Geowissenschaftliches Zentrum der Uni Göttingen

Wo die unbezahlbaren Mondsteine unter dem Laser verdampfen

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Forschen mit Mondgestein: Meike Fischer und Prof. Andreas Pack im Isotopenlabor des Geowissenschaftlichen Zentrums der Uni Göttingen.

In der Uni-Stadt forschen Geologen mit echtem Mondgestein, wollen wissen, wie der Mond entstanden ist und wie er von innen aufgebaut ist. 

Im Geowissenschaftlichen Zentrum werden die Steinchen sogar verbrannt.

Zwei Milligramm Mondgestein schmelzen im Isotopenlabor des Geowissenschaftlichen Zentrums der Uni Göttingen dahin und sollen helfen, eine große Frage zu beantworten: Die Wissenschaftler der Abteilung Isotopengeologie sind der Entstehung des Mondes auf der Spur. Prof. Andreas Pack und Meike Fischer profitieren dabei von den Mitbringseln der Apollo-Astronauten: Mini-Portionen wurden und werden im top-ausgestatteten Labor „verbraucht“.

Fan und Kritiker der Mondmissionen

Im Büro von Andreas Pack stehen gestochen scharfe Farbfotografien auf der Fensterbank: Sie zeigen Astronauten auf dem Mond. Andreas Pack trägt eine Astronauten-Armbanduhr und zeigt die Hasselblad-500-EL-Kamera, die die Astronauten in einer Spezialversion nutzten. Als Privatmann ist Pack Fan der Apollo-Missionen und davon, dass Menschen jenes Objekt betreten haben, das er seit Jahren erforscht. Wissenschaftler Pack sagt nach seiner Kosten-Nutzen-Analyse aber: „Apollo war eine große Enttäuschung, gegenüber dem, was versprochen und ausgegeben wurde.“

Meike Fischer forscht für ihre Doktorarbeit und ist in der exquisiten Lage, dabei mit Mondgestein zu arbeiten. Im Labor werden winzige Mengen Mondsteinchen per Laser beschossen – und ruckzuck sind die Partikel verdampft. „Ja, das Mondgestein ist dann weg“, sagt Fischer.

Portion aus dem Tresor

Die Geologen zerstören – bewusst und gezielt – das unbezahlbare Material – mit Erlaubnis der Nasa. Die hat den Göttinger Forschern auf Bestellung einige Portionen im Milligramm-Bereich geschickt. Fischer holt eine originalverpackte Portion aus dem Tresor: Die Probe ruht in dem Alu-Röhrchen, eingeschweißt in einer Tüte. Die Seriennummer verrät, dass die Apollo-16-Astronauten John Young und Charles Duke die Minerale im April 1972 auf der Descartes-Hochebene gesammelt und in der Landfähre Orion verstaut haben.

Penibel genauer Umgang

Im Umgang mit den Mondbröckchen ist Meike Fischer „penibel“, wie sie sagt. Bevor sie das Material in einen kleinen Metallzylinder mit noch kleineren Löchern füllt, prüft sie mehrfach die im Haus entwickelte und verfeinerte Messapparatur samt Laser und Massenspektrometer. „Es sollte nichts schief gehen, deshalb sind wir sehr genau.“ Der Vorgang selbst ist unspektakulär. Am Ende ist der Mondstaub, durch den Laserbeschuss und die Erhitzung auf 1300 Grad Celsius, weg. Fischer und Pack haben es auf freigesetzte, besondere Sauerstoffsignaturen abgesehen, die es so auf der Erde nicht gibt und von einem anderen Planeten stammen.

Beweis für Kollisions-Theorie

Das würde die Impact-Theorie erhärten: Der Mond ist vor 4,5 Milliarden Jahren aus der Kollision der Ur-Erde mit dem Planeten Theia entstanden. Andreas Pack hat 2014 dafür mit Messungen Belege geliefert. Die Jagd nach dem besonderen Sauerstoff geht also weiter. Meike Fischer nutzt dabei eine deutlich verbesserte Mess- und Analysetechnik, deshalb spendierte die Nasa auch noch einmal Mondgestein. Ähnliche technische Möglichkeiten wie in Göttingen gibt es nur in den USA, wie die Forscher sagen.

Meike Fischer: Apollo war wichtig

Meike Fischer jedenfalls steht voll hinter den bemannten Apollo-Mondmissionen. Sie waren und seien „sinnvoll und wichtig“ für die Wissenschaft. Sie würde sich freuen, wenn „wir wieder zurück auf den Mond gehen und mehr Material von anderen Stellen mitbringen“. Die könnten Aufschluss über neue Gesteinsarten liefern. Die Portionsproben würde sie dann natürlich bestellen – und unter dem Laser verbrennen. Ganz ohne schlechtes Gewissen, denn die klitzekleinen Brocken sollen ja helfen, große Fragen zu beantworten. 

Die Hüter der Mond-Schätze

Houston – 382 Kilogramm Gestein aus 2415 Proben holten die Apollo-Astronauten zur Erde, verpackten sie auf dem Mond in Tüten und dann in Alu-Vacuum-Kisten. Der Großteil lagert im Johnson-Space-Center in Houston – hinter einer 4-Tonnen-Stahltür, in einem Raum, sorgfältig gekennzeichnet, archiviert und von erfahrenen Mitarbeitern betreut. 

Brocken sind aufgespalten in gut 110.000 Einzelstückchen, die meist in Milligramm-Dosen, penibel beschrieben und gewogen, verschickt werden – an Wissenschaftler in aller Welt. Reservelager gibt es auch, so in Colorado. Die brauchen eine Expertise, ein Vorhaben und Messtechnik, die es so noch nicht gab. „Dann ist es einfach, Material zu bekommen“, sagt der Göttinger Geologe Andreas Pack.

Oft wird der Nasa vorgeworfen, schlampig mit dem unbezahlbaren Material umzugehen. Mondgestein sei verschwunden, die Inventur mies. Pack aber sagt: „Wir müssen sogar kleinste, nicht benötigte Mengen, zurücksenden.“ Auch die Auflagen der Lagerung – im Tresor – seien streng. Dennoch: „Wildes“ Mondmaterial taucht ab und zu auf – auch zur Versteigerung. 

Es könnte aus Geschenken stammen, die früher Staaten und deren Oberhäupter erhielten. In Museen ist es sicher. Die gesamte Verlustrate liegt bei etwa zwei Prozent. Vielleicht gibt es ja bald Nachschub: 2024 wollen die US-Amerikaner und 2025 die Chinesen auf dem Trabanten landen – und Mondsteine mitbringen.

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