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„Fretterode-Prozess“: Ziele Rechtsradikaler stehen im Fokus der Verhandlung

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Von: Thomas Kopietz

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Schauplatz des „Fretterode-Prozesses“: Landgericht und Staatsanwaltschaft in Mühlhausen.
Schauplatz des „Fretterode-Prozesses“: Landgericht und Staatsanwaltschaft in Mühlhausen. © Martin Schutt/dpa

Attacke auf Journalisten aus Göttingen im Landkreis Eichsfeld: Angeklagte aus der rechtsextremen Szene sprechen von Notwehr.

Mühlhausen/Göttingen – Nach fast einem Jahr nähert sich der Fretterode-Prozess zu einem Überfall auf zwei Journalisten vor dem Landgericht Mühlhausen seinem Ende. Die zuständige Kammer hat noch bis zum 2. September Termine angesetzt. Dabei wird jetzt ein Beweisantrag der Nebenklage hinsichtlich der Beweggründe der Angeklagten behandelt. Der Prozess hatte im September 2021 nach mehrmaliger Verzögerung begonnen.

Im Mai hatten die Nebenkläger besagten umfangreichen Beweisantrag vorgelegt. Mit dem 200 Seiten umfassenden, neuen Beweisantrag wollen die beiden Nebenkläger die politischen Beweggründe und Ziele der beiden Angeklagten bei der Tat im April 2018 deutlicher herausarbeiten.

Rechtsradikale attackieren Journalisten: Prozess neigt sich dem Ende entgegen

„Die menschenverachtenden und rassistischen Motive müssen aufgeklärt werden und bei der Strafzumessung berücksichtigt werden“, sagte der Göttinger Anwalt Sven Adam kürzlich gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). In 26 Verhandlungstagen hätten diese Punkte kaum eine Rolle gespielt; lediglich bei der Einlassung der Angeklagten.

Nebenkläger-Anwalt Adam zählte eine Vielzahl neonazistischer Aktivitäten beider Angeklagten auf; diese verdeutlichten die gewaltbereite Einstellung und rechtsextreme Gesinnung. Auch der Ruf „Das sind Zecken“ während des angeklagten Überfalls sei ein deutlicher Hinweis. Die Gewaltbereitschaft richte sich aber nicht nur gegen Andersdenkende, sondern vor allem gegen Linke und Journalisten, so Adam.

Mehrere Fotos zeigten die Gewaltbereitschaft des 28 Jahre alten Angeklagten, der auch Mitglied der „Arischen Bruderschaft“ sei. Auch der 22 Jahre alte Mitangeklagte stelle sich in sozialen Netzwerken mit seiner rechtsextremen Gesinnung zur Schau.

In dem Prozess müssen sich zwei junge Männer wegen Sachbeschädigung, gefährlicher Körperverletzung und schweren Raubes verantworten. Sie sollen im April 2018 zwei Journalisten mit einem Baseballschläger und einem Messer attackiert haben, nachdem diese vor dem Haus des Rechtsextremisten Thorsten Heise fotografiert hatten. Heise ist mehrfach verurteilt und stellvertretender Bundesvorsitzender der NPD.

Angeklagte sprechen bei der Tat von Notwehr

Beide Angeklagte waren schon in der Vergangenheit der rechtsextremen Szene zugeordnet worden – und haben das durch eigene Angaben während des Prozesses selbst bestätigt. Die Angeklagten hatten die Tat zum Prozessauftakt teilweise eingeräumt, dabei allerdings angegeben, in einer Art Notwehr gehandelt zu haben.

Im Verlaufe des Prozesses waren auch vier Polizeibeamte aus Thüringen vernommen worden. Ihnen wurden von Sven Adam vorgeworfen: „Die Qualität der Ermittlungsarbeit der Polizeibeamten vor Ort ist abgründig, grenzt an Arbeitsverweigerung und ist einzig mit schlechter Ausbildung nicht mehr zu erklären.“ Die Kammer aber hat demgegenüber bislang eine intensive Beweisaufnahme betrieben.

Ein Sachverständiger des Thüringer Landeskriminalamtes (LKA) hatte am 21. Verhandlungstag, dem 10. März, vor dem Landgericht Mühlhausen die Authentizität der Fotos bestätigt, die von den betroffenen Journalisten an die Polizei übergeben worden war. Demnach sind die Fotos von einer Spiegelreflexkamera mit Teleobjektiv in hoher Auflösung angefertigt worden.

Die Angeklagten hatten behauptet, sie seien nicht von einer Spiegelreflexkamera, sondern einen GoPro-Kamera fotografiert worden. Zudem seien die Fotos angeblich zeitlich manipuliert worden, wie ein Entlastungszeuge aus dem Neonazi-Umfeld der Neonazis ausgesagt hatte.

Dem widersprach der LKA-Beamte: Sowohl die zeitliche Abfolge der Fotos stimme. Nach Prüfung der Bilddateien mit einer forensischen Software sei auch keine Manipulation der Fotos vor Übergabe durch die Journalisten an die Polizei festgestellt worden. Sven Adam hatte diese Aussagen der Angeklagten als „verhöhnenden Schutzbehauptung“ bezeichnet. (tko mit dpa/mdr)

Der Fall „Fretterode“ – Rechtsradikale attackierten zwei Journalisten

Ein Fotograf und sein Begleiter aus Göttingen waren auf Recherchetour in Fretterode, wo es einen Stützpunkt Rechtsradikaler um Thorsten Heise gibt. Die Journalisten wurden von den Rechtsradikalen entdeckt, sie fuhren weg. Dann kam es zu einer Verfolgungsjagd mit einem schwarzen BMW durch Fretterode und Germershausen, die in Hohengandern im Dreiländereck Thüringen, Hessen, Niedersachsen endete.

Nachdem das Auto der Journalisten in einem Graben zum Stehen kam, griffen die beiden Männer aus dem BMW zunächst das Journalisten-Auto und dann die Insassen mit einem Baseballschläger, einem Messer, einem 50 Zentimeter langen Schraubenschlüssel und Pfefferspray an. Der Fotograf erlitt auch eine Stichverletzung im Oberschenkel. Dem Begleiter wurde laut Nebenklage-Anwalt Sven Adam mit dem Schraubenschlüssel auf den Kopf geschlagen, er erlitt eine Fraktur des frontalen Schädelknochens und eine Kopfplatzwunde. Der Fotograf konnte aus dem Fahrzeug Fotos von einem der Täter anfertigen. Die SD-Karte mit den Fotos kam nicht in Besitz der Rechten, wurden der Polizei übergeben. (tko)

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