Streit um Radio

Funkender Geistlicher: „Don Camillo“ sendete aus dem Eichsfeld

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Die Kirche in Breitenberg im Eichsfeld bei Göttingen: Von hier wurden aus wurden früh Gottesdienste illegal im Radio übertragen – illegal.

Ostern 2020: Mancherorts wurden Gottesdienste in leeren Kirchen abgehalten und per Live-Stream visuell im Internet übertragen. Was im digitalen Zeitalter problemlos möglich ist, rief vor rund 30 Jahren noch Polizei und Justiz auf den Plan.

Damals machte ein katholischer Priester aus dem südniedersächsischen Eichsfeld Schlagzeilen, weil er in seiner Kirche einen illegalen Rundfunksender installiert hatte.

Nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit den staatlichen Behörden erreichte der „Funker Gottes“ schließlich sein Ziel: 1994 erhielt die 900-Seelen-Gemeinde Breitenberg im Kreis Göttingen die bundesweit erste Genehmigung für einen lokalen Kirchenrundfunk.

Der Kampf um das Recht zur Rundfunkübertragung seiner Gottesdienste machte den Priester Johann van den Brule, der 1999 starb, bundesweit bekannt. Der Geistliche, der sich selbst gerne als „Don Camillo aus dem Eichsfeld“ bezeichnete, schaffte es unter Hilfe von Mitstreitern, die Behörden auszutricksen.

Van den Brule war 1981 in die Pfarrgemeinde Breitenberg gekommen. Der aus Rotterdam stammende Priester hatte in jungen Jahren als holländischer Kolonialsoldat in Indonesien das Fernmeldehandwerk gelernt und war technisch versiert.

Sendungsbewusster Geistlicher im Eichsfeld: Sender hinterm Altar

Diese Fertigkeiten setzte er für seine Gemeinde ein: Um auch alten und kranken Gemeindemitgliedern die Teilhabe am Gottesdienst zu ermöglichen, baute er einen Mini-Sender mit kleiner Reichweite und installierte ihn hinter dem Altar. Fortan konnten Gläubige, die nicht mobil waren, die Gottesdienste am Radio mitverfolgen. „Wo die Menschen nicht in die Kirche gehen können, da muss die Kirche eben zu den Menschen kommen“, lautete seine Devise.

Der sendungsbewusste Gottesmann hatte aber nicht bedacht, dass solche Anlagen nicht erlaubt waren. 1988 flog der Schwarzsender auf. Polizei und Postfahnder durchsuchten Kirche und Pfarrhaus, beschlagnahmten die Sendeanlagen.

Sendungsbewusster Geistlicher im Eichsfeld: Sendung trotz Verbot

Doch bald mussten die Behörden feststellen, dass die Macht des Staates nicht gegen die Frömmigkeit und Gewitztheit der Breitenberger Katholiken ankam. Die Gottesdienstübertragungen aus der Kirche Mariä Verkündigung gingen trotz aller Verbote und Durchsuchungsmaßnahmen einfach weiter, auch dann noch, als van den Brule wegen fortwährenden Verstoßes gegen das Fernmeldeanlagengesetz rechtskräftig zu einer Geldstraße von 2400 Mark verurteilt worden war.

Sendungsbewusster Geistlicher im Eichsfeld: Peilwagen der Post

Damals hieß es, dass andere Gemeindemitglieder weitere Sender in der Kirche versteckt hätten, die sich per Fernbedienung in Gang setzen ließen. Weder die Bundespost, die regelmäßig ihre Peilwagen auf den Breitenberger Hügeln postiert hatte, noch Polizei und Justiz schafften es, die Schwarzsender aufzuspüren und stillzulegen.

Sendungsbewusster Geistlicher im Eichsfeld: „Äther gehört Gott“

„Der Äther gehört nicht der Bundespost, sondern Gott“, begründete der Priester seinen hartnäckigen Widerstand. Unterstützung von den Kirchenoberen bekam er nicht, der Hildesheimer Bischof verpasste ihm sogar zeitweise einen Maulkorb. Der Funkpirat ließ sich nicht beirren und zog bis vor das Bundesverfassungsgericht, um für das Recht auf die Verkündigung von Gottes Wort im Äther zu kämpfen – jedoch ohne Erfolg. Die Gesetzeslage war eindeutig, der Kirchensender war illegal.

Sendungsbewusster Geistlicher im Eichsfeld: Ein Wunder

Dann aber geschah doch noch ein Wunder: Niedersachsen änderte sein Landesrundfunkgesetz, um den Betrieb von ausgewählten privaten und nichtkommerziellen Radio-Projekten zu ermöglichen. Die Gemeinde Breitenberg erhielt die Lizenz für einen lokalen Kirchenfunk und durfte fortan 120 Minuten täglich als Veranstaltungsrundfunk über die UKW-Frequenz 98,4 Megahertz senden. Die erste legale Gottesdienstübertragung fand im September 1994 statt. Für den „Funker Gottes“ war dies ein bewegender Moment: „Zum ersten Mal die heilige Messe zu feiern ohne Angst, dass die Polizei hereinkommt, ist eine komische Sache“, bekannte van den Brule.

Sendungsbewusster Geistlicher im Eichsfeld: Sender noch heute in Betrieb

Auch wenn es dank Internet inzwischen viel modernere Übertragungsmöglichkeiten gibt, ist der Sender auch heute in Betrieb: „Wenn wir in Breitenberg die Messe feiern, begrüßen wir auch die Gemeindemitglieder an den Rundfunkgeräten“, erzählt der heutige Pater Mathias Baltz. „Die Senioren, die nicht zur Kirche kommen können, nutzen das weiter gerne.“ Aber: Momentan finden auch in der Breitenberger Kirche keine Gottesdienste statt.

VON HEIDI NIEMANN

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