Gerhard Steidl: Der Buchmacher wird 65

Letzte Grass-Buch: Gerhard Steidl präsentierte im August im Günter-Grass-Archiv das Buch „Vonne Endlichkait“ – mit Ute Grass. Foto: dpa

Göttingen. Er macht Bücher nach alter, gediegener Handwerkstradition: Gerhard Steidl. Der Göttinger hat eine einzigartige Buch-Manufaktur geschaffen. Am Sonntag wird er 65 Jahre alt.

Feiern wird Steidl nicht, kein Aufhebens machen um eine unwichtige Zahl, einen unwichtigen Tag. Vermutlich wird Gerhard Steidl arbeiten. Vielleicht in der Druckerei oder am Schreibtisch an einem Buch- oder Ausstellungskonzept. Solch´ ein Geburtstag wäre ihm eine Freude.

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Denn Arbeit ist für Gerhard Steidl die reine Kür. Eine Möglichkeit, dem handwerklichen Können gepaart mit Erfahrung und Ideen freien Lauf zu lassen. Steidl tut das täglich, gerne dort, wo die Druckmaschinen rattern. Im Verlag wuselt er umher, ist der Beweis, dass Männer doch Multitasking können: Telefonieren, nebenbei Probeausdrucke begutachten, Papiere schnüffeln und anfassen, Typographien verwerfen und auswählen.

Gäste – auch die Stars – müssen auf Steidl, den manche nur im Druckerkittel mit Bleistiften in der Brusttasche kennen, warten können.

Und Prominente kommen so einige in das unscheinbare Verlagshaus in der Düsteren Straße: Mode-Papst Karl Lagerfeld, der eine eigene Reihe hat, Hollywood-Größe Keanu Reeves, Musiker und Fotograf Brian Adams sowie der große Robert Frank. Sie sitzen dann auf den selben Sofas wie die Mitarbeiter oder auf Papierbergen in der Druckerei. Sie arbeiten und essen am Tisch der Bibliothek mit den meist herrlichen Steidl-Büchern im Rücken. Extrawürste gibt es nicht. Außer, dass sich der Chef einen Koch gönnt, der ein Mittagessen für alle zaubert.

Steidl biedert sich nicht an, vermeidet gar Freundschaften zu Stars: „Weil ich mir die Künstler immer vom Hals halten wollte“, wie der jünger wirkende Mann in seiner manchmal kauzigen Art sagt.

Die Künstler kommen, weil sie etwas Einzigartiges vorfinden. Die Möglichkeit an der Produktion mitzuarbeiten. So fertigt Steidl Probedrucke. Wenn nötig immer wieder. Das ist aufwändig, teuer. Aber der passionierte, nach Perfektion strebende Buchmacher kann gar nicht anders. Nur deshalb entstehen nach einem langen Prozess wunderbare, klar strukturierte Werke aus Top-Papieren.

Die Bücher sind wie Steidl. Oder auch nicht. Auf edle Kleidung legt er wenig Wert. Günter Grass, dessen Werke er seit den 90er-Jahren verlegt, mit dem er eng zusammenarbeitete schimpfte ihn: „Lauf nicht immer rum wie ein Schluff.“ So reden Freunde.

Das Wort Freund aber brachte der Kritisierte selbst im Statement zum Tode von Grass, akkurat gekleidet mit Jacket und Krawatte, nicht über die Lippen. Vielleicht trinkt Gerhard Steidl am Sonntag einen Schnaps, wie er es nach einem langen Tag mit Grass immer getan hatte. Auf den „Arbeitsfreund“ und noch viele weitere Bücher, ob mit bereits großen Künstlern oder Newcomern und auf viele Ausstellungen – auch in Göttingen.

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