Sportjournalist Ronny Blaschke in Göttingen 

Fußball-WM: Experte kritisiert die Vergabe-Politik der Sportverbände

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Erklärt, wo die Probleme des Sports und der Sportpolitik liegen: Ronny Blaschke in der Historischen Universitäts-Bibliothek.

Göttingen. Die Vergabe von großen Sportereignissen sorgt schon seit einigen Jahren für viel Kritik. Insbesondere dann, wenn sie an Länder gehen, die sich nicht an die UN-Menschenrechtscharta halten.

Keine zwei Monate vor der umstrittenen Fußball-Weltmeisterschaft in Russland zeigte Sportjournalist Ronny Blaschke mit seinem Vortrag „Spielwiese Menschenrechte?!“ in der Historischen Universitäts-Bibliothek in Göttingen, welche Probleme mit der Vergabe von Großereignissen verbunden sein können.

Viele Kritikpunkte

Das Göttinger Institut für Demokratieforschung und die Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung hatten Blaschke, Experte für gesellschaftliche Hintergründe des Sports, eingeladen. Im Fokus seines Vortrags stand nicht nur die Situation in Russland, auch die Umweltzerstörung und die Zwangsumsiedlung durch den Bau neuer Sportstätten oder die Ausbeutung der Sportartikelhersteller sprach er an.

Am Beispiel Russland machte Blaschke aber eindrücklich klar, welche Ziele Staaten und Verbände bei großen Sportereignissen verfolgen. Seit Beginn des Jahrzehnts sind eine Reihe dieser Events nach Russland vergeben worden. „Sportereignisse schreiben positive Schlagzeilen und verdecken negative Nachrichten wie die Verletzung von Menschenrechten, den Ukraine-Konflikt oder den Syrien-Krieg.“

Sport und Politik

Die russische Regierung geht also nach dem Motto „Brot und Spiele“ vor. Nach Blaschkes Wahrnehmung mit Erfolg. Im Gespräch mit unserer Zeitung betonte der Sportjournalist, dass die Sportveranstaltungen für eine Art sozialen Kit innerhalb Russlands gesorgt hätten. Das habe sich auch auf die Außenpolitik ausgewirkt: „Ich glaube nicht, dass Russland so schnell die Krim annektiert hätte ohne die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi.“

Es sind aber insbesondere innenpolitische Motive, die Putin und die russische Regierung verfolgen, wenn sie Olympia oder die Fußball-WM in ihr Land holen. Denn der Fokus der westlichen Öffentlichkeit auf ein Land wie Russland führt kurzfristig zu keiner Verbesserung, wie Blaschke darlegt. 2017, im Jahr als die WM-Generalprobe Confederations-Cup in Russland ausgetragen wurde, gab es laut des Journalisten mehr als 4000 politische Gefangene im eurasischen Groß-Staat. In den Jahren zuvor habe die Zahl noch bei etwa 1000 gelegen.

Verbände als Problem

Und auch mit der Pressefreiheit war das so eine Sache beim Confed-Cup. Blaschke war selbst vor Ort: „Wir wurden angehalten, nur über Sehenswürdigkeiten und Fußball zu berichten.“ Das seien die offiziellen Akkreditierungsrichtlinien der Fifa. Dass die Vorsitzenden der großen Sportverbände kein Problem damit haben, sich mit Despoten und Diktatoren gut zu stellen, um ihr „Produkt“ bestmöglich zu vermarkten, passt ins Bild und zeigt, wo das Grundproblem der Vergabe liegt: bei den Verbänden.

Bislang haben Fragen der Menschenrechte und der Nachhaltigkeit bei der Vergabe durch die jeweiligen Dach-Organisationen kaum eine Rolle gespielt. Ab 2026 sollen neue Richtlinien gelten.

Positives Gegenbeispiel

Vielleicht gibt es dann wieder häufiger Olympia wie in London 2012. Denn die Spiele in der britischen Metropole hob Blaschke noch als ein positives Gegenbeispiel heraus. Der Olympiapark wurde auf einer ehemals kontaminierten Sperrzone errichtet und anschließend ein Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Das war auch für große Unternehmen interessant, die sich mit dem Image der „grünen Spiele“ schmückten.

Zur Person

Ronny Blaschke wurde 1981 in Rostock geboren. Als freier Journalist berichtet er für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten. Er gilt als Experte für die Themen Rassismus und Homophobie im Fußball. Im Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ hat Blaschke vier Bücher veröffentlicht, die sich mit gesellschaftlichen Hintergründen des Sports beschäftigen. 2009 wurde er als Sportjournalist des Jahres des Medium Magazins für einen Beitrag in „Die Zeit“ über die Nazi-Unterwanderung von Lok Leipzig ausgezeichnet. 2013 erhielt er den Julius-Hirsch-Preis vom Deutschen Fußball-Bund.

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