Interview mit Bestsellerautor Frank Schätzing: "Ich mache Kino für die Ohren"

Kommt zum Literaturherbst: Bestsellerautor Frank Schätzing stellt in der Lokhalle sein Buch „Breaking News“ vor. Foto: nh

Göttingen. Prominenter Gast beim Göttinger Literaturherbst ist in diesem Jahr Frank Schätzing. Wir sprachen mit dem Bestsellerautor, der am Montag in der Lokhalle seinen Nahost-Thriller „Breaking News“ präsentiert.

Herr Schätzing, was kann das Publikum von Ihrer Buchvorstellung erwarten? 

Frank Schätzing: Auf einen kurzen Begriff gebracht: Kino für die Ohren. Die klassische Literaturlesung ist ja nicht so mein Ding. Wenn ich eine Bühne zur Verfügung habe, nutze ich sie, um andere Sinne anzusprechen und den erzählerischen Kosmos meiner Geschichte zu erweitern. In Göttingen setze ich voll auf die Möglichkeiten der Akustik.

Wie muss man sich das vorstellen? 

Schätzing:  Als ich in Israel und Palästina war, bin ich immer mit einem Aufnahmegerät herumgelaufen, um die Originalatmosphäre einzufangen. Es gibt da zum Beispiel eine Szene in Nablus in der Westbank, eine Verfolgungsjagd. Ich lese die Szene live, bette sie aber in einen kinoreifen Soundtrack ein, der über ein spezielles Surroundsystem erklingt. Der Effekt ist gewaltig. Es fliegen Hubschrauber über Sie hinweg, Sie hören Marktschreier um sich herum, es ist, als säßen Sie mitten in der Szenerie. Und Ofrin wird live auftreten, eine israelische Sängerin mit hypnotischer Stimme. Sie spinnt die Story auf ihre Weise weiter. Dazwischen gibt es einen Teil, in dem ich einfach erzähle. Über die Hintergründe des Buches, die Region, meine Zeit in Nahost, über israelischen und palästinensischen Humor.

Kurz nachdem Ihr Buch erschienen war, eskalierte der Konflikt in Gaza. Hatten Sie bei Ihren Recherchen gespürt, dass da ein Gewaltausbruch droht? 

Schätzing: Man spürte, dass da was brodelte. Das kam ja nicht aus heiterem Himmel. 2012 war es mir jedenfalls nicht mehr möglich, nach Gaza reinzukommen. Ich war nur in der Westbank.

Sie haben einmal gesagt, Israelis und Palästinenser könnten nach Lebensart und Temperament perfekte Nachbarn sein. Warum sind sie es nicht? 

Schätzing: Tja. Selbst Zwillinge balgen sich schon mal ums Erbe. Das Problem liegt in der Vergangenheit begründet. Als Palästina nach der Zerschlagung des Osmanischen Reichs unter britisches Mandat geriet, hat das Empire Arabern wie Juden dort jeweils eine eigene nationale Heimstätte versprochen. Noch 1917 saßen Juden und Araber zusammen und versicherten sich gegenseitig, wie sehr man einander schätze und sich auf gute Nachbarschaft freue.

Warum ging das Teilungsprojekt schief? 

Frank Schätzing präsentiert das Buch „Breaking News“. Montag, 19 Uhr, Lokhalle Göttingen. Karten:: HNA-Kartenservice, Tel. 0561/ 203 204, und an der Abendkasse. • Der Göttinger Literaturherbst findet vom 10. bis 19. Oktober statt. Auftakt: Freitag, 19 Uhr, Altes Rathaus: Autorenlesung Katrin Bauerfeind.

Schätzing:  Die Briten hatten beiden dasselbe Stück Land versprochen. Schnapsidee. Zwei Dinge sind danach passiert, die bis heute nachwirken. Zum einen haben die Araber 1947 den UN-Teilungsplan abgelehnt. Der war sicher nicht ideal, aber wenigstens hätten die Palästinenser ihren eigenen Staat bekommen. Das war der Kardinalfehler der Araber, dem etliche arabische Niederlagen folgten. Israel musste sich der ständigen Bedrohung von außen erwehren und beging seinerseits den Kardinalfehler, die 1967 infolge des triumphalen Sieges im Sechstagekrieg eroberten Gebiete nicht zurückzugeben. Stattdessen wollte man durch die Besiedelung der Westbank, Gazas, des Sinais und der Golanhöhen Fakten für die Ewigkeit schaffen. Das sind - wie ich meine - die beiden unaufgelösten Traumata.

Hat sich der Glaube, der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern sei Grund allen Übels im Nahen Osten, nicht erledigt, seit die Kämpfer des so genannten Islamischen Staats den Irak und Syrien überrennen? 

Schätzing: Sie haben Recht, eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts kann die Region nicht als Ganzes befrieden. Schon lange nicht mehr. Was wir dort beobachten, hat mit Israel nichts zu tun, auch wenn es die Israelis mittelfristig bedroht. Der ganze arabische Frühling, inzwischen eher ein arabischer Winter, hat alte Konfliktlinien aufbrechen lassen. Sie durchziehen eine Region, die durch den Kolonialismus um Jahrhunderte ihrer natürlichen Entwicklung betrogen wurde. Mein Eindruck ist, dass der komplette Nahe Osten gerade auseinanderbricht, die künstlich geschaffenen staatlichen Strukturen nicht mehr funktionieren, der überwunden geglaubte religiöse Fanatismus eine massive Renaissance erlebt. Israel und Gaza sind nur ein Teil des Ganzen.

Haben Sie in dieser komplexen Situation einen Rat an die deutsche Politik? 

Schätzing:  Ja. Sich diplomatisch so stark einzubringen, wie es nur eben geht. Mein Eindruck vor Ort - ich kann jetzt nur für Israel und die Westbank sprechen, nicht für Gaza - war, dass man uns Deutschen zutraut, schlichtend einzugreifen. Mir wurde oft gesagt: Ihr habt einen unverstellten Blick. Ihr haut weder uns noch die anderen in die Pfanne.

Sie haben sich für Ihr Buch mit großem Rechercheaufwand in die Nahostthematik eingearbeitet. Gibt es schon ein neues Projekt, an dem Sie arbeiten? 

Schätzing: Es gibt mehrere neue Buchideen. Welche ich als nächste in Angriff nehme, steht noch nicht fest. Aber es gibt ein Musikprojekt. In den vergangenen Jahren, wenn mir vom Schreiben der Kopf rauchte, habe ich zwischendurch immer Songs geschrieben. Mir einen Jugendtraum erfüllt und im Keller ein hochwertiges Tonstudio einbauen lassen. Dort spiele ich die Songs jetzt mit anderen Musikern ein. Bis Ende nächsten Jahres soll ein Album entstehen. Ich meine, ich bin jetzt 57 – Ist doch ein ideales Alter für ein Debüt als Popstar.

Von Werner Fritsch

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