Fragen und Antworten

Friedenspreis 2019: Weitreichendes Donnern im Umfeld der Preisverleihung 

Prächtig: Die Aula der Universität wird nicht der Ort für die Vergabe des Göttinger Friedenspreises 2019 sein. Die Uni hat die Unterstützung wegen Antisemitismus-Vorwürfen gegen den Preisträger abgesagt. Foto: Hubert Jelinek

Göttingen - Die Vergabe des Göttinger Friedenspreises findet internationale Resonanz. 2019 mehr denn je, weil es Streit um die Jury-Entscheidung, den Preisträger, Stadt und Uni gibt.

Die Vergabe des Göttinger Friedenspreises an den Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ wird von Antisemitismus-Vorwürfen gegen den Preisträger überschattet. Uni, Stadt und Sparkasse Göttingen zogen ihre Unterstützung zurück. Hintergrund sind eine starke öffentliche Diskussion, angeschoben vom Zentralrat der Juden in Deutschland und Göttinger FDP-Politikern.

Worauf gründet der Antisemitismus-Vorwurf?

Dem Preisträger Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ werden antisemitsche Tendenzen vorgeworfen. Er sei laut dem Zentralrat der Juden in Deutschland „ein aktiver Unterstützer von Veranstaltungen der gegen Israel gerichteten Boykottbewegung BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen)“. Die BDS-Kampagne rufe zum Boykott israelischer Künstler, Wissenschaftler oder Unternehmer auf. Das Göttinger Bündnis gegen Antisemitismus hält die Verleihung an den Verein „für einen Skandal“. Die „Jüdische Stimme“ sei offizielle Organisation von BDS in Deutschland. Das Bündnis mahnt auch Stadt und Uni dazu, sich intensiver mit dem Thema Antisemitismus und Verflechtungen mit der Stiftung auseinanderzusetzen. Es fordert vom Kuratorium eine Neubesetzung der Jury.

Was sagen die Friedenspreis-Jury und die Preisträger zu den Vorwürfen?

Jury-Vorsitzender Andreas Zumach weist die Vorwürfe zurück. Die „Jüdische Stimme“ werde für ihr Engagement geehrt, eine gerechte Friedenslösung zwischen zwei souveränen Nachbarstaaten anstreben und erreichen zu können. Der Verein wolle darauf hinwirken, dass sich die Bundesregierung für dn Staat Palästina auf integriertem Hoheitsgebiet und innerhalb sicherer Grenzen einsetze. Dass die „Jüdische Stimme“ die BDS-Kampagne unterstütze, habe für die Jury-Entscheidung keine Rolle gespielt. Die „Jüdische Stimme“ spricht von einer Rufmord-Kampagne – und findet breite Unterstützung. Jury-Mitglied Ingrid Rumpf bittetKöhler, „sich davon zu überzeugen und anzuerkennen, dass die Jüdische Stimme ein würdiger Preisträger ist“.

Der Preis sollte am 9. März in der Uni-Aula übergeben werden – wie reagieren nun Stadt und Universität?

Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler will die Friedenspreisübergabe aussetzen. Er befürchtet im Falle einer Ehrung des Vereins „einen möglichen Reputationsverlust der Stiftung Dr. Roland Röhl und des Friedenspreises“. Die Universität in Person von Ulrike Beisiegel hat sich dem Statement Köhlers angeschlossen. Und: Die Verleihung am Samstag, 9. März, wird nicht in der Uni-Aula und anderen Uni-Räumen stattfinden. Man wolle aber weiter die Satzung und Göttinger Friedenspreis-Stiftung Dr. Roland Röhl, achten und unterstützen. Und: Die Stadt ließ wissen, dass die Teilnehmer der Verleihungsfeier nicht zum Empfang ins Alte Rathaus geladen werden.

Haben weitere Institutionen die Unterstützung zurückgezogen?

Ja, so die Sparkasse Göttingen, die die Verleihung jährlich mit 2000 Euro finanziell fördert. Man fühle sich der Neutralität verpflichtet und distanziere sich ausdrücklich von jeglicher Form des Antisemitismus. Diesen Rückzug der Unterstützer bedauert für die Röhl-Stiftung Hans-Jörg Röhl. Er stellt klar: „Die Stiftung verurteilt jede Form von Antisemitismus.“ Zur Wahlentscheidung der Jury stehe man – auch zur Preisverleihung am 9. März. Der Ort werde noch genannt. Es gebe keine Hinderungsgründe, die Auszeichnung an die „Jüdische Stimme“ zu vergeben.

Gibt es Vermittlungsinitiativen?

Ja. So wartet der Göttinger Landtagsabgeordnete Stefan Wenzel (Grüne) mit einem intelligenten Vorschlag auf: die Beteiligten sollten sich öffentlich an einen Tisch setzen und reden: „Der Oberbürgermeister und die Uni-Präsidentin sollten den Vorsitzenden des Zentralrates und Vertreter der Stiftung und der Jury einladen.“ Die öffentliche Veranstaltung könne vor oder nach der Preisverleihung stattfinden, so Wenzel. „Göttingen steht mit seiner Universität wie keine andere Stadt in Europa für das freie Wort. Es würde Stadt und Uni daher gut zu Gesicht stehen, wenn man die Argumente beider Seiten hört“, sagt Ex-Umweltminister Stefan Wenzel.

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