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Forschungsstandort Göttingen: Wenn Plattwürmer vom ewigen Leben künden

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Von: Thomas Kopietz

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Schönes Tier: Der Weißbüschelaffe (Callithrix jacchus) lebt am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen. Das Weibchen ist drei Jahre alt. Die Tiere werden dort gezüchtet und für Versuche verwendet.
Schönes Tier: Der Weißbüschelaffe (Callithrix jacchus) lebt am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen. Das Weibchen ist drei Jahre alt. Die Tiere werden dort gezüchtet und für Versuche verwendet. ©  Chris Drummer/DPZ/NH

Versuchstiere werden in der Wissenschaft weiterhin benötigt. Am Standort Göttingen suchen die Forscher darüber das Gespräch.

Göttingen – Die Gesamtzahl von Versuchstieren für die Wissenschaft sank von 2.902.348 im Jahr 2019 auf 2.533.664 im Jahr 2020. Für den Deutschen Tierschutzbund ist die Zahl der Tiere, die für die Wissenschaft „geopfert werden, weiterhin erschreckend hoch“. Der Rückgang basiere weniger auf dem Bestreben der Politik, Tierversuche zu beschränken, sondern mehr auf den Folgen der Pandemie.

Der Tierschutzbund fordert deshalb von der Bundesregierung eine Strategie, um Tierversuche langfristig komplett durch tierversuchsfreie Methoden zu ersetzen.

Auch der Forschungsstandort Göttingen kommt trotz Anstrengungen, weniger Versuchstiere für Studien zu verwenden, nicht ohne diese aus. In Niedersachsen wurden 2019 sogar exakt 208 947 Versuchstiere gemeldet – das sind die fünftmeisten unter den 16 Bundesländern. Fast die Hälfte aller Versuchstiere werden in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen eingesetzt.

In Göttingen steht das Deutsche Primatenzentrum (DPZ) oft in der Diskussion, musste sich auch schon staatsanwaltlichen Untersuchungen stellen, aber sucht wie in Person von Direktor Prof. Stefan Treue häufig das Gespräch und die breite Information zum Thema Versuchstiere. „Das Verständnis für tierexperimentelle Forschung hängt ganz wesentlich davon ab, in welchem Maß wissenschaftliche Institutionen die Öffentlichkeit über Notwendigkeit, Bedeutung und Unerlässlichkeit von Tierversuchen informieren“, sagt Stefan Treue, auch Sprecher der Initiative „Tierversuche verstehen“.

Am DPZ – und auch in Kooperationen am Göttingen Campus mit Forschungseinrichtungen, Uni und Uni-Medizin, laufen Studien an nicht-menschlichen Primaten in der Infektions- und Herz-Kreislauf-Forschung sowie in den Neurowissenschaften.

„Die Wissenschaftlerinnen sind sich der großen ethischen Verantwortung bewusst, die damit einhergeht. Sie haben sich verpflichtet, Tierversuche und Tierschutz bestmöglich in Einklang zu bringen und über dieses Thema mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren“, heißt es.

Dafür steht auch der weltweit anerkannte Hörforscher Prof. Tobias Moser, dessen Team eine revolutionäre, auf Lichtimpulsen und Gentechnik basierende Ohr-Prothese entwickelt und dabei weit fortgeschritten ist. Für ihn erfüllen kleinere, eigens dafür gezüchtete und ob ihrer Hörfähigkeiten bestens geeignete Weißbüschelaffen den unumgänglichen Zweck: Bevor die Hörimplantate vermutlich ab 2025 im klinischen Einsatz an Menschen getestet werden, müssen diese Versuche an Affen laufen – den Weißbüscheläffchen. Dort im DPZ werden die Tiere von Dr. Marcus Jeschke auch daraufhin trainiert, auf bestimmte Töne zu reagieren.

Die neuen opto-genetischen Cochlea-Implantate sollen übrigens fast tauben Menschen wieder ein qualitatives Hören von Sprache und Musik zu ermöglichen. Bei Tieren wie Nagern hat das bereits funktioniert. Auch deshalb konnte die Forschung des Moser-Teams vorangetrieben werden.

Auch am Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften wird mit Tieren geforscht. Dr. Jochen Rink arbeitet mit Plattwürmern. Sie sind Meister der Regeneration. Bei bestimmten Arten kann sich so aus wenigen Gewebestücken ein neuer Wurm entwickeln. Rink und Kollegen züchten die Plattwürmer in einer Spezialtierhaltung und erforschen genau diese sagenhafte Regenerationsfähigkeit, die auf kleinster Ebene dahinter stehenden molekularen Mechanismen und die spannende Frage: „Woher wissen die verbleibenden Zellen eines Gewebes, was fehlt und ersetzt werden muss? Es geht auch darum, zu erfahren, warum bestimmte Arten scheinbar ewig leben können, andere altern und sterben.

Trotz dieses bewussten und unter hohen gesetzlichen Auflagen stattfindenden Umgangs mit Versuchstieren ist den Tierschützern deren Zahl verständlicherweise viel zu hoch. Festzuhalten bleibt zur Einordnung aber auch: Die Ausgaben des Bundes für biomedizinische Forschung und immer mehr Projekten wächst stetig, die Zahl der in Studien und Versuchen verwendeten Tieren aber bleibt laut dem „Kompass Tierversuche 2022“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz von 2014 bis 2020 annähernd konstant. (Thomas Kopietz)

Versuchstiere in der Forschung und gemeldete Zahlen

Das Deutsche Primatenzentrum (DPZ) Göttingen hat in den vergangenen Jahren die Diskussion und Information öffentlicher gemacht. Auf der Internetseite weist das DPZ auf einen „oft missverstandenen Aspekt“ in der öffentlichen Diskussion über Tierversuche in der Forschung sind die jährlichen, offiziellen Versuchstierzahlen hin und verweist auf strenge Vorgaben: Sämtliche Versuche, für die in Deutschland Wirbeltiere eingesetzt werden, müssen genehmigt und die Zahl der Tiere muss der zuständigen Landesbehörde gemeldet werden. Die Behörden übermittelten die Zahlen bis 2020 dem Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL), das einmal im Jahr über die Gesamtzahlen informierte. Seit 2021 melden die zuständigen Behörden gemäß Versuchstiermeldeverordnung die Zahlen zu den verwendeten Versuchstieren dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Die Zahlen für 2020 und wurden am 16. Dezember 2021 veröffentlicht. Die gesamte Versuchstierstatistik wird ab dem 2021 vom Deutschen Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) veröffentlicht, das Teil des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) ist. Von den rund 2,9 Millionen Versuchstieren wurden 2020 für wissenschaftliche Zwecke verwendet: mehr als 1,8 Millionen Mäuse, mehr als 280 000 Fische, 190 000 Ratten, 70 000 Kaninchen, 2562 Hunde, 2111 Affen, 644 Katzen.

Zweck: Grundlagenforschung: 58 Prozent; Herstellung oder Qualitätskontrolle medizinischer Produkte: 19 Prozent; Erforschung von Erkrankungen von Menschen und Tieren: 13 Prozent; (Erhaltungs-)Zucht von genetisch veränderten Tieren: 6 Prozent; Aus- oder Weiterbildung: 4 Prozent; Arten- und Umweltschutz: 1 Prozent. (tko)

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