Demo am Samstag

Flüchtlinge und Helfer kritisieren Unterkunft: "Die Siekhöhe in Göttingen macht krank"

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Protestaktion: Rund 150 Menschen demonstrierten für die sofortige Schließung der Notunterkunft Siekhöhe. 

Göttingen. Mit einem Protestzug vom Universitätsgelände durch die Göttinger Innenstadt demonstrierten am Samstag etwa 150 Menschen für eine angemessene Unterbringung von Flüchtlingen und die Schließung der „Notunterkunft Siekhöhe“.

Bei der „Notunterkunft Siekhöhe“ (offiziell Wohnanlage Anna-Vandenhoek-Ring) handelt es sich um eine fensterlose Lagerhalle am äußersten Stadtrand Göttingens mit Mehrbettabteilen und offener Deckenstruktur, Umzäunung und Security-Überwachung ohne die Möglichkeit der Selbstversorgung. Schon im Vorfeld der Demonstration hatten betroffene Flüchtlinge über die aus ihrer Sicht unzumutbaren Zustände dort berichtet.

Eine 24-jährige Frau aus Afghanistan, die seit sieben Monaten in Deutschland ist und wie die anderen Betroffenen namentlich nicht genannt werden will, ist verzweifelt. „Ich habe einen Monat dort gewohnt und wurde krank davon“, sagt sie. Vor allem für Frauen, Kinder und Familien sei es „unmöglich, dort zu leben“. Wen zehn Frauen oder drei Familien in einem Zimmer zusammenleben müssten, sei es unerträglich laut.

Offene Decken: So sieht es in der Flüchtlingsunterkunft auf der Siekhöhe aus.  

„Dadurch bekommt man weder nachts noch tagsüber Schlaf“, sagt sie. Hinzu komme, dass die Notunterkunft Siekhöhe „viel zu weit weg von der Stadt“ sei und es dort kein Angebot an Deutschkursen gebe. „Weil das alles auf meine Gesundheit geschlagen ist, lebe ich derzeit im Krankenhaus“, sagt die 24-Jährige. Das Sozialamt habe allerdings schon angekündigt, dass die junge Frau, deren Asylverfahren noch in der Schwebe hängt, danach in die Siekhöhe zurückkehren müsse. „Wenn das passiert, bringe ich mich lieber um“, sagt sie mit ernster Mine.

Ebenfalls zutiefst verzweifelt ist ein 46-jähriger Tschetschene, der seit einem Jahr mit seiner Frau und den vier minderjährigen Kindern in der Notunterkunft lebt und der genau wie seine Frau wegen einer schweren psychischen Erkrankung schon stationär behandelt werden musste. „Weil alles dort aufgebaut ist wie ein Großraumbüro ist es unerträglich laut“, sagt er. Alle Bewohner seien sehr nervös und es komme immer wieder zu Konflikten untereinander.

Die Bushaltestellen, von der aus die Kinder in die Schule fahren, seien mindestens einen Kilometer entfernt. Das Schlimmste ist, dass wir keine Möglichkeit haben, selbst für die Kinder zu kochen“, sagt er. Das habe dazu geführt, dass alle vier enorm abgenommen hätten, seit sie dort wohnen. „Ich war jetzt schon zweimal im Krankenhaus und meine Frau leidet unter Epilepsie“, sagt der 46-Jährige, der nicht zuletzt deshalb schon mehrfach daran gedacht habe, sich das Leben zu nehmen.

Ausschuss entscheidet am Dienstag

Die Göttinger Stadtverwaltung plant den Betrieb der Notunterkunft Siekhöhe nochmals zu verlängern.

Am Dienstag, 15. Mai, wird der Sozialausschuss der Stadt über die Vorlage der Stadtverwaltung abstimmen. Beginn der öffentlichen Sitzung ist um 16 Uhr im Neuen Rathaus (Raum 126) am Hiroshimaplatz.

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