Im Amateurbereich

Eskalation auf dem Fußballplatz: Gewalt gegen Schiedsrichter wird zu einem großen Problem

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Die Fürther Paul Seguin (links) und Maximilian Wittek bedrängen Schiri Pascal Müller. Gewalt gegen Referees wird zunehmend zum Problem.

Gewalt gegen Schiedsrichter wird zunehmend zum Problem in den deutschen Amateur-Ligen.

Ein besonders brutaler Fall machte im Oktober Schlagzeilen, als ein Unparteiischer in der Partie des FSV Münster gegen TV Semd in der hessischen C-Liga Dieburg von einem Spieler der Gastgeber bewusstlos geschlagen wurde.

Die Abgeordneten im hessischen Landtag diskutierten in Wiesbaden auf Antrag von CDU und Grünen über Fairness und Gewaltfreiheit im Sport. Die Gewalt gegen Schiedsrichter scheint aber vor allem ein fußball-internes Phänomen zu sein, wie eine Umfrage der Deutschen Welle ergab.

Gewalt gegen Schiedsrichter ein gesamtgesellschaftliches Problem

Auch im Fußball-Kreis Göttingen-Osterode kam es in diesem Jahr wiederholt zu körperlichen Attacken gegen Referees. „Es ist eine deutschlandweite und gesamtgesellschaftliche Problematik. Gewalt gegen Schiedsrichter gab es schon immer, aber mittlerweile nimmt es andere Ausmaße an“, sagt Mario Birnstiel, Schiedsrichter-Lehrwart beim NFV-Kreis Göttingen-Osterode im Gespräch mit unserer Zeitung.

Gewalt in Spielen im Fußball-Kreis Göttingen-Osterode

In der A-Jugend-Kreisliga musste im September die Partie zwischen der SG Werratal und der JSG Göttingen abgebrochen werden. Wie Augenzeugen berichteten, hatte ein Göttinger einem auf dem Boden liegenden Gegenspieler gegen die Brust getreten. Als Reaktion auf die folgerichtige Rote Karte lief der JSG-Akteur mit Anlauf auf den Schiedsrichter zu und streckte ihn mit angezogenen Knien in den Bauch nieder.

Im Oktober musste ein Schiedsrichter bei einer Begegnung der 2. Kreisklasse zwischen dem SV Bilshausen II und dem FC Vatan Herzberg sogar mit dem Rettungswagen abgeholt werden. Als er einem Vatan-Spieler die Rote Karte geben wollte, lief dieser auf den Schiri zu und schlug ihm ins Gesicht, wie Augenzeugen berichteten.

Für Schiedsrichter-Lehrwart Birnstiel sind das Auswüchse, die es früher so nicht gab – oder man sie zumindest nicht so mitbekam. Über die sozialen Medien würden solche Fälle schneller und wirksamer verbreitet, als vorher möglich war. Auch in seinem Wohnort Hannover habe die Gewalt gegen Schiedsrichter in den vergangenen Jahren gefühlt zugenommen.

Zeichen gesetzt: Spiele eines Vereins werden nicht mehr gepfiffen

„Worüber ich mir Gedanken mache und was mir auch Angst macht, ist, dass die Übergriffe vor allem die jungen Schiedsrichter zwischen 17 und Anfang 20 trifft“, sagt Birnstiel. Im Sommer reagierte der Schiedsrichterausschuss auf Vorfälle in der Vorsaison und gab bekannt, Spiele mit Beteiligung von Ay Yildiz Göttingen nicht mehr zu pfeifen.

„Damit wollten wir ein Zeichen setzen, weil es von Spielern dieses Vereins wiederholt zu Angriffen gegenüber Schiedsrichtern gekommen ist.“ Ay Yildiz nimmt 2019/20 aus anderen Gründen nicht am Spielbetrieb teil. Generell fahre der Schiedsrichterausschuss eine Null-Toleranz-Linie beim Thema Gewalt, erklärt Birnstiel. „Wenn es Gewalt gibt, dann wird sie auch zur Anzeige gebracht.“

Abgeordneter Güntzler sieht sinkende Hemmschwellen in der Gesellschaft

Der Göttinger Fritz Güntzler (CDU) ist Mitglied des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Als ehemaliger Schiedsrichter und aktiver Linienrichter ist er mit Gewalt im Sport vertraut. In der Arbeitsgruppe Sport der Union sei das Problem bereits diskutiert worden – nicht nur in Bezug auf die Schiedsrichter. „Es gibt ja auch Aggressivitäten zwischen den Spielern“, sagt Güntzler gegenüber unserer Zeitung.

Fritz Güntzler (links) bei einem Amateurspiel als Linienrichter. 

Für den Bundestagsabgeordneten stellt sich die Frage, ob es eine Wechselwirkung zwischen der Gewalt auf Fußballplätzen und den sinkenden Schiedsrichterzahlen gibt. Denn immer weniger jungen Menschen schließen den Trainer Lehrgang ab. Möglicherweise hat das auch etwas damit zu tun, dass gerade junge Schiedsrichter Attacken ausgesetzt sind. In den unteren Ligen, wo die jungen Schiris unterwegs sind, gebe es häufiger ein Akzeptanz-Problem gegenüber den Unparteiischen, sagt Güntzler.

Güntzler: Fußball ist auch ein Spiegelbild der Gesellschaft

Exemplarisch berichtet er von einem Erlebnis seines Sohnes, der mit 17 Jahren ein Kreisliga-Spiel pfiff und schon vor dem Anpfiff und über die gesamte Spieldauer von Umstehenden beleidigt worden sei. Auch in seinen Anfangszeiten als Schiri habe es ähnliche Probleme gegeben. 

Mittlerweile sieht Güntzler jedoch gesamtgesellschaftlich sinkende Hemmschwellen. Da der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft sei, sei nicht nur die Politik bei der Lösung des Problems gefordert. Auch Verbände und Vereine müssten ihren sozialen und erzieherischen Aufgaben gerecht werden.

Als langjähriger Schiedsrichter im Amateurbereich betonte Güntzler aber auch, dass die Aufgabe als Unparteiischer „im Großen und Ganzen viel Spaß“ mache. Neben den schönen Begegnungen mit Trainern und Spielern nach den Partien, betont der Abgeordnete auch die pädagogische Wirkung des Schiedsrichterdaseins: „Wo lernen sie als junger Mensch besser, Regeln zu beachten und sie durchzusetzen?“ Auch Entscheidungen abzuwägen und zu treffen, könne man als Schiedsrichter sehr gut erlernen.

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