Hilfe bei Vergiftung

Giftinformationszentrum-Nord in Göttingen bietet Betroffenen Rund-um-die-Uhr-Hilfe

Wegweiser der UMG im Containerdorf. Unter anderem ist das Giftinformationszentrum Nord zu lesen.
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Im Containerdorf: Die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) beherbergt auf ihrem Medizin-Campus das Giftinformationszentrum Nord.

Die Corona-Krise hat auch Auswirkungen auf die Experten im Giftinformationszentrum-Nord (GIZ) an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG): Es gibt mehr Anrufe und Fragen.

Göttingen - Grund für diese Zunahme sind Vergiftungen mit Desinfektionsmitteln. Im April und Mai 2020 gab es jeweils 160 statt der üblichen 50 Anrufe diesbezüglich. An manchen Tagen hängen zeitgleich mehrere Anrufende in der Warteschleife.

Wie viele, das bekommt Dr. Andreas Schaper von seiner Telefonanlage angezeigt – nicht aber, worum es geht. Und weil er nicht weiß, ob vielleicht der übernächste Anrufer einer ist, bei dem es um Leben und Tod geht, hält er jedes Gespräch grundsätzlich kurz. Welche Pflanze war es? Wie geht es Ihnen? Wie viel Duschgel hat das Kind getrunken und hustet es?

Dr. Andreas Schaper, Leiter Giftinformationszentrum Nord an der UMG.

Viele Anfragen wegen möglicher Vergiftungen betreffen Kinder von ein bis vier Jahren

Etwas 44.494 Anfragen – die meisten in den Monaten Juni bis Oktober – gingen 2019 im GIZ-Nord ein: Menschen haben etwas gegessen und fühlen sich nun schlecht, Kinder haben etwas getrunken, was die Eltern nicht kennen. Überhaupt Kinder: Die meisten Anfragen wegen Vergiftungen im GIZ entfallen auf in diesem Alter mobiler werdende ein bis vierjährige Kinder, etwa 15.000 von 40.000.

1996 wurde das Zentrum gegründet, als gemeinsame Einrichtung der Nord-Länder Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen, angeschlossen an die Universitätsmedizin Göttingen (UMG).

Von den 40 Mitarbeitern sind 17 im Telefondienst. Auch Andreas Schaper, einer der beiden Leiter des Zentrums, ist regelmäßig dabei. „In einer Acht-Stunden-Schicht hat man es schon mal mit knapp 50 Anrufern zu tun“, sagt er.

Ruft jemand an, startet die immer gleiche Routine: Es geht darum herauszufinden, was passiert ist – und wie dringend der Fall ist. Schaper hat viel Erfahrung, so dass er oft schon sehr schnell eine Ahnung hat, in welche Richtung sich ein Gespräch dreht.

Beratungsprotokoll nach jedem Telefonat dokumentiert, was empfohlen wurde

Genauso, wie er manche Menschen beruhigen kann, rät er anderen, schnell die 112 zu wählen – vor allem dann, wenn sie bereits Symptome bemerken. „Schwierig wird es vor allem dann, wenn man mit Eltern spricht, die Probleme haben, sich auf Deutsch zu verständigen oder bei denen man zugleich merkt: Die sind in Panik. Nach jedem Gespräch fertigt Schaper ein kurzes Beratungsprotokoll an – damit immer nachvollziehbar ist, was er empfohlen hat.

Schapers Erfahrung nach lassen sich die Fälle in drei etwa gleich große Gruppen einteilen: Bei einem Drittel der Anrufe geht es um kleine Kinder, die unbekannte Pflanzen zu sich genommen haben oder die Herztabletten der Großmutter oder Spülmittel.

Bei einem weiteren Drittel stehen ihm zufolge erwachsene Suizidgefährdete im Zentrum, zumeist haben sie Tabletten geschluckt. „Und beim letzten Drittel geht es dann um alles andere“, sagt Schaper. Insektenstiche könnten das sein, Pilzvergiftungen, gar Schlangenbisse.

Weil die Menschen mehr zuhause kochen: Anrufe wegen Vergiftungen mit vermeintlich bekannten Kräutern

Wie sehr Corona in den Alltag der Menschen hineinwirkt, wird auch von einer Beobachtung eines anderen Giftinformationszentrums unterstrichen, nämlich dem in München: Hatten sich dort im gesamten Jahr 2018 noch 71 Menschen gemeldet wegen einer mutmaßlichen Vergiftung mit einem Bärlauch-Doppelgänger, so wurde diese Zahl 2021 bereits im März mit 72 übertroffen. Eine denkbare Ursache für diesen Anstieg sei, dass viele Menschen in der Pandemie öfter zu Hause kochen, so die Experten.

In Deutschland gibt es sieben Giftinformationszentren und Giftnotrufe. Sie alle sind zuständig für ein oder mehrere Bundesländer – keines deckt eine so große Fläche ab wie das Giftinformationszentrum-Nord. Deswegen geschieht es auch recht häufig, dass Menschen anrufen, die anderswo zu Hause sind als in Norddeutschland.

„Die weisen wir natürlich nicht ab, sondern beraten sie genauso wie alle anderen“, sagt Schaper. Das habe sogar für die Anfrage gegolten, die vor einiger Zeit aus Grönland kam. (Thomas Kopietz)

GIZ-Nord in Göttingen für vier Bundesländer zuständig

Das Giftinformationszentrum (GIZ) Nord an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) ist für alle Vergiftungen in den vier norddeutschen Bundesländern Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein die primäre Beratungs- und Erfassungsstelle. Es ist seit 2005 mit dem Klinisch-Toxikologischen Labor zum Pharmakologisch-Toxikologischen Servicezentrum (PTS, pt-servicezentrum.de) der UMG zusammengefasst. Untergebracht ist das GIZ in Bürocontainern an der Südseite des Klinikum-Geländes.

Bei Vergiftungen: GIZ-Nord, Tel. 0551/19240.

Aus dem Ausland: Tel. 0049/551/19240.

Internet: giz-nord.de

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