Der Bundespräsident in Göttingen

Frank-Walter Steinmeier wollte gar nicht mehr weg

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Empfang: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit der Wissenschaftlerin Isabell N. Schellinger von der Universitätsmedizin Göttingen.

Göttingen. Beim Besuch des Bundespräsidenten haben wir genau hingehört und hingeschaut, stießen auf Fake News, die First Lady und einen hellwachen Frank-Walter Steinmeier

Göttingen. Hannover –- Göttingen – Ostfriesland: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Mittwoch und Donnerstag Niedersachsen seinen Antrittsbesuch abgestattet. Wir waren in Göttingen dabei. 

An der Seite Steinmeiers war – natürlich – seine Ehefrau, die „First Lady“. Elke Büdenbender (55) zeigte sich sympathisch und offen – beim Foto auf der Treppe mit einem verschmitztem Lächeln. Sie hielt sich sonst dezent im Hintergrund. Nach vorne auf die öffentliche Bühne drängt sie nicht, und da ist sie ihrem Mann nicht unähnlich. Kurzum: Ein Paar, das gemocht wird. Und: Elke Büdenbender wird sicher noch mehr Öffentlichkeit bekommen, denn die Frauen der Bundespräsidenten erfüllten seit jeher wichtige Aufgaben – nicht nur als Repräsentantinnen bei Staatsempfängen, sondern auch als Triebfedern für mildtätige Initiativen.

Abgeriegelte Straßen, Durchlasskontrollen: Die Sicherheit schrieben die Organisatoren von Staatskanzlei Hannover und Bundespräsidialamt Berlin groß. Der erste Ortstermin samt Begehung der Uni-Räumlichkeiten fand bereits sechs Wochen vor dem tatsächlichen Besuch statt. Und: Das Bundespräsidialamt war in Zeiten der höchsten Sicherheitsstufe kleinlich.

So durften die Pressefotografen nicht im Saal der Uni-Aula fotografieren und auch nicht das sonst übliche Foto vom Eintrag ins Goldene Buch der Stadt mit OB Rolf-Georg Köhler machen. Warum nicht? Darüber rätselten auch veranstaltungserfahrene Uni-Mitarbeiter.

Kommentar zum Steinmeier-Besuch: Kaum bemerkter Bundespräsident

Als die präsidiale Limousine mit dem Kennzeichen O-1 schnittig in die Kurve ausgangs der Burgstraße bog, gab es auch Pfiffe und Buh-Rufe für den Bundespräsidenten. Für einige Demonstranten, die sonst für die Freilassung inhaftierter Wissenschaftler in der Türkei und in China protestierten, steht Steinmeier auch für eine militante, deutsche Politik im Ausland. Steinmeier nahm das souverän hin, schaute noch kurz auf die Transparente und stellte sich dann dem offiziellen Foto des Besuches vor der Uni-Aula.

Erinnerungsfoto auf der Treppe: Vor der Uni-Aula am Wilhelmsplatz zeigen sich in einheitlichem strahlenden Lächeln von links Uni-Präsidentin Prof. Dr. Ulrike Beisiegel, Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Ehefrau Elke Büdenbender. Ministerpräsident Stephan Weil hält sich im Hintergrund.

Der Göttinger Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann (SPD) schaffte es gerade noch eiligen Schrittes Sekunden vor seinem Parteifreund Frank-Walter Steinmeier in den Aula-Saal, während der „Konkurrent“ im Wahlkreis, Fritz Güntzler (CDU) schon gemütlich wartete.

Der Bundespräsident erwies sich als Kenner der Göttinger Uni-Materie. Vorab scherzte er: Zum Thema Göttingen habe er für „Fake News“ gesorgt, als diese noch gar nicht erfunden waren. Irgendwann hatte jemand im Netz verbreitet, dass Steinmeier in Göttingen studiert hätte. „Bevor ich das löschen konnte, hatte es sich verbreitet und taucht heute als Fehlinformation immer noch auf“, schmunzelte Steinmeier, der in Gießen Rechtswissenschaften studierte.

Dann lieferte er eine kurze, prägnante Rede ab und zeigte sich wohl informiert: So erinnerte Steinmeier an den besonderen Geist der Göttinger Universität mit ihren aufmüpfigen Professoren der „Göttinger 7“ und die Initiatoren der „Göttinger Erklärung“. 18 Atomwissenschaftler hatten 1957 gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr aufbegehrt – „und sich für die friedliche Nutzung eingesetzt“, wie Steinmeier ergänzte, um gegen die Verklärung der Atomwissenschaftler-Tat zu wirken.

Heldenverehrung und Verklärung sei auch im Fall eines großen Göttingers und Widerstandskämpfers gegen Hitler, Adam von Trott zu Solz, nicht angebracht, obwohl der ein überzeugter Anti-Nazi war und als Beteiligter des Stauffenberg-Attentats auf Hitler hingerichtet sowie die Familie in Sippenhaft genommen wurde. Steinmeier ist von Trott und den Aufrechten von einst dankbar. Sie mahnten uns Heutige dazu, wachsam zu sein und mitzugestalten. „Gleichgültigkeit können wir uns nicht leisten.“ Das sei die Botschaft des Widerständlers und Ex-Göttingers und - Mündeners Friedrich Adam von Trott zu Solz.

Das Protokoll drängte den Bundespräsidenten: Nach dem Empfang im „Adam von Trott-Saal“ – wie passend – in der Alten Mensa mischten sich die „Präsis“ Frank-Walter Steinmeier und Stephan Weil unter die 280 geladenen Gäste, redeten, begrüßten und hatten Spaß. So viel, dass Steinmeier das Protokoll sprengte, er wollte schlicht nicht weg und blieb eine halbe Stunde länger. Das brachte den präsidialen Tross ins Schwitzen.

Da war die Gastgeberin, Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel, längst weg: Sie leitet eine internationale Konferenz in Helsinki, war extra für den Bundespräsidenten eingeflogen, um sich noch während der Podiumsdiskussion wieder auf den Weg nach Helsinki via Frankfurt zu machen.

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