Göttingen 

Gekämmte Fassade und Spitzenfotokunst: Neue Galerie Kunsthaus Göttingen ist Fixpunkt im Kunstquartier

Acht Fotos des Gesichts einer Frau mit minimalen Veränderungen von Bild zu Bild
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Premierenausstellung im Kunsthaus Göttingen: Ab sofort sind die Werke der New Yorker Künstlerin Roni Horn zu sehen. Gestaltet hat die Schau „You are the weather“ die Kuratorin Ute Eskildsen. Der Eintritt ist frei.

Göttingen hat eine moderne Galerie: Das Kunsthaus wurde am Freitag eröffnet, kostete sechs Millionen Euro und wird internationale Spitzenkünstler, die mit und auf Papier arbeiten, präsentieren.

GÖTTINGEN – „Die Kunst eine Stadt zu bauen“, mit diesem bahnbrechenden wie zeitlosen Titel setzten die Initiatoren 1973 mit dem Kunstkongress beim Göttinger Kunstmarkt ein Zeichen – aus ästhetischer und baulicher wie aus gesellschaftlicher Sicht.

Der damals junge Verleger Gerhard Steidl war einer jener Kunstbegeisterten, die den Kunstmarkt zu einer bald von allen großen Zeitungen bundesweit beachteten Veranstaltung machten. Göttingen wurde zum lockeren und doch ernsthaften Kunsttreff – für einige Tage im Jahr.

Kunst in der City, Leben in der Innenstadt, jenseits und nach Öffnungszeiten der Kaufhäuser. Dafür arbeitet Gerhard Steidl noch heute. Er, der überzeugte Innenstädter, war Triebfeder für das neue Kunsthaus, das damals sicher als Leuchtturm bezeichnet worden wäre.

Kunsthaus Göttingen: Top-modernes Galeriegebäude in der Göttinger Altstadt

Steidl hat angeschoben, ist der Gründungsdirektor, die Stadtpolitik um Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD), Politiker wie der im Herbst 2020 verstorbene Thomas Oppermann (SPD), aber auch überzeugte Kulturförderer wie Joachim Kreuzburg (Sartorius-Vorstandschef) und Hans-Georg Näder (Ottobock) haben mitgezogen, machten Millionen locker.

Resultat ist ein top-modernes Galeriegebäude in der Altstadt. Dabei blies dem Projekt die Kritik zunächst massiv ins Gesicht – es ging ums Geld. Kritisiert wird nun höchstens noch hinter vorgehaltener Hand. Denn: 4,5 Millionen Euro trieb Oppermann in Berlin auf. Und das Team um Geschäftsführer Alfons von Uslar schuf einen fördernden Freundeskreis, bemüht sich um Sponsoren.

Das dreigeschossige Kunsthaus mit dem Spitzdach wirkt auf den ersten Blick von Süden, vorbei am schmächtig wirkenden Günter-Grass-Archiv, wie ein massiger Fremdkörper – zwischen den ältesten Fachwerkhäusern Göttingens in der Düsteren Straße.

Kunsthaus Göttingen: „Architektur schafft Diskussionen“

In den Formen sehr wohl angepasst, die dank „gekämmtem Modellierputz“ gerillte, graue Fassade mit einem schmalen Fenster je Etage aber ist ein krasser Kontrast zum Fachwerk der Nachbarhäuser.

Moderne Fassade neben Fachwerk: Das Kunsthaus Göttingen an der Düsteren Straße. Gezeigt wird Kunst auf Papier – vor allem Werke von Fotografen, aber auch Medienkünstlern. Rechts das Günter-Grass-Archiv.

Bei einem öffentlichen Termin beschwerte sich eine junge Anwohnerin von Gegenüber, sie müsse täglich auf den grauen Klotz schauen. „Architektur schafft Diskussionen“, sagt Oberbürgermeister Köhler.

Übernommen haben die Architekten des Leipziger Atelier ST um Sebastian Thaut und Silvia Schellenberg-Thaut ein Merkmal der Fachwerkhäuser, die mit jedem Geschoss ein wenig mehr Raum, resultierend aus Überhängen, bieten.

Kunsthaus Göttingen: „Ort zum Aufhalten, zum Innehalten, zum Kunst-Genießen“

So wachsen die drei übereinander liegenden, je 3,20 Meter hohen Ausstellungsräume mit jedem Geschoss um einige Quadratmeter – 120 ist die Grundfläche im Erdgeschoss.

Einladend wirkt der Stahlbetonbau vor allem durch die Eingangstür und die sich anschließende Halle, die bis ins Obergeschoss reicht – aber auch direkt in den neu gestalteten Hof führt. Einladend, so soll das Kunsthaus auch für Gerhard Steidl auf die Menschen wirken. Denn der Buchdrucker und Ausstellungsmacher von Weltruf will Leben in das Viertel, das Kunstquartier bringen.

„Göttinger und Gäste sollen wissen, dass es hier einen schönen Ort zum Aufhalten, zum Innehalten, zum Kunst-Genießen gibt“, sagt Steidl und blickt zufrieden vom Balkon des kapellenartigen Veranstaltungssaals im Obergeschoss hinab in den grünen Innenhof mit Wasser-Sand-Spielplatz. „Im Hof können wir auch Veranstaltungen wie Vorträge, Lesungen machen.“

Kunsthaus Göttingen: Kunst und Kunsthaus erlebbar machen

Dass Nachbarn von der Terrasse zuhören könnten, das ist für Steidl kein Problem, sondern eher gelebte Vergangenheit. Denn auch der Kunstmarkt funktionierte einst so, bot Kultur in und um die Stadthalle im öffentlichen Raum mit Ausstellungen, Diskussionen, Musik.

Kunst und Kunsthaus erlebbar machen, dafür arbeitet auch die Leiterin Dorle Meyer. Die Corona-Pandemie hat ihre Pläne zwar ausgebremst, aber bald wolle man durchstarten, Kunst-Erlebnis-Kurse für Schulkinder, aber auch Erwachsene anbieten.

Weiter ist man bei den Ausstellungen, dank Ute Eskildsen. Sie hob das Essener Folkwang Museum auf Spitzenniveau – mit Ausstellungen zur Fotokunst. Die Stadt Göttingen hat sie 2016 als Kunsthaus-Kuratorin gewinnen können. Auch daran ist Steidl nicht unschuldig, der für Folkwang großartige Ausstellungskataloge gemacht hat.

Kunsthaus Göttingen: Eintritt für zwei Jahre frei

Ute Eskildsen kommt gerne nach Göttingen, wühlt bei Steidl in tausenden Foto-Negativen, verwirft, wählt aus: Über die Entstehung des Kunsthauses Göttingen wird es auch Fotobände geben. Eskildsen sieht „großes Potenzial“ in und mit dem Kunsthaus. „Optimale Bedingungen“ herrschten dort: prima Licht, gutes Klima, Rigipswände in grau.

„Optimal zum Hängen der Kunstwerke und jederzeit austauschbar“, ergänzt Gerhard Steidl begeistert und schwärmt von dem „nüchternen, praxisorientierten Bau mit seiner extrem effizienten Lüftungs- und Klimatechnik“, an der nicht gespart wurde.

Jetzt gilt es, den Göttingern, den Gästen der Stadt das Kunsthaus als Attraktion bekannt zu machen. Der Eintritt jedenfalls ist für zwei Jahre frei. Die Sartorius AG übernimmt ihn. Und der Hof steht ohnehin offen – mit dem wunderbaren Jim-Dine-Pavillon und der Rauminstallation „The Flowering Sheets“.

Kunsthaus Göttingen: Kultur und städtisches Leben

Die tingelte einst durch die Welt. Gerhard Steidl hat sie fest nach Göttingen geholt. Und manchmal ist auch Jim Dine da, arbeitet gegenüber in seinem Atelier.

Im Büchlein „Die Kunst eine Stadt zu bauen“ ist auch die Rede davon, wie Kultur städtisches Leben beleben kann. Das Kunstquartier greift diese 50 Jahre alten aber hochaktuellen Thesen auf. Der Kreis schließt sich – auch für Gerhard Steidl, den Kunstmarkt-Erfinder und Kunsthaus-Anschieber.

Testlauf: Gerhard Steidl mit den eindrucksvollen Fotos von Gilles Peress, der über Jahrzehnte den Nordirland-Konflikt dokumentiert hat.

Kunsthaus Göttingen: Bau im Kunstquartier

Seit November 2018 wurde an der Düsteren Straße 7 gebaut. Archäologische Funde und eine alte unterirdische Wasserrinne verzögerten die Fertigstellung, die Corona-Pandemie die Eröffnungsfeier.

Das am Ende etwa sieben Millionen Euro teure Kunsthaus, an das das Günter-Grass-Archiv angrenzt, ist Zentrum im Kunstquartier der südlichen City. Dort ist der Steidl-Verlag beheimatet, seit 2020 der Göttinger Literaturherbst und ab Sommer das Literarische Zentrum. 

Kunsthaus Göttingen: Die Ausstellungen

Die Premierenausstellung widmet sich der 1955 in New York geborenen Künstlerin Roni Horn, die mit ihren Zeichnungen, Collagen und Fotografien viele Häuser und Veranstaltungen von Weltruf bestückte: Museum of Modern Art und Guggenheim Museum in New York, Tate Modern in London und die documenta in Kassel. Titel der Kunsthaus-Ausstellung über ihr vielfältiges Schaffen: „You are the weather“.

Gezeigt wird im Kunsthaus auch dauerhaft eine Videoproduktion von Sebastian Stumpf. Er dokumentierte den Bau des Kunsthauses, blickte auch von Außen, aus den Fenstern der Nachbarschaft auf den Baufortschritt oder -Stopp. Sehenswert! Weitere Informationen unter kunsthaus-goettingen.de. (Thomas Kopietz)

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