Frank Schätzing - So funktioniert Infotainment

Will Licht ins Dunkel des Nahostkonflikts bringen: Frank Schätzing in der Göttinger Lokhalle. Foto: Jelinek

Göttingen. Es ist stockfinster in der Göttinger Lokhalle. Aus allen Richtungen dringt Stimmengewirr aus Lautsprechern und wird immer lauter. Plötzlich wechselt die Stimmung, man hört Windgeräusche, Vogelschreie, und aus dem Dunkel taucht das Gesicht von Frank Schätzing auf. Willkommen in Göttingen, willkommen in Afghanistan.

Der Bestsellerautor nimmt die Besucher in der gut halb gefüllten Lokhalle sofort mit auf die Afghanistanreise seines Romanhelden Tom Hagen, liest atemlos von einer Fahrt durch die afghanische Wüste, welche die Hauptperson des Thrillers „Breaking News“ mit einer über den Kopf gezogenen Kapuze erlebt – denselben akustischen Signalen ausgesetzt wie die Zuhörer in der Lokhalle.

Dann abrupter Abbruch: Frank Schätzing, nun auf der beleuchteten Bühne, klärt sein Publikum auf: Die Afghanistan-Episode endet etwa auf Seite 380 seines Romans. Die nächsten 600 Seiten werden in Jerusalem und in der Westbank spielen, „im Treibsand des Nahostkonflikts“.

Er werde keine schlichte Lesung abhalten, hatte Schätzing seinen Auftritt beim Göttinger Literaturherbst angekündigt, und dieses Versprechen hält er. Er erzählt von seiner Suche nach einem Romanthema, von einer ersten Recherchereise nach Tel Aviv, vergisst nicht, von seiner Flugangst zu berichten, und ist schon bald dabei, dem gespannt lauschenden Publikum die Geschichte des Nahostkonflikts seit dem Ende des Osmanischen Reiches vor fast 100 Jahren zu erklären.

Mit klaren Worten und gelegentlich auch flapsigen Bemerkungen. Denn eines vermeidet Schätzing bewusst: Er will keinesfalls den intellektuellen Autor spielen, sondern er begegnet dem Publikum auf Augenhöhe. Als einer, der für seine Leser jene Informationen zusammenträgt, die ihnen beim Verständnis des Nahostkonflikts helfen, und der sie spannend zu verpacken weiß.

Dabei vermeidet Schätzing auf wohltuende Weise die gängigen Klischees. Anhand zahlreicher Begegnungen mit Israelis und Palästinensern schildert er die komplexe Lage in Israel und auf der Westbank, erzählt von unversöhnlicher Konfrontation ebenso wie von pragmatischer, ja sogar freundschaftlicher Zusammenarbeit im Kleinen. Nichts für Verfechter einfacher Wahrheiten.

Natürlich will Schätzing auch unterhalten. Dabei unterstützt ihn die israelische Sängerin Ofrin, deren Stimme Schätzing im israelischen Radio auffiel. Die heute in Berlin lebende Künstlerin verbreitet mit ihren melancholischen, auf Hebräisch und Englisch gesungenen Liedern ein zeitgenössisch-orientalisches Lebensgefühl.

Unvermittelt taucht Schätzing wieder in die Handlung seines Thrillers ein. Begleitet von einem James-Bond-reifen Soundtrack, schildert er eine wilde Verfolgungsjagd im palästinensischen Nablus. Wer das hört, kann sich nicht darüber wundern, dass Nico Hofmann „Breaking News“ verfilmen wird. Plötzlich Stille, und Frank Schätzing sagt: „Schön war’s bei euch in Göttingen.“ Und während noch geklatscht wird, bildet sich schon eine lange Schlange am Signiertisch.

Göttinger Literaturherbst heute: Rolando Villazón. 19 Uhr, Lokhalle.

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