Kritisiert Krisenmanagement

Fritz Güntzler vom Sportausschuss des Deutschen Bundestags: "Es fehlen Profis im DFB"

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Unter Druck: DFB-Präsident Reinhard Grindel erwies sich als schwacher Krisenmanager im Fall Özil/Gündogan.  

Göttingen. Fritz Güntzler aus Göttingen, Mitglied im Sportausschuss des Deutschen Bundestags, äußert sich im Interview zum Fall Özil und rügt das Krisenmanagement.  

Mesut Özil hat gesprochen, nein, er hat auf Englisch getwittert, aber alles Wesentliche aus seiner Sicht zum Erdogan-Foto und seinem Verbleib in der Fußball-Nationalelf geschrieben. Selbstkritik fehlt. Sie vermisst auch – ebenso aufseiten des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), Fritz Güntzler. Der sitzt im Sportausschuss des Bundestages. Wir sprachen mit ihm.

Am Ball: Der Göttinger Fritz Güntzler ist Mitglied im Sportausschuss des Deutschen Bundestags und kümmert sich dort auch um den Fußball, den er auch als verteidigender Hobby-Kicker und Schiedsrichter pflegt. Foto: Jelinek

Herr Güntzler, der DFB ist im Sportausschuss des Bundestages oft ein Thema. Wie war denn die Krisenbewältigung im Fall Gündogan/Özil/Erdogan?

Fritz Güntzler:Unverständlich. Ich kenne den DFB-Präsidenten und ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Reinhard Grindel. Er ist ein mediengewandter Mann. Ich verstehe deshalb überhaupt nicht, wie er solch einen unklaren Zick-Zack-Kurs gehen konnte. Das entstandene Vakuum durch die Nichtstellungnahme von Özil war ein strategischer Fehler der Verantwortlichen im DFB.

Was ist falsch gelaufen?

Güntzler: Man hätte Mesut Özil auffordern müssen, schnell eine Stellungnahme abzugeben – mit welchem Meinungsinhalt auch immer - anstatt nach dem WM-Aus. Grindel wünschte sich dann eine Stellungnahme Özils. Das war unglücklich. Man hätte nicht zulassen dürfen, dass sich Özil gar nicht äußert. Diese Tatsache und der schwelende Konflikt hat wohl Auswirkungen auf die Stimmung und vielleicht auch die Leistung der Spieler Gündogan und Özil sowie die gesamte Nationalmannschaft gehabt.

Die frühe Aussage Özils hätte ja auch Folgen haben können...

Güntzler: Das ist richtig. So hätte ein Bekenntnis zum Foto und Erdogan sicher auch Wellen geschlagen – vielleicht auch im Wahlkampf in der Türkei. Und dann wäre es schwierig geworden, ihn mit zur WM zu nehmen. Dann wäre er aber in der Opferrolle gewesen, was Erdogan sicher gefallen hätte.

Özil fühlt, dass er allein für den Misserfolg öffentlich verantwortlich gemacht worden ist, von den Medien, aber auch von Grindel. Stimmt das?

Güntzler: Nein, es gab öffentliche Kritik für fast alles Spieler, vor allem auch für die Bayern-Akteur. Sie  erreichten bis auf Hummels nicht die Normalform. Özil ist gekränkt und enttäuscht. Sportlich war er jedenfalls auch seit längerer Zeit nicht überzeugend.

Karl-Heinz Rummenigge hat von Amateuren in der DFB-Spitze gesprochen...

Güntzler: Aus der Sicht eines Profis im Fußballgeschäft ist das eine harte aber verständliche Kritik. In den Landesverbänden, die sich ja auch verstärkt um den Amateurfußball kümmern müssen, sitzen fast nur Amateure, die den Profifußball nicht von innen kennen. Man sollte im DFB-Präsidium ebenfalls Ex-Profis und Kenner der Materie installieren – wie Philipp Lahm oder Oliver Kahn. Der Deutsche Fußball Bund organisiert mit den Nationalmannschaften auch Profisport, deshalb braucht er auch entsprechendes Personal und passende Strukturen.

Ist Reinhard Grindel als DFB-Präsident noch zu halten?

Güntzler: Ja. Es wäre auch gar kein adäquater Ersatz so schnell zu bekommen. Grindel muss jetzt die Krise bewältigen. Auch das Versagen der Nationalmannschaft muss noch aufgearbeitet werden – übrigens dauert das auch viel zu lange. Für mich ist auch Oliver Bierhoff und dessen Arbeit zu hinterfragen. Es scheint so, dass er aus seiner Sicht keine Fehler gemacht hat.

Hat sich die Diskussion und die massive Kritik besonders an Mesut Özil auch gesellschaftlich ausgewirkt?

Güntzler: Klar ist, dass ein Foto eines Nationalspielers mit Erdogan vor einer Wahl und einer Fußball-WM natürlich eine politische Botschaft oder Meinung transportiert. Das hätten Gündogan und Özil, zumindest aber deren Berater wissen müssen. Das Foto war aus meiner Sicht ein klarer Fehler. Noch einmal: Der Diskussion hätte sich Özil öffentlich stellen müssen.

Dürfen und sollten sich bekannte Sportler gesellschaftspolitisch äußern?

Güntzler: Das dürfen sie. Ich finde, das ist teilweise sogar eine Pflicht, auch, weil sie eine Vorbildfunktion haben. Sie dürfen auf gesellschaftspolitische Entwicklungen hinweisen und sie kritisieren. Sie müssen aber wissen, was sie wann sagen und welche Wirkungen daraus entstehen könne.

Zur Person

Fritz Güntzler (52) kam in Cuxhaven zur Welt und studierte an der Universität des Saarlandes sowie an der Uni Göttingen Betriebswirtschaftslehre. 1989 trat er in die CDU ein. Der Göttinger wurde 1999 Steuerberater und ist seit 2003 Wirtschaftsprüfer. 

Von 2004 bis 2008 und von 2010 bis 2013 war er Landtagsabgeordneter. Seit 2013 ist er Mitglied des Bundestages und dort Steuerexperte der CDU-Fraktion sowie Mitglied des Sport- und Finanzausschusses. Güntzler ist Sport- und Fußballfan, spielt beim FC Bundestag in der Abwehr hat den Bayern-Fanclub im Bundestag mitgegründet. Er ist verheiratet mit Wibke und hat zwei Söhne.

Buch zum „Fall Özil“ kommt

Die Diskussion um den Fall Özil läuft auf Hochtouren – der Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ nimmt das Tempo auf und reagiert mit einer brandaktuellen Veröffentlichung: Bereits Anfang August erscheint das Buch „Der Fall Özil – über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus“.

Eigentlich liefen die Druckmaschinen bereits, doch sie wurden nach den Aussagen Özils am Sonntag angehalten. Auch sie werden nun ein Thema in dem Buch sein, dass ein Experte in der deutschen Fupball-Literatur-Szene zusammenstellt: Dietrich Schulze-Marmeling.

Er möchte aber nichts auf die oft ruppige Medienschelte gegen die Mannschaft, Löw, den DFB und nicht zuletzt Özil. Er und die Autoren untersuchen den Zusammenhag von Fußball und Nationalismus, wagen sich an eine erste Analyse des sportlichen Scheiterns und plädieren für mehr Differenzierungund Genauigkeit.

So bewertet Schulze-Marmeling auch den Fall Özil: Da ist einerseits die große sportliche Leistung eines Ausnahmekönners, andererseits ein Foto und eine Debatte, die „zweifellos Erdogan geholfen haben“.

• „Der Fall Özil“, Dietrich Schulze-Marmeling, Verlag Die Werkstatt, ca. 160 Seiten, 14,90 Euro, Erscheinungstag: 1. August 2018.

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