Gericht: Vorwürfe nicht erwiesen

Freispruch für Göttinger Transplantations-Arzt

Göttingen. Urteil im Prozess um den Göttinger Organspende-Skandal: Der 47-jährige Mediziner wurde am Mittwoch vom Landgericht Göttingen freigesprochen.

Gleichzeitig sprach das Gericht dem Angeklagte eine Entschädigung zu. Das Gericht hob gleichzeitig hervor, dass es Richtlinienverstöße bei der Organtransplantation festgestellt habe, die moralisch verwerflich seien.

Außerdem hält das Gericht es für verfassungswidrig, alkoholkranke für sechs Monate sowie bestimmte Leberpatienten von Transplantationen auszuschließen.

Nach 20 Monaten Prozessdauer, 64 Verhandlungstagen und 101 gehörten Zeugen hatte die Schwurgerichtskammer des Göttinger Landgerichts ihr Urteil im Prozess gegen den Göttinger Transplantationschirurgen Dr. Aiman O. gefällt.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hatte eine Freiheitsstrafe von acht Jahren und ein Berufsverbot gefordert. Die drei Verteidiger hatten für Freispruch und Entschädigung plädiert.

Der 47 Jahre alte ehemalige Leiter der Abteilung Transplantationsmedizin in der Göttinger Uni-Klinik war wegen versuchten Totschlags in elf Fällen und Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen angeklagt und hatte auch fast ein Jahr in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf verbracht.

O. soll bei der Meldung von Daten seiner Patienten gegenüber der zentralen Vergabestelle von Spenderorganen Eurotransplant falsche Angaben gemacht und auch gegen Kriterien der Bundesärztekammer für Organverpflanzungen verstoßen haben. Diese Patienten seien dadurch auf der Warteliste nach oben gerückt. Andere, schwerer erkrankte Menschen hätten keine Organe bekommen und seien deshalb möglicherweise gestorben. Zudem habe der Professor in drei Fällen Organe verpflanzt, obwohl dies medizinisch nicht angezeigt war. Die Patienten waren später gestorben.

Außerdem waren bei nachträglichen Überprüfungen in der Uni-Klinik zahlreiche Verstöße gegen die Richtlinie festgestellt worden, so viel wie in keiner anderen geprüften Klinik mit Transplantationszentrum. Die Prüfer hatten ein System der gezielten Manipulation in Göttingen festgestellt.

Urteil im Organspende-Skandal: Freispruch für Mediziner

Zwischen Zorn und Freude

Der Freispruch des Göttinger Transplantationsarztes spaltet die Zuschauer: Die einen lächeln, nicken mit dem Kopf, die anderen schütteln ihn ungläubig. Wut verzerrt ihre Gesichter, bei einigen laufen Tränen.

Nach der Verkündung des Urteils spricht Patientenvertreter Egbert Trowe seine Meinung in die Mikrofone und Kameras: „Ich hatte es befürchtet“, sagt er über den Freispruch, „Das wird viele Patienten ärgern.“ Trowe spricht für den Verein von Lebertransplantierten, er selber besitzt auch ein Spenderorgan. „Ich hoffe, dass die Staatsanwaltschaft in Revision geht.“

Lesen Sie auch

- Uni-Klinik-Vorstand Siess zum Organspendeskandel: "Der Schaden ist massiv"

- Ein Prozess mit vielen Scharmützeln

Ein paar Meter weiter telefoniert ein enger Freund des Transplantationsarztes mit Bekannten. „Freispruch, Wahnsinn!“, ruft er in sein Handy, „Ich melde mich später nochmal“, und legt wieder auf. Dem älteren Mann ist die Entspannung anzusehen – er umarmt seine Sitznachbarn in seiner Erleichterung.

Vor dem Gericht wahren zunächst alle Zuschauer die Haltung. Nur leises tuscheln, als die Frau des Angeklagten den Saal betritt, ein paar abfällige Kommentare über den Medienrummel – bei der Urteilsverkündung klatscht niemand, kein Jubel, keine Zwischenrufe. In dem bis auf fünf Plätze voll besetzten Zuschauerbereich ist es vollkommen ruhig, während der Richter seine Begründung verliest.

Die Meinung der Menschen wird anders sichtbar: Als der Richter den Freispruch verkündet, beginnt eine Frau zu zittern, Tränen laufen über ihr Gesicht. Sie greift nach Taschentüchern, während ihre Sitznachbarin ihre andere Hand greift und sie fest drückt. Andere schlagen die Hände vor das Gesicht, während andere entspannt Lächeln können.

Von vielen wird das Urteil ohne Regung aufgenommen. Juristen, Professoren, ehemalige Ärzte und Journalisten – sie machen sich Notizen über das Urteil, verfolgen konzentriert die Begründung des Richters. Bereits wenige Minuten später wird über die Konsequenzen diskutiert. „Die Geschädigten werden weiter leiden“, ist sich Rainer Mönks sicher. Der ehemalige Anästhesist betrachtet das Urteil allerdings differenziert: „Ein Berufsverbot wäre nicht angebracht gewesen.“ Abseits des Urteils hofft er darauf, dass das gesamte System der Organspende und Transplantation transparenter wird: „Es gibt viel Misstrauen in diesem Prozess.“ Mönks hat seine Facharztausbildung in Göttingen absolviert. Ein Jurist fühlt sich bestätigt: „Ich habe mit einem Freispruch gerechnet.“

Patientenschützer fordern neues Transplantationsgesetz

Patientenorganisationen meldeten sich nach dem Urteil im Prozess um den Transplantations-Skandal zu Wort. So setzt die Deutsche Stiftung Patientenschutz ein neues Transplantationsgesetz. „Seit Jahrzehnten mahnen Kritiker, dass die Richtlinien zur Verteilung von Organen der Bundesärztekammer verfassungswidrig sind. Sie sind ungerecht und widersprüchlich“, so Eugen Brysch vom Vorstand der Stiftung. Falsch wäre es aus Sicht der Stiftung, jetzt abzuwarten bis der Bundesgerichtshof oder das Bundesverfassungsgericht die Politik zum Handeln zwingt. „Das wäre ein weiterer Schlag für die schwerstkranken Menschen auf der Warteliste“, sagt Brysch. Die Deutsche Transplantationsgesellschaft steht hingegen nach eigenen Angaben ohne jede Einschränkung zu den bestehenden Vorgaben und Regelung in der Transplantationsmedizin.

Chronologie: Organspende-Skandale in Deutschland

In Deutschland haben mehrere Skandale das Vertrauen in die Transplantationsmedizin erschüttert und die Bereitschaft zur Organspende zurückgehen lassen:

Juli 2012: Es wird bekannt, dass zwei Mediziner der Göttinger Universitätsklinik im großen Stil Akten gefälscht und die eigenen Patienten beim Empfang von Spenderlebern bevorzugt haben sollen.

August 2012: Nach neuen Erkenntnissen soll einer der verdächtigen Mediziner schon von 2004 bis 2006 an der Regensburger Uniklinik vor Leber-Transplantationen Krankendaten manipuliert haben.

September/Oktober 2012: Prüfer am Münchner Krankenhaus rechts der Isar stellen Auffälligkeiten bei der Organvergabe fest. Laut Klinik wurden Laborwerte gefälscht, damit eigene Patienten auf der Warteliste nach oben rutschten und rascher ein Spenderorgan bekamen.

Januar 2013: Am Universitätsklinikum Leipzig werden Manipulationen aufgedeckt. Der Direktor des Transplantationszentrums und zwei Oberärzte werden beurlaubt.

Mai 2013: Das Klinikum rechts der Isar darf nach dem Willen der bayerischen Landesregierung künftig keine Lebern mehr verpflanzen. Strukturelle Veränderungen sollen neues Vertrauen schaffen, heißt es.

Juni 2013: Nach dem Willen des Bundestags sollen Betrügereien schärfer geahndet werden. Eine Änderung des Transplantationsgesetzes sieht Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren oder Geldstrafen vor.

August 2013: Der Prozess gegen den früheren Chef der Göttinger Transplantationsmedizin beginnt.

August 2014: Staatsanwälte ermitteln nach einer Selbstanzeige gegen Ärzte des Deutschen Herzzentrums in Berlin wegen versuchten Totschlags. Prüfer der Bundesärztekammer stellen fest, dass es von 2010 bis 2012 insgesamt 14 Fälle von Manipulation gegeben hat. So sollten Patienten auf der Warteliste nach vorne rutschen.

Rubriklistenbild: © Jelinek

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.