„Das ist doch Hilflosigkeit“

GEW-Chefin Pooth zu Schulschließung und Fehler in der Bildungspolitik

Die Stühle bleiben oben und viele Räume leer.
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Die Stühle bleiben oben: Wie in diesem Chemieraum werden in niedersächsischen Schulen ab Montag viele Räume leer bleiben. Daran stört sich die GEW-Chefin Laura Pooth, was sie im Interview mit unserer Zeitung begründet..

Laura Pooth ist seit 2017 Chefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Niedersachsen.

Göttingen – Sie übt im Interview massiv Kritik an der Bildungspolitik in Niedersachsen.

Frau Pooth, nächste Woche beginnt die Schule nach den Weihnachtsferien. Was halten Sie von dem Plan für Niedersachsen?
Zunächst: Die Politik hat es versäumt den Gesundheitsschutz und das Recht auf Bildung gleichermaßen zu sichern. Wir wissen jetzt seit April 2020, dass wir es weiter mit diesem Virus zu tun haben werden, und es ist praktisch nichts in die Hand genommen worden, die Schulen pandemiefest zu machen. Deshalb schließen wir jetzt die Schulen für drei Wochen und sehen dann mal, wie es weitergeht. Aber die Schulen zu schließen, das ist kein Konzept, das ist Hilflosigkeit. Hinzu kommt, dass seit Jahren im Bildungsbereich auf Kosten der Beschäftigten und der Schüler gespart wird. Die Mängel und Folgen waren vorher bekannt, werden jetzt in noch drastisch deutlicher.
Wo wurde konkret zu wenig Geld investiert?
In den Schulen sowohl in die Infrastruktur, als auch in Personal. Die viel zu geringen Investitionen in die Bildung zeigen sich in einem eklatanten Personalmangel. Die Folge sind viel zu große Klassen, zu wenig sozialpädagogische und therapeutische Angebote, viel zu kleine, schlecht ausgestattete Räume. Wir haben einen Lehrermangel, der auch durch die Prozentzahlen der Unterrichtsabdeckung nicht schön gerechnet werden kann.
Manchmal ist Geld in Fördertöpfen vorhanden..
Dennoch, die Schulen müssen um jede Kleinigkeit kämpfen. Der Kultusminister hat 45 Millionen für die niedersächsischen Schulen zugesichert, das sind etwa 20 Euro pro Schüler. Es ist ein erster guter Schritt, reicht aber noch lange nicht aus, um die Schulen pandemiefest und zukunftsfähig zu machen.
Wie steht es um die Mehrbelastungen für Lehrer?
Wir nehmen massiv wahr, dass die Beschäftigten schon vor der Corona-Krise sehr stark belastet waren. Das hat auch eine Studie der Uni Göttingen belegt. Das diese Belastung nun noch einmal zugenommen hat, resultiert auch aus dem Wechsel des Unterrichtens – alles musste vorbereitet werden. Im Wechselunterricht müssen die Schulbeschäftigten – sie haben die doppelte Arbeit – sogar eine Gruppe in der Schule betreuen und die andere zu Hause mit Aufgaben versorgen, den Kontakt halten, mit dem Anspruch, keinen Schüler zu verlieren.
Wie ist das Kultusministerium mit den Schulleitern umgegangen?
Am Anfang kamen die Briefe des Kultusministers bei den Beschäftigten gut an, auch die wertschätzende Ansprache. Das ist aber umgeschlagen, weil das Ministerium nicht mehr über Erlasse regelte, sondern über Ministerbriefe, die häufig und kurzfristig eintrafen. So kamen am Freitag Briefe mit Regelungen, die ab Montag galten. Zudem erfuhren die Medien eher von den Änderungen als die Schulleiter, so im Dezember, als Minister Tonne quasi den Eltern die Entscheidung für den Schulbesuch übertrug.
Das hat viele massiv verärgert. Richtig war, dass Tonne vor den Ferien einen Plan vorgelegt hat, wie es danach weitergehen soll – was sich nun wieder geändert hat. Das kurzfristige Reagieren, Umplanen hat nicht nur Schulleitungen überlastet. Hinzu kamen Probleme mit digitalen Geräten, Lernsoftware und der Technik hinzu, die nicht auf dem Stand war, um digitales Unterrichten zu ermöglichen. Da sind wir wieder bei den Einsparungen.
Einerseits die Forderung nach Präsenzunterricht, andererseits Schulschließungen – passt das?
Alle sind sich einig, wie wichtig der Präsenzunterricht ist, wie wichtig Schulen und Betreuung für die gesamte Entwicklung sind. Ich ärgere mich über den Beschluss der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten, darin steht zunächst, wie bedeutend der Präsenzunterricht ist, welche negativen Folgen die Schulschließungen haben. Im nächsten Satz steht: Die Schulen werden geschlossen. Man hätte alle Hebel in Bewegung setzen müssen, damit Präsenzunterricht im Winter mit gleichzeitigem Gesundheitsschutz funktionieren kann. Das ist nicht passiert.
Sie sind verärgert..
Ja. Hinzu kommt etwas, das in Niedersachsen für großes Unverständnis sorgt: Die Tatsache, dass die Grundschulen anders als andere Schulformen behandelt werden, also nur eine Woche schließen, dann ins Wechselmodell übergehen. Das Corona-Virus fragt aber nicht nach Schulformen. Das ist doch ein Hüh und Hott. Es ist unlogisch, dass einerseits wegen der Gefährlichkeit des Virus und aus Gründen der Kontaktverminderung die Schulen geschlossen werden, die Grundschüler aber nach einer Woche wieder im Wechsel zum Unterricht gehen.
Waren Lehrer nicht eine wichtige aber ungeschützte Berufsgruppe?
Ja. Wir haben massiv den Gesundheitsschutz eingefordert, Schutzmaterial verlangt, gefordert, dass in leerstehenden großen Räumen wie Kultureinrichtungen unterrichtet werden soll. Wenn wir über Lüftungsgeräte sprechen, müssen wir zunächst feststellen, dass man in manchen Klassenräumen nicht einmal die Fenster zum Durchlüften öffnen kann. Es ist nicht zu fassen, dass seit Jahrzehnten derartig die Augen vor Notwendigkeiten verschlossen werden. Das Ziel der schwarzen Null im Haushalt steht über dem Ziel der guten Bildung für unsere Kinder und Jugendlichen.
Welche Verbesserungen sind notwendig?
Es braucht in diesen drei Wochen einen Schlussspurt von Bund, Land und Kommunen, die die Zeit nutzen und ein tragfähiges Konzept für das zweite Schulhalbjahr vorlegen. Mehr noch: Die Schulen brauchen schnell das Geld für Geräte, Schutzmaterial, Filterlüftungsanlagen und die Freiheit, all das anzuschaffen. Wir brauchen auch genügend große Räume. Langfristig muss mehr Personal eingestellt werden, kurzfristig mehr Aushilfen, wie Lehramtsstudierende. In den 45 Millionen Euro hat Minister Tonne ja eine stattliche Summe dafür eingestellt. Das ist richtig, aber auch das dauert zu lange. Personalreserven stecken ja auch noch in Zwangsteilzeit arbeitenden pädagogischen Fachkräften, deren Stellen schnell aufgestockt werden könnten. (Thomas Kopietz)
Laura Pooth, GEW-Landesvorsitzende.

ZUR PERSON:

Laura Pooth, (42), ist gebürtige Göttingerin, wuchs in Gifhorn, Bielefeld auf und studierte in Kassel. Sie lebt mit Ehemann und 12-jährigem Sohn in Oldenburg, arbeitet in Hannover. Seit 2017 leitet Pooth die GEW Niedersachsen mit 30 000 Mitgliedern und ist die erste Frau in dieser Position. Pooth ist Haupt- und Realschullehrerin.

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