manchen Politikers, die Fluchtursachen zu bekämpfen. „Wenn jemand die Fluchtursachen bekämpfen will, muss er die deutsche Kriegsmaschinerie stoppen“, sagt ein Redner. Gemeint sind die deutschen Waffenlieferungen an mindestens zweifelhafte Regime.

Die Flüchtlinge schildern ihre vertrackte Situation. Sie können nichts dafür, dass ihre Heimatländer durch Kriege zerstört wurden. Sie kritisieren die Praxis der Abschiebungen in Deutschland und fordern ein Recht auf eine dezentrale Unterbringung ein. Allein: Ihr Protest wird nichts nützen. Die Entscheidung zur Schließung des ehemaligen IWF als Flüchtlingsunterkunft fiel bereits im Juni 2017.

Stadt Göttingen wehrt sich gegen Begriff "Massenunterkunft"

Die Stadt Göttingen äußert sich wie folgt: „Die Stadt und ihre Städtische Wohnungsbau GmbH (SWG) haben in den vergangenen Jahren insgesamt 20 Millionen Euro investiert, um Einrichtungen mit Wohnstruktur zu schaffen. Von den derzeit 13 betriebenen Flüchtlingsunterkünften verfügt lediglich eine nicht über entsprechende Strukturen. Mit der Unterbringung in Massenunterkünften verbindet die Stadt Göttingen etwas Anderes.“

Die Basisdemokratische Linke Göttingen, die sich mit den Forderungen der Geflüchteten solidarisiert, wirft der Stadt hingegen „eiskalte Verwaltungslogik“ vor, wie Sprecherin Lena Rademacher sagt.

Die Unterkunft am Nonnenstieg soll bis August geschlossen werden, der Umzug lief bereits an. Auch dagegen haben die Flüchtlinge protestiert. 

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