Vater vom chinesischen Staat verfolgt?

Folter: Göttinger sorgt sich um seine Familie in China 

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Starke Veränderung: Tahir Mutällip Qahiris Vater auf einem Foto 2016 (links) und bei einem Videotelefonat drei Jahre später (rechts).

Der Göttinger Tahir Mutällip Qahiri hat einen schlimmen Verdacht: Er vermutet, dass sein Vater in China gefoltert wurde und dauerhafte körperliche Schäden davontragen wird.

Doch die Familie in seinem Heimatland beschwichtigt: Es sei alles in Ordnung, der Vater sei nur im Krankenhaus gewesen und der Sohn solle dieses Thema doch bitte nicht mehr ansprechen. Aber Tahir Mutällip Qahiri will nicht schweigen.

Nach 17 Monaten Stille hatte der Göttinger Doktorand kürzlich erstmals wieder Kontakt zu seiner Familie in China: Bei einem Videotelefonat – das Qahiri auch aufgezeichnet hat – war für den Sohn eindeutig zu erkennen, dass sein Vater stark abgenommen hat, seine Haare waren kurzrasiert. 

Er habe über schwere rheumatische Schmerzen geklagt. Der Sohn vermutet dahinter aber eher die Folgen von Folterung.

Vater wurde Propaganda zur Spaltung Chinas vorgeworfen

Seinem Vater, einem Universitätsprofessor und Mitglied der Kommunistischen Partei, wurde von der Volksrepublik Propaganda zur Spaltung des Staates vorgeworfen (wir berichteten). Der Göttinger war sich sicher, dass sein Vater in einem Straflager gefangen gehalten wird, und sorgte sich um die Gesundheit des schwer erkrankten Senioren.

Warum die Familie plötzlich den Kontakt zum ihm abgebrochen habe, sich ein Bruder erst nach 17 Monaten wieder bei ihm gemeldet habe, wollte Tahir Mutällip Qahiri von Eltern und Geschwistern wissen. Eine Antwort bekam er nicht. „Ich wurde belehrt“, sagt er. Er solle „seine Klappe halten“, sonst würde es für die ganze Familie gefährlich. 

Qahiri sollte den Medienberichten widersprechen

Der Gesprächsinhalt habe sich auf zwei Dinge beschränkt: Lob für die Partei und die Belehrung still zu sein. Und Qahiri solle den Berichten in westlichen Medien öffentlich widersprechen. Seitdem beschränkt sich der Kontakt auf ein Mindestmaß. Die Familie rede „wie Papageien“, wiederhole immer wieder, es ginge ihnen gut, frage nicht nach seinem Privatleben.

Qahiri konfrontierte den Vater mit seinen Recherchen: Er habe mit der Polizei, dem Finanzbüro der Universität und dem Mittleren Volksgericht in Kaschgar gesprochen und herausgefunden, dass sein Gehalt nicht mehr ausgezahlt werde, er angeklagt und verhaftet worden sei. 

Der Vater drohte damit, ihn zu verleugnen – eine harte Strafe in der uigurischen Kultur, die den vollständigen Kontaktabbruch zur Familie bedeutet. „Das ist eine schlimme Demütigung für meinen Vater. Erst war er Opfer, jetzt schützt er seine Täter“, sagt Qahiri.

Tahir Sidiq Qahiri ist Uigure und Doktorand des Seminars für Turkologie und Zentralasien Studien an der Uni Göttingen.

Experte vermutet, dass Qahiri nicht frei sprechen kann

Hanno Schedler, Referent für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen, geht davon aus, dass Qahiri Senior nicht frei sprechen kann, und unterstützt den Göttinger Doktoranden in der Vermutung, sein Vater stehe unter Hausarrest. 

„Herr Qahiri versucht, Schlüsse aus den Gesprächen zu ziehen, zwischen den Zeilen zu lesen“, sagt Schedler, „Was wir haben, ist die Urteilskraft seines Sohnes und die schätze ich sehr hoch ein.“ Ob er Sorge habe, seine Familie durch seine Öffentlichkeitsarbeit in Gefahr zu bringen? „Ich schweige nicht, ich bin kein Täter“, ist Qahiris Antwort. 

Hanno Schedler unterstützt ihn in dieser Einstellung: „Es ist richtig, dass Herr Qahiri weitermacht, damit sein Vater die medizinische Hilfe bekommt, die er benötigt.“ Aber auch Herr Qahiri selbst brauche Schutz – vom deutschen Staat. China versuche immer wieder Menschenrechtsverteidiger wie ihn, die als Terroristen und Separatisten diffamiert würden, mundtot zu machen, berichtet Schedler. 

Der chinesische Staat soll Stellung zur Verhaftung nehmen

Deshalb sei es wichtig, dass Uiguren nicht abgeschoben werden. Tahir Mutällip Qahiri fordert drei Dinge. Erstens: Der Staat soll Stellung zur Verhaftung des Vaters nehmen. Zweitens: Der Staat soll die Sicherheit der Familie garantieren. Drittens: Die Ausreise der Eltern muss ermöglicht werden. 

Denn als Qahiri 2016 zuletzt zu Besuch war, seien ihnen die Pässe abgenommen worden – „um sie sicher aufzubewahren“, wie die Polizei gesagt habe. Qahiri will so lange reden, bis der Staat seine Bedingungen erfüllt. Früher sei er stolz auf den chinesischen Vielvölkerstaat gewesen. 

Heute habe er Sorge um seine Familie und sein Volk. „Die Welt schaut zu, wie unsere Kultur systematisch vernichtet wird.“

Uiguren sind eine muslimische Minderheit in China

Die Qahiris sind Uiguren, eine muslimische Minderheit in China, die nach Informationen der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) systematisch diskriminiert und verfolgt wird. 

Hanno Schedler, Referent für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung bei der GfbV, spricht von einer „Zwangsassimilierung“ des uigurischen Volkes. Die Identität werde „systematisch ausgelöscht“

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