Gespräch mit IHK-Geschäftsführer Dr. Martin Rudolph

Interview: Flüchtlinge sollen schneller in Ausbildung

Göttingen. Vielen Unternehmern geht es nicht schnell genug, Füchtlinge in Ausbildung und Arbeit zu bringen. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südniedersachsen, Martin Rudolph, über die Problematik und die Hilfsangebote - auch der IHK.

Warum dauert es so lange, Flüchtlinge und Asylbewerber in Ausbildung und Arbeit zu bringen?

Chef: Dr. Martin Rudolph leitet die IHK-Geschäftstelle Göttingen. Foto: nh

Dr. Martin Rudolph: Die Verfahren haben sich in den vergangenen Jahren vereinfacht und verkürzt. Aber: Der Aufbau von Strukturen benötigt einfach Zeit. Sehr viel schneller würde es gehen, wenn Asylverfahren rascher abgewickelt würden, Qualifikationen der Flüchtlinge früher festgestellt, Sprachkenntnisse geförert und Hürden beim Arbeitsmarktzugang abgebaut würden. Im Mittelpunkt der Bemühungen müssen anerkannte Flüchtlinge und Asylbewerber mit hoher Bleibeperspektive stehen.

Helfen Aktionen wie die der Agentur für Arbeit, die in den Aufnahmelagern nach qualifizierten Menschen suchen?

Rudolph: Der Ansatz, die Flüchtlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen nach beruflichen und sprachlichen Qualifikationen zu befragen, ist auf alle Fälle zu begrüßen. Kommen die Flüchtlinge dann in den Landkreisen und Kommunen an, weiß die Arbeitsverwaltung schon genau, was sie an Kenntnissen mitbringen. So können sie schneller in eine passende Ausbildung und Beschäftigung kommen.

Kann ein Unternehmer einen Flüchtling einfach einstellen?

Rudolph: Flüchtlinge mit einer Duldung können mit Erlaubnis der Ausländerbehörde ohne jede Wartefrist eine betriebliche Ausbildung aufnehmen. Bei einer Aufenthaltsgestattung - Asylantrag ist noch ohne Entscheidung - kann ab dem vierten Monat eine Berufsausbildung aufgenommen werden.

Könnte das die Aufenthaltserlaubnis verlängern?

Rudolph: Seit dem 1. August 2015 gilt die Aufnahme einer qualifizierten Berufsausbildung für Flüchtlinge bis 21 Jahre ausdrücklich als Duldungsgrund. Es sei denn, sie kommen aus einem sicheren Herkunftsland wie Bosnien-Herzegowina, Serbien, Ghana oder Senegal. Die Duldung wird für ein Jahr erteilt. Ist mit einem Ausbildungsabschluss zu rechnen, wird die Duldung für jeweils ein Jahr verlängert. Aber: Sie erhalten nicht gleich eine Duldung für die gesamte Ausbildungszeit. Nach der Ausbildung kann eine Aufenthaltserlaubnis beantragt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Flüchtlinge während einer Ausbildung abgeschoben werden, ist damit sehr gering.

Sollte nicht gleich eine Duldung/Aufenthaltserlaubnis für die gesamte Ausbildungszeit vergeben werden?

Rudolph: Für junge Asylbewerber und Geduldete mit hoher Bleibeperspektive, die eine berufliche Ausbildung beginnen, sollte während der dreijährigen Ausbildung und zwei Jahre danach eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden. Auch die Altersgrenze für die Aufnahme einer beruflichen Ausbildung sollte angehoben werden. Viele Flüchtlinge mit Ausbildungswunsch sind älter als 21 Jahre.

Wie hilft die IHK bei der Anerkennung von Qualifikationen?

Rudolph: Die Erstanlaufstelle für Menschen mit ausländischen Qualifikationen bei der IHK Hannover berät Anerkennungssuchende aus allen Berufsgruppen und Ländern. Dabei geht es auch um eine Lotsenfunktion für die Ratsuchenden.

Was ist, wenn Belege über Ausbildungen fehlen?

Rudolph: Dann kann der mitgebrachte Berufsabschluss auch über eine Qualifikationsananlyse bewertet werden. Das kostet aber mehr. Fraglich ist auch, ob diese von der Arbeitsverwaltung übernommen werden.

Wo ist die Beratung möglich?

Rudolph: Die Beratung erfolgt im Rahmen des Programms „Integration durch Qualifizierung - IQ“. Beratungen zum Thema Anerkennung sind in Hannover in verschiedenen den Sprachen möglich. Nach Anmeldung werden Sprechtage auch in Göttingen angeboten. Aus unserer Sicht sollten die Anerkennungsverfahren in der eigenen Region bearbeitet und entschieden werden. Dort sind die Berater näher dran an den Menschen.

Aufenthaltsgenehmigung und Duldung

Beim schnellen Arbeitsmarktzugang stehen vor allem Flüchtlinge mit einer Aufenthaltsgestattung oder Duldung im Fokus.

Eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten Asylsuchende, über deren Antrag noch nicht entschieden wurde.

Eine Duldung erhalten diejenigen, deren Asylantrag abgewiesen wurde, die aber aus Gründen nicht abgewiesen werden können. Für beide Gruppen gelten folgende Regeln:

Zugang in Beschäftigung:

• In den ersten drei Monaten des Aufenthalts besteht ein Arbeitsverbot.

• Ab dem 4. Monat des Aufenthalts kann eine Beschäftigung mit Erlaubnis der Ausländerbehörde und Zustimmung der Arbeitsverwaltung aufgenommen werden. Sie prüft in der „Vorrangprüfung“, ob die Stelle auch von EU-Bürgern besetzt werden kann.

• Ab dem 16. Monat des Aufenthalts fällt die Vorrangprüfung weg.

• Ab dem 49. Monat des Aufenthalts kann eine allgemeine Beschäftigungserlaubnis ausgestellt werden.

• Für Personen mit Hochschulabschluss oder für beruflich Qualifizierte in Mangelberufen gibt es unter Umständen weitere Erleichterungen.

Zugang in Ausbildung:

• Ausbildung und Praktika sind ab dem 4. Monat - bei Duldung ab dem ersten Tag - möglich, auch ohne Vorrangprüfung. (tko)

Hintergrund: IHK hilft bei Ausbildungsanerkennung

Die IHK Hannover hilft bei den Anerkennungsverfahren für IHK-Berufe. Die Betriebe können sich bei der IHK melden, wenn Flüchtlinge und Asylbewerber Fragen haben und Belege benötigen. Die Beratungsstelle in der Berliner Allee 23 in Hannover ist montags bis freitags von 8.30 bis 16 Uhr geöffnet. Tel. 0511/3107-517, E-Mail: anerkennungsberatung@hannover.ihk.de

Beratungen zum Thema Anerkennung sind bei der IHK neben Deutsch in den Sprachen Polnisch, Russisch, Ukrainisch, Englisch, Serbisch, Kroatisch, Arabisch, Persisch und Kurdisch möglich. Die IHK stockt jetzt ihre Mitarbeiterzahl in diesem Bereich noch einmal auf. Beratungen sind nach Absprache auch in Göttingen möglich. Die IHK hat 656 Anerkennungsanträge in vier Jahren bearbeitet. Auffällig: fast die Hälfte aller Antragsteller leben seit null bis fünf Jahre in Deutschland. Knapp 54 der Antragsteller auf Bescheinigung einer Gleichwertigkeit der Ausbildung waren Frauen. (tko) Quelle: IHK Hannover

Rubriklistenbild: © dpa

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