Elternhaus an der Uniklinik

Freud und Leid in Minuten: Göttingerin betreut Familien krebskranker Kinder

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Begleitet seit 25 Jahren Familien in schwierigen Situationen: Erika Söder (61) gehört zum psychosozialen Team des Göttinger Elternhauses für das krebskranke Kind.

Göttingen. Sie kennt die Sorgen von Familien mit schwerkranken Kindern: Erika Söder arbeitet seit 25 Jahren im Göttinger Elternhaus für krebskranke Kinder.

Schon mit Mitte 20 musste sich die heute 61-Jährige Söder mit dem Thema Sterben und Tod auseinandersetzen, weil ihre Mutter früh mit 49 Jahren an Krebs starb. „Damals sprachen die Ärzte noch nicht so wie heute mit den Patienten über den Tod“, sagt Söder.

Diese Erfahrungen führten dazu, dass die gelernte Erzieherin später nach dem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg Erziehungswissenschaften studierte. Gleich nach dem Studium fing Söder im Elternhaus an und unterstützt seither Familien in schwierigen Situationen.

„Prägend war für mich die Begleitung einer Familie mit einem Mädchen, das einen Hirntumor hatte. Die Eltern waren kirchlich nicht gebunden“, erinnert sich Söder. Deshalb hat sie die Trauerfeier und Beerdigung selbst gestaltet. „Ich konnte der Familie dadurch trotz des Verlustes viel Unterstützung geben.“ Und das macht sie bis heute.

Schwerpunkt: Trauerbegleitung

Die Trauerbegleitung wird auch weiterhin der Schwerpunkt der Arbeit der Diplom-Pädagogin sein, die auch systemische Familien- und Paartherapeutin ist. In den vergangenen Jahren entstanden durch die tägliche Arbeit mit den betroffenen Familien neue Angebote, die inzwischen zum festen Bestandteil der Elternhausarbeit wurden. 

Dazu gehören das Wochenende für verwaiste Familien, bei dem Eltern und die Geschwister gemeinsame Tage verbringen und sich an das verstorbene Kind erinnern können. „Ein Tod eines Familienmitglieds ist mit dem Durchschneiden eines Fadens eines Mobiles vergleichbar. Das ganze Gebilde gerät aus dem Gleichgewicht. Die ganze Familie muss nach dem Tod eine Perspektive für das Weiterleben entwickeln“, sagt Söder über die Arbeit bei den besonderen Wochenenden.

Außerdem gibt es Wochenend-Treffen für junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren, die einen Bruder oder eine Schwester verloren haben. „Sie leben oft im Schatten der erkrankten beziehungsweise später verstorbenen Kinder und benötigen eine besondere Aufmerksamkeit, die ich ihnen mit den Treffen geben möchte.“

Regelmäßiger Kontakt

Der Kontakt zu Familien und Geschwistern beschränkt sich oft nicht nur auf den Aufenthalt im Göttinger Elternhaus. Später gibt es in manchen Fällen immer mal wieder per WhatsApp, Telefon oder bei Besuchen im Elternhaus Begegnungen. Söder: „Mit diesen kleinen und zum Teil regelmäßigen Kontakten kann ich direkte Impulse geben.“

Jährlich begleiten Erika Söder und ihre beiden Kollegen vom psychosozialen Team des Elternhauses etwa 250 Familien. Die betroffenen Familien können in der Regel drei Krankheitsbildern zugeordnet werden: Krebs- und Herzerkrankungen sowie extreme Frühgeburten. Glücklich ist Söder, dass es seit einem Jahr eine Langzeit-Nachsorge für Familien mit Kindern, die an Krebs erkrankt waren, gibt. Hans-Hermann Miest kümmert sich in der Zeit nach der Behandlung um die Betroffenen. Und: „Ich bin dankbar, dass ich einen Arbeitgeber habe, der sich für neue Angebote für die Familien als auch für die Weiterbildung der Mitarbeiter offen zeigt“, sagt die Göttingerin.

Freud und Leid innerhalb von Minuten 

Auf Initiative von Söder erscheint seit mehr als 20 Jahren eine Elternhaus-Zeitung. Der „Lichtblick“ informiert ein- bis zweimal jährlich Freunde, Förderer und Mitglieder des Trägervereins über die Arbeit in der Einrichtung. Außerdem organisiert Söder regelmäßig Elternhaus-Feste, bei denen die Möglichkeit zum Gespräch besteht, und ist in die tägliche Arbeit im Haus fest eingebunden. Sie sagt: „Innerhalb von wenigen Minuten erlebe ich im Elternhaus Freud und Leid.“

Verein sucht Unterstützer

Den Verein „Elternhaus für das krebskranke Kind“ wurde 1985 aus der Taufe gehoben. Drei Jahre später entstand das Elternhaus am Papenberg an der Rückseite der Universitätsmedizin (UMG). 

Familien bekommen dort Unterkunft und konkrete Hilfe während der Behandlung eines kranken Kindes in der UMG. Der gemeinnützige Trägerverein, der zurzeit neun Mitarbeiter hat, ist für seine Arbeit auf Spenden angewiesen. „Wir brauchen zusätzliche finanzielle Unterstützung für die Langzeit-Angebote für die Familien“, sagt Elternhaus-Leiterin Dagmar Hildebrandt-Linne. 

Weitere Informationen gibt es unter www.elternhaus-goettingen.de.

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