Gedenken an Reichspogromnacht am Platz der Synagoge

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Feier am Platz der Synagoge in Göttingen. Schüler des THG (Theodor-Heuss-Gymnasium) gestalteten das Programm. 

Etwa 500 Menschen gedachten den Opfern der Judenverfolgung und zeigten  Solidarität mit aktuell Betroffenen einer verstärkt auftretenden Judenfeindlichkeit.

„Warum sollen wir uns selbst als Juden bezeichnet, wenn wir dafür gemobbt werden?“ Eine erschütternde Frage aus dem Mund eines jungen, jüdischen Mitbürgers, gesprochen bei der Gedenkfeier in Göttingen zur Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Eine Frage, die viel aussagt über das Deutschland im Jahr 2019.

Etwa 500 Menschen sind am Samstag zum Mahnmal am Platz der Göttinger Synagoge gekommen – zum Gedenken an die Opfer der Judenverfolgung und in Solidarität mit aktuell Betroffenen einer verstärkt auftretenden Judenfeindlichkeit – nicht nur in Deutschland.

Gedenken an die Reichspogromnacht 9. November 1938.

Die Feindlichkeit, die Verfolgung, die Vorurteile gegen diese Glaubensgemeinschaft mit denen Feindseligkeit gegen sie geschaffen wurde und wird, begleiten das Judentum seit Jahrtausenden. Marko Khrapko und seine Kommilitonen im Verband Jüdischer Studierender an der Uni Göttingen erleben das: „Antisemitismus und unreflektierte Alltagsrassismus ist überall anzutreffen.“

„Was ist eigentlich los in den Köpfen der Menschen?“, fragt die Vorsitzende des Vereins für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Esther Heling-Hitzemann – und man möchte hinzufügen: ausgerechnet in diesem Land mit seiner Vorgeschichte.

Nicht alles hinnehmen

„Was ist los mit diesen Menschen, die Hass und Texte aus der vergangenen Zeit wieder lebendig machen?“ Antworten können auch am Samstag nicht geliefert werden. Aber: Fragen stellen, nachdenken, nicht alles hinnehmen – darum geht es. Dafür appelliert Bürgermeister Ulrich Holefleisch, der das Engagement der Schülerinnen und Schüler des bilingualen Geschichtskurses der Klasse 12 am Theodor-Heuss-Gymnasium um Lehrer Mathias Behn hervorhebt, die das Schicksal der Göttinger Kaufmannsfamilie Gräfenberg exemplarisch für das Schicksal vieler Göttinger Juden darstellen.

Richard Gräfenberg war einer von vier Juden, die nach dem Krieg in der einst mehr als 400 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde übrig geblieben und fortan Ansprechpartner für Juden war, die – oft verzweifelt und erfolglos – nach Angehörigen suchten.

Schuldige in Göttingen

Holefleisch sagt noch etwas Wichtiges: „Auch in Göttingen hat es lange, zu lange gedauert bis das unbequeme Gedenken und der Widerstand gegen das Vergessen und Verdrängen zum Bestandteil der Stadtkultur geworden ist.“ Dafür gebühre großer Dank dem Verein für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Noch etwas bleibt am Samstag hängen, die Aussage: Nur Gedenken reicht nicht. Es bedarf des aktiven Gegensteuerns. Adressaten dafür seien besonders die jungen Menschen, die noch lernen, können und wollen – besonders in den Schulen. In Göttingen hatten viele Schuld auf sich geladen: die politische Elite, Stadtverwaltung, Bürger, all jene, die zuschauten, als Geschäfte geplündert, zerstört, Menschen gedemütigt, bestohlen, deportiert wurden.

Keine Toleranz für Hetze gegen Juden

Die Menschen, die beim Gedenken am Samstag dabei sind, bekunden ihre Trauer und setzen ein Zeichen dafür, „dass es in Göttingen heute für Hetze gegen Juden und Mitglieder anderer Religionen, für Faschismus keinen Platz und keine Toleranz gebe“. Holefleisch stellt auch – zu Recht – die Frage: Tun wir, der Staat, die Polizei, die Menschen genügend gegen faschistische Tendenzen und Anschläge auf Juden?

Die Lage sei ernst, aber es gebe Mittel und Hoffnung. Das beweist der eindrückliche Vortrag der THG-Schüler/-innen, die im Wechsel sprechend an ein schwarzes Kapitel in Göttingen erinnern. Dazu spielt Geiger Linus Shastri trotz der Kälte exakt ein Stück aus „Schindlers Liste“.

Kante gegen Antisemitismus zeigen

Das Wort Jude aber bleibt und ist ein Schimpfwort, das Folgen hat: „Was bedeutet es, fremd in der eigenen Stadt zu sein?“ Marko Khrapko erinnert an die jüngsten Hakenkreuz-Schmierereien an der Uni-Bibliothek und einen gelegten Brand an einem Wohnhaus. Seine Forderung ist eindringlich: „Jeder muss klare Kante gegen Antisemitismus zeigen.“

500 Menschen tun das am Samstag am Platz der Synagoge. Das beeindruckend gesungene Trauergebet Kaddisch mit Nennung der grauenhaften KZ-Orte durch Jaqueline Jürgenliemk und das Schweigen beenden eine bewegende Gedenkfeier.

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