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Forschungszentrum in Göttingen: Den Affen Achtsamkeit schenken

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Von: Thomas Kopietz

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So schwungvoll kann eine Schlüsselübergabe sein: Veronika von Messling (Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung) schwingt den Schlüssel für das neue Forschungsgebäude PriCaB wie eine Gitarre. Julia Fischer und Stefan Treue (Deutsches Primatenzentrum, DPZ, Göttingen) sind bereit für die Übernahme.
So schwungvoll kann eine Schlüsselübergabe sein: Veronika von Messling (Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung) schwingt den Schlüssel für das neue Forschungsgebäude PriCaB wie eine Gitarre. Julia Fischer und Stefan Treue (Deutsches Primatenzentrum, DPZ, Göttingen) sind bereit für die Übernahme. © Thomas Kopietz

Für seine tierischen Bewohner hat das Deutsche Primatenzentrum ein neues Domizil errichtet. Es ermöglicht eine bessere Haltung der Mantelpaviane.

Göttingen – Die tierischen Bewohner – Mantelpaviane – sind schon seit einer eingezogen, genießen im Freigehege die Wärme der Sonne. Langsamer waren die Menschen: Sie weihten die Affen-Wohnstätte am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen am Donnerstag ein. In dem PriCaB-Gebäude gibt es in dieser Kombination einmalige Bedingungen: Züchtung, Haltung und Forschung laufen unter einem Dach.

Mehr Achtsamkeit für die Tiere und die Ergebnisse aus der Verhaltens- und Kognitionsforschung mit Affen sollen auch eine verbesserte Tierhaltung ermöglichen. Auf 1170 Quadratmetern können die Tiere aufgrund flexibler Raumgestaltung in ihren sozialen Gruppen leben.

Die Alleinstellung des PriCaB in der Forschungslandschaft betonte der Direktor am Deutschen Primatenzentrum (DPZ), Prof. Stefan Treue gleich bei der Begrüßung der Runde, die Gäste aus den genannten Bereichen bildeten. Dabei auch Vertreterinnen der Geldgeber, dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung mit Prof. Veronika von Messling, und dem Niedersächsischen Wissenschaftsministerium (Dr. Sabine Johannsen), die 70 Prozent der Kosten von 6,5 Millionen Euro trugen. 30 Prozent, 2,16 Millionen Euro, steuerte das DPZ bei.

Die entschlüsselte Abkürzung des Gebäudenamens verrät, worum es in ihm geht: PriCaB steht für „Primate Cognition and Behavior“ (Primatenkognition und Verhalten). Eine Namensverbindung besteht bewussterweise zum geplanten Forschungsneubau an der Goßlerstraße, dem HuCaB (Human Cognition and Behavior), wo es unter Leitung von Prof. Annekathrin Schacht auch um die Erforschung menschlicher Sozialkognition gehen wird. Dort werden dank Spitzentechnik Beobachtungen von Gruppen möglich sein. Das HuCaB wird 38 Millionen Euro kosten und soll 2025 starten.

Die enge Kooperation von HuCaB und PriCab geschieht bewusst und verschafft Göttingen einen neuen Forschungsschwerpunkt. Integriert werden das Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS) und das frisch gegründete Göttingen-Campus- Institut für Dynamik biologischer Netzwerke (CIDBN).

Die vergleichende Forschung mit parallelen Studien an Affen und Menschen bezeichnet Stefan Treue als neuen „Meilenstein“. Sie soll auch Aufschluss über „Grundlagen und Entwicklung menschlichen Verhaltens und sozial-kognitiven Fähigkeiten geben“, wie Schacht sagt. Spannend ist auch, dass Menschen und Affen dabei gleiche Testgeräte wie Touch-Pads benutzen werden. Am DPZ, im neuen Gebäude, sind diese schon vorhanden. Die sich dort sonnenden Mantelpaviane wissen aber noch nichts davon, dass sie bald den menschlichen Probanden im HuCaB weit voraus sein werden. Mehrere Kameras in einem High-Tech-System verbunden und mit Analyse und Erkennungsprogrammen ausgestattet, werden die Tiere in ihrem normalen Lebensumfeld beobachten, Bewegungen, Verhalten und den Gesundheitsstatus optisch erfassen. „Das könnten wir über Mitarbeiter dauerhaft gar nicht leisten“, schildert Treue. „Zudem würden diese die Tiere und deren Verhalten beeinflussen.“

Forschungsgebäude PriCaB am Deutschen Primatenzentrum Göttingen: Im 588 Quadratmeter großen Außenbereich sind Matelpaviane eingezogen.
Forschungsgebäude PriCaB am Deutschen Primatenzentrum Göttingen: Im 588 Quadratmeter großen Außenbereich sind Matelpaviane eingezogen. © Thomas Kopietz

Diese Versuche liefern enorme Datenmengen von mehreren Terrabyte pro Tag. Die Daten gehen direkt ins faGroßrechenzentrum am Nord-Campus. Komprimiert können sie dann von den Forschern im DPZ und anderen Einrichtungen genutzt werden. All das soll auch helfen, zu erkennen, welche Aktivitäten in Nervenzellen – bei Menschen und Tieren – die Gedächtnisleistungen beeinflussen. So könnten neurologische Störungen und Erkrankungen bei Menschen früh erkannt werden. „Daraus könnten neue Therapien entstehen – so bei Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsstörungen“, schildert Annekathrin Schacht.

Die Mantelpaviane im PriCaB sind also Vorreiter in dem Projekt, das in einem Cluster für die nächste Exzellenzinitiative der Universitäten mündet. Verantwortlich dafür ist Prof. Julia Fischer, Uni-Professorin und Leiterin Kognitive Ethologie am DPZ. Sie ist in der deutschen Forschungslandschaft bestens vernetzt und eine Affen-Expertin. In ihrem viel beachteten Buch „Affengesellschaft“ erzählt sie faszinierend und leicht verständlich über Kognition bei Affen. (Thomas Kopietz)

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