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Kultusminister Tonne will mit „Gewinnungspaket“ mehr Lehrer in Schulen bringen

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Von: Thomas Kopietz

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Eine Lehrerin kümmert sich in einer Grundschule im Klassenraum um zwei Kinder.
Schöner Beruf, aber zu wenig Studienplätze, zu wenig Berufseinsteiger: Den Lehrermangel will Kultusminister Grant Hendrik Tonne in Niedersachsen mit mehr Stellen beheben. Andere Fraktionen im Landtag sind kritisch und bewerten das als Aktionismus. FotoArturVerkhovetskiy/Archiv © Artur Verkhovetskiy/Archiv

In Niedersachsen fehlen etwa 8000 Lehrerstellen. Die Situation in vielen Schulen ist angespannt. Der Kultusminister versucht, etwas dagegen zu tun.

Hannover/Göttingen – Der Titel ist sperrig, die Folgen sollen effektiv sein: Ein „Lehrkräfte-Gewinnungspaket“ soll in Niedersachsen dringend benötigte Lehrerinnen und Lehrer in die Schulen bringen. Die Lage ist ernst: Im Land fehlen nach Schätzung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mindestens 7000 Lehrer. Nun geht Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) im Wahljahr in die Offensive:

730 mehr Lehrerstellen, 150 davon in Grundschulen - klingt viel, ist wenig

730 zusätzliche Stellen, davon 150 für Grundschulen, schreibt das Kultusministerium aus – zum neuen Schuljahr sind dann 2300 Stellen neu zu besetzen. Tonne sagt trotz der ernsten Lage und Personalknappheit: „Damit sind wir aber erst einmal vollumfänglich handlungsfähig.“

Lehrer: Geldprämie für Berufseinsteiger

Tonne will auch mit Geld zögerliche Berufseinsteiger ködern: Bis zu 400 Euro Prämie winken Bewerbern in der Ausschreibungsrunde. Das Prämiensystem ist aber befristet. Künftige Förder-, Haupt- und Realschullehrer erhielten für die Dauer ihres Vorbereitungsdienstes eine Prämie von rund 300 Euro. Zudem beteilige sich das Land an den Umzugskosten, wenn Lehrer Stellen an entfernteren Orten annehmen.

Lehrer: Bessere Chancen für Quereinsteiger, mehr Studenten als Aushilfen

Zudem soll die Lehrerausbildung verändert werden: So sollen Lehrer bereits im Vorbereitungsdienst mehr eigenverantwortlichen Unterricht erteilen. Der Minister will auch Quereinsteigern den Zugang in den Lehrerberuf erleichtern und weist darauf hin, dass Schulen leichter Studierende einstellen können, ebenso Pensionäre. Das Land will auch das Hinausschieben des Ruhestands gegen Zahlung eines Zuschlags ermöglichen.

„Im kommenden Schuljahr erwarten wir rund 32 000 Schülerinnen und Schüler zusätzlich an den Schulen“, betonte Tonne (SPD). Grund für den sprunghaften Anstieg seien der Ukraine-Krieg, nachgeholte Einschulungen sowie steigende Geburtenzahlen.

Laut Ministerium arbeiten zurzeit 83 000 Lehrer in Niedersachsen. Obwohl das einem neuen Höchststand entspreche, sei die „Decke bei der Lehrkräfteversorgung noch zu kurz“.

Und dann wird der Minister gar zum PR-Mann: „Es war nie attraktiver, Lehrer und Lehrerin in Niedersachsen zu werden.“ Solche Töne und das Paket lösen allerdings sofort Kritikreflexe aus. Koalitionspartner CDU findet, das Paket sei ein richtiger Schritt, es löse aber auch „ein gewisses Befremden“ aus, weil Tonne kurz vor der Wahl reagiere. FDP-Bildungsexperte Björn Finsterling wirft Tonne „Aktionismus“ vor. Die Unterrichtsversorgung würde dadurch nicht deutlich besser.

Lehrerverband: Lehrermangel bleibt großes Problem

Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL) ist sich gar sicher: „Der Lehrermangel an vielen unserer Schulen wird auch im neuen Schuljahr ein großes Problem bleiben.“ (Thomas Kopietz)

KOMMENTAR

Lehrermangel in Schulen ist dramatisch

Die Decke bei der Lehrkräfteversorgung sei noch zu kurz. Das ist eine smarte Situationsbeschreibung des Kultusministers Grant Hendrik Tonne für das, was in Schulen Alltag ist – und sich in Corona-Zeiten, verbunden mit Krankheitsausfällen von Lehrern und Mitarbeitern, verschärft hat: Es fehlt in den Schulen massiv an Personal.

Da helfen auch die seltsamen, praxisfernen Zahlen zur Unterrichtsabdeckung aus dem Ministerium wenig. Kurzum: Die Lage an Niedersachsens Schulen ist so schlecht, wie seit vielen Jahren nicht. Laut Schätzungen der GEW fehlen mehr als 7000 Lehrkräfte. 730 neue Stellen sind da herzlich wenig. Die Schuld daran trägt auch das Kultusministerium.

Es braucht also mehr Lehrkräfte. Die Zeit ist vorbei, in denen Studierende in die Lehramtsstudiengänge strömten. Traumberuf Lehrer, das war einmal. Umso wichtiger sind Anreize wie bessere Bezahlung – vor allem in Grundschulen und für Berufseinsteiger – sowie bessere Arbeitsbedingungen und weniger Bürokratie. Auch die ausbildenden Universitäten müssen die Lehramtsstudiengänge viel stärker fördern, besser ausstatten, anstatt dort zu sparen - und vor allem mehr Studienplätze bieten. Stattdessen wird an den Zulassungsnoten geschraubt.

Das Tonne-Paket ist richtig, es ist aber nur ein Anfang, es wird aber nicht zur schnellen Verbesserung der Lage führen. Lehrer und Schüler brauchen Geduld. (Thomas Kopietz)

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