In der NS-Zeit ausgeschlossen

Fußallverein 1. SC Göttingen 05 gedenkt jüdischen NS-Opfern mit Tafel

Sebastian Butter (links) und Philipp Rösener mit der Gedenktafel.
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Dulden keinen Antisemitismus im Sport: Sebastian Butter (links) und Philipp Rösener mit der Gedenktafel.

Sie waren in der NS-Zeit aus dem Verein ausgeschlossen worden: Nun erfahren fünf ehemalige jüdische Mitglieder des 1. SC Göttingen 05 ein spätes Gedenken.

Göttingen – Eine neue, größere Tafel zum Gedenken an ehemalige jüdische Vereinsmitglieder des 1. SC Göttingen 05 hat Sebastian Butter vom Vorstand der Supporters Crew an der Außenwand des Fanraums an der Oberen-Masch-Straße 10 enthüllt.

„Die Namen von fünf jüdischen Mitgliedern, die unser Verein während des Dritten Reichs ausgeschlossen worden sind, konnte ich ermitteln“, berichtete Grafiker Dirk Mederer 40 05-Fans: Bernhard Katz, der mit ihm nicht verwandte Ludolf Katz, Julius Löwenstein und Walter Stern.

Außerdem gab es noch einen Jacoby, dessen Vorname bisher unbekannt blieb. Der Verein schloss die jüdischen Sportler in der NS-Zeit aus. Ludolf Katz emigrierte mit seiner Schwester in die USA, Löwenstein mit seiner Frau nach Argentinien. Stern ging nach Palästina. Was aus Bernhard Katz und Jacoby wurde, ist offen.

Göttingen 05: Der neue Fanraum befand sich am Ort der niedergebrannten Synagoge

Die 05-Fans begannen sich 2013/14 mit dem Thema auseinanderzusetzen, erzählte Mederer. Ihr neuer Fanraum befand sich genau dort, wo einst die 1938 niedergebrannte Synagoge gestanden hatte. Vom Fanraum aus sahen sie auf das Mahnmal, das seit 1973 an das repräsentative Gotteshaus erinnert.

„In den Jubiläumsschriften des Vereins wird die Zeit des Nationalsozialimus weitgehend totgeschwiegen“, stellte Mederer seinerzeit fest. Das Archiv des Traditionsvereins, der in den 70er Jahren in der zweiten Bundesliga gespielt hatte, ging 2003 im Zuge der Insolvenz verloren. Die Fußballer, die sich 2005 unter dem Dach des RSV neu zusammenfanden und seit 2012 wieder einen eigenen Verein haben, standen der Aufarbeitung der NS-Geschichte nicht im Weg, beteiligten sich daran aber kaum, erinnerte sich Mederer.

Dirk Mederer: „Ich will das Schweigen brechen.“

Der Fan wertete das Göttinger Tageblatt seit Ende des Ersten Weltkriegs aus. Im Stadtarchiv fand er Meldekarten. Über Ahnenforschungsseiten im Internet suchte er nach Nachfahren, telefonierte und schrieb E-Mails. Die meisten Informationen erhielt er über Ludolf Katz, dessen Bild die Gedenktafel schmückt. Dessen Familie in den USA hatte nach all dem Unrecht, das den Ihren angetan war, nichts mehr mit Göttingen zu tun haben wollen. Die Aufrichtigkeit der Fußballfans ließ sie umdenken.

Er vermisse eine solche Einstellung bei Teilen der US-Bevölkerung, erklärte Nachfahr Ralph Ibsen in einer aktuellen E-Mail an Mederer. Anhänger des abgewählten Präsidenten seien an Wahrheit nicht interessiert. Erschüttert zeigt er sich vom Sturm der Rechtsextremen auf das Capitol im Januar.

„Ich will das Schweigen brechen“, sagte Mederer zu seiner Motivation. Geschwiegen hätten nicht nur Täter, sondern auch Opfer. Das Ehepaar Löwenstein zum Beispiel habe mit ihren Kindern und Enkeln nie über die Zeit in Deutschland gesprochen.

An der Außenwand des Fanraums hat bereits eine kleine Gedenktafel gehangen, die im Zuge der Gebäudesanierung abgenommen worden ist. Sie soll künftig gut sichtbar auf dem Vereinsgelände am Maschpark angebracht werden, versprach 05-Vorstand Philipp Rösener. (Michael Caspar)

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