Gedenktafel für Wolfgang Natonek: Vom Häftling zum Pädagogen

Nach eineinhalb Jahren: Ada Woesthoff (von links), Antonia Schwiedernoch, Matin Rafiq und Levin Dumont aus dem Geschichts-Leistungskurs des Max-Planck-Gymnasiums enthüllten die Gedenktafel für Wolfgang Natonek in der Goßlerstraße 51. Foto: Brüßler

Göttingen. Ehrung für Wolfgang Natonek: Der Geschichts-Leistungskurs des Max-Planck-Gymnasiums (MPG) hat eine Gedenktafel für den ehemaligen Lehrer an einem Haus an der Goßlerstraße 51 enthüllt.

Von den Nationalsozialisten wegen seiner jüdischen Abstimmung verfolgt, in der DDR wegen seiner politischen Haltung inhaftiert: Wolfgang Natonek überlebte zwei Diktaturen, konnte später sein Studium in Göttingen beenden und war von 1963 bis 1985 Lehrer am MPG.

Nachdem die Stadt zugestimmt hatte, war der Weg für die Gedenktafel als Erinnerung frei. Sie hängt vor der Wohnung von Natonek an der Goßlerstraße 51. Kulturdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck sagte bei der Enthüllung am Donnerstag: „Bislang haben wir eher Persönlichkeiten aus dem 18. und 19. Jahrhundert geehrt.“ Sie sieht in dem Projekt ein Vorbild um weiterer Persönlichkeiten der Nachkriegszeit zu gedenken.

Eineinhalb Jahre hat es gedauert, jetzt haben es Lehrer Andreas Heere und seine Schüler geschafft. Von Dezember 2013 bis März 2014 hatte sich auf Initiative ehemaliger Schüler des Gymnasiums eine Projektgruppe unter Leitung von Geschichtslehrer Heere gebildet. Zehn Schüler arbeiteten an Natoneks Biographie, führten Interviews mit ehemaligen Schülern und schrieben den Antrag für die Gedenktafel.

„Natonek hat uns in unserer Projektzeit viel Freude bereitet“, sagte der stolze Lehrer, „wir haben uns jetzt eineinhalb Jahre auf diesen Tag gefreut.“

Seine Schüler Antonia Schwiedernoch, Ada Woesthoff, Matin Rafiq und Levin Dumont betonten in ihrer Laudatio die besondere Persönlichkeit: „Natonek war ein Zeitzeuge der deutschen Geschichte. Er wohnte zwar in einem gewöhnlichen Haus, in einer gewöhnlichen Straße und hatte einen gewöhnlichen Beruf, aber er war ein außergewöhnlicher Mensch, der nie den Weg des geringsten Widerstands ging.“ Das habe einen prägenden Einfluss auf seine Schüler gehabt: Vielen blieb er als Lehrer im Gedächtnis, der selbstständiges, kritisches Denken vor dem Hintergrund seiner Biographie lehrte.

Zu der feierlichen Enthüllung war auch Natoneks Tochter Silke Hörburger an den Ort ihrer Kindheit gekommen - allerdings mit gemischten Gefühlen: „Mein Vater hätte es gern gehabt, dass deutlich wird, dass die Tafel stellvertretend für über 100 000 stalinistische Opfer steht.“ Sie dankte den Schülern für ihr Engagement und betonte, dass sie von ihrem Vater trotz der staatlichen Repression nie ein Wort der Verbitterung gehört habe. Sein Lebensmotto: „Den Anderen sehen und für den Andere da sein“.

Hintergrund: Pädagoge mit jüdischen Wurzeln

Wolfgang Natonek wurde am 3. Oktober 1919 als Sohn eines jüdischen Autors in Leipzig geboren. Wegen seiner jüdischen Abstammung und seiner liberal-demokratischen Haltung geriet Natonek ins Visier der NS-Diktatur und der kommunistischen Diktatur in der DDR. Er wurde von einem sowjetischen Militätribunal zu sieben Jahre Haft in Thorgau und Bautzen verurteilt, bevor er 1956 sein Studium in Göttingen beenden und als Lehrer für Geschichte, Gemeinschaftskunde und Deutsch am Max-Planck-Gymnasium anfangen konnte. Vom Freistaat Sachsen wurde er 1992 zum Titularprofessor ernannt. Seit 1996 vergibt die Universität Leipzig den Wolfgang-Natonek-Preis für herausragende Studienleistungen und besonderes Engagement. Natonek starb am 21. Januar 1994 in Göttingen.

Von Lisa Brüssler

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