Organspende-Prozess: Freispruch macht die Menschen sauer

Göttingen. Nach dem Freispruch im Prozess um den Organspende-Skandal wird über das Urteil diskutiert – vor allem im Internet – aber auch am Arbeitsplatz und in der Stadt. Wir haben uns umgehört.

In der Göttinger Innenstadt stößt der Freispruch für den Göttinger Chirurgen bei den Menschen häufig auf Unverständnis. Durch das Urteil wollen viele auch zukünftig auf einen Organspendeausweis verzichten.

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„Anscheinend ist selbst im Gesundheitswesen nur das Geld entscheidend“, mutmaßt Jens Schneeweiß. Der Göttinger hat keinen Spenderausweis und will ihn auch in Zukunft nicht ausfüllen. Durch solche Gerichtsverhandlungen fühlt sich der 45-Jährige Vater in seinem allgemeinen Misstrauen in das System bestätigt: „Da wurde Leben aufs Spiel gesetzt. Dass Menschen so handeln und dafür nicht belangt werden können, ist haarsträubend.“

Bei Dr. Susanne Meyer-Binder aus Northeim hat das Urteil Wirkung gezeigt: Sie ist enttäuscht: „Ich habe über einen Spenderausweis nachgedacht, aber ich werde es nicht machen.“ Skeptisch sei sie schon immer gewesen – das Urteil habe diese Skepsis bekräftigt. „Es gibt ja auch Fälle, in denen Menschen Organe zu früh entfernt wurden. Diese Fahrlässigkeit gefällt mir nicht.“

Für andere Menschen ist das Organspende-Urteil aber auch weit weg. Arno Küchemann fühlt sich von dem Organspendeprozess persönlich nicht betroffen. Das Urteil sei gesprochen, aber gerecht sei es nicht: „Da ist etwas offensichtlich falsch gelaufen. Andere Menschen auf der Spenderliste hätten damals die Organe wahrscheinlich eher gebraucht.“ Er hat ebenfalls keinen Ausweis zur Organspende. „Ich finde es gegenüber den Geschädigten nicht fair“, meint der 62-Jährige Uslarer.

Auf HNA-Online gibt es ebenfalls zahlreiche kritische Stimmen: So wie die von disqus_vIchx8lMKE, der schreibt: „Das ist ein regelrechter Justizskandal! Da funktioniert die „Selbstreinigung“ der Humanmedizin und man straft alle Kritiker Lügen, dass „eine Krähe der anderen kein Auge aushackt“ und dann diese bei Kenntnis der Sachlage und Historie der Angelegenheit beim besten Willen nicht nachvollziehbare Entscheidung! (...)“

Noch drastischer formuliert es Gutingi: „Meine Leber bekommt nach meinem Ableben mein Hund als Pastete in den Napf. Da ist sie besser aufgehoben als bei solchen Organhändlern.“

Tobias Wendler fordert die Politik zum Handeln auf: „Deutschland braucht dringendst mindestens eine nationale Untersuchungsstelle für medizinische Zwischenfälle mit der nötigen Sachkompetenz und der nötigen Offenheit, ähnlich der Luftfahrtindustrie. Der beschriebene Transplantationsskandal ist nur eine ganz kleine Spitze eines riesigen Eisberges. Respekt an die Universitätsmedizin Göttingen, die die Situation offen anspricht.“

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