Vier Fragen an Forscherin am Deutschen Primaten Zentrum in Göttingen

Gemeinsamkeiten von Mensch und Affe: Ältere sind wählerischer

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Körperpflege: Ein altes Berberaffenweibchen wird von Mitgliedern der Gruppe gepflegt. 

Göttingen. Junge Menschen wagen etwas, lernen gern Jüngere kennen. Ältere konzentrieren sich auf Bewährtes, pflegen langjährige Freundschaften. Warum das so ist, zeigen unsere nächsten tierischen Verwandte – die Affen.

Forscher des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) in Göttingen haben Berberaffen beobachtet und fanden Erklärungen. Beim alternden Menschen sind nach Untersuchungen die abnehmende Vitalität und das Bewusstsein von der eigenen Endlichkeit Ursachen für das Wählerischerwerden im Alltag.

Nach bisherigen Forschungsstand haben Affen dieses Bewusstsein nicht. „Wir wollten wissen, ob dieses Denken beim Menschen maßgeblich für sein Verhalten ist“, sagt Laura Almeling vom DPZ. Dabei sollten Video-Beobachtungen mit den Berberaffen im Park bei Rocamandour in Südfrankreich helfen.

Die Studie mit Affen vom vierjährigen Jung-Erwachsenen bis zum 29-jährigen Affengreis ergab, dass sich alte Tiere ähnlich verhalten wie Menschen. “Auch die Affen werden mit fortschreitendem Alter wählerischer im Sozialleben“, sagt Almeling.

Affen konzentrieren sich auf alte Freunde - jüngere in der Gruppe interessieren sie weniger. Aufmerksamkeit und Zuneigung zeigen die Berberaffen durch die Fellpflege - das „Grooming“. Untersucht wurden Videoaufzeichnungen von „normalem“ Gruppenverhalten und Reaktionen auf Versuche.

Den Tieren wurden Dinge angeboten, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Spielzeug zum Beispiel interessiert die älteren Tiere deutlich weniger als junge Erwachsene. „Das lässt schon früh nach“, sagt Almeling. Das Interesse des ältesten Affen an Ereignissen in der Gruppe blieb aber ungebrochen: Der Opa schaute sich Fotos von Neugeborenen lange und fasziniert an. Auch reagierte er auf vorgespielte Hilfe-Schreie von Gruppenmitgliedern.

Der Freundeskreis der alten Berberaffen aber wird kleiner - wie bei älteren Menschen. Das Foto-Experiment brachte Aufschlüsse: Ältere Tiere betrachteten Fotos von Freunden länger als jene von normalen Gruppenmitgliedern. „Sie konzentrieren sich mit zunehmendem Alter stärker auf eine kleinere Gruppe von Partnern“, sagt Almeling.

Jüngere kümmern sich trotz der größeren Missachtung durch die Senioren sehr gerne um diese. „Sie suchen Kontakt zu den Älteren, das hat uns überrascht“, sagt Julia Fischer, Leiterin des Projektes. „Wir hatten erwartet, dass die Jüngeren das Interesse an den Älteren verlieren.“

Für Laura Almeling und Julia Fischer zeigen die Untersuchungen mit den Affen, „wie wichtig diese Verhaltensforschung ist, auch, um den Altersprozess von Menschen besser zu verstehen.“ Allein der Gedanke an den eigenen Tod beim Menschen reiche jedenfalls als Ursache für die Abnahme der Sozialkontakte im Alter nicht aus. Die Affen-Studie untermauert diese Annahme.

Vier Fragen: Berberaffen streiten gut

Laura Almeling ist Forscherin am Deutschen Primaten Zentrum (DPZ) in Göttingen und beschäftigt sich mit Berberaffen.

Sind die Verhältnisse in einem Affenpark so, dass sie Rückschlüsse auf das Verhalten der Tiere in der freien Natur zulassen?

Laura Almeling: Die Tiere sind in dem Park in Rocamandour nicht in ihrem Sozialleben beeinträchtigt. Sie werden gefüttert und haben keine Raubfeinde. Sie sind allerdings zutraulicher uns Menschen gegenüber. Ein Vorteil ist auch, dass die Tiere im Park älter werden, es gibt viele Affen-Senioren - das kommt unserer Studie zu Gute.

Warum werden die Affen im Park älter?

Almeling: Es gibt einen Tierarzt, der sich um kranke Tiere kümmert. Er greift aber nur bei schweren Erkrankungen ein.

Sind Berberaffen für Verhaltensstudien im Vergleich zu solchen mit Menschen besonders geeignet, sind sie besonders sozial?

Almeling: Berberaffen können sozial auch sehr gut streiten. Die Konflikte sind meistens aber nicht schwerwiegend. Es wird gerne gedroht, aber ohne heftige Konsequenzen. Berberaffen sind eine tolerante Art. Es gibt eine Hierarchie mit einem Chef - aber die ist nicht so verfestigt wie bei anderen Tieren.

Sozialkontakte nehmen bei den Berberaffen im Alter ab. Woran liegt das, müssen Untersuchungen weiterlaufen?

Almeling: Ja, eine Kollegin am DPZ untersucht die Veränderung von kognitiven Fähigkeiten bei alten Affen. Dabei geht es um Problemlösungen und Geduld, aber auch die Kondition. Wir wollen weiter ergründen, warum Affen-Senioren weniger sozial aktiv sind. Ein Grund kann natürlich die Physis sein, dass sie körperlich weniger leisten können. Dagegen aber als alleinigen Grund spricht, dass bei allen Tieren der Verlust von Sozialkontakten stetig verläuft. 

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